Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Phillip Boa: Ich wollte immer nur provozieren!

Phillip Boa: Ich wollte immer nur provozieren!

Der Indierock-Musiker galt in den 80ern als wild und unberechenbar / Inzwischen ist der Dortmunder gelassener geworden / Am 6. Mai kommt er mit seiner Band und aktuellen Songs nach Rostock

Phillip, vor mehr als 30 Jahren hast du die Band Phillip Boa And The Voodooclub gegründet. Eure aktuelle Platte „Bleachhouse“ ist als erste in den Top Ten der Charts gelandet. Früher hast du, zumindest bei den Singles, immer dafür gesorgt, dass das möglichst nicht passiert. Ist das heute anders? Hast du dich darüber gefreut?

Phillip Boa: Das Ganze war eine Independent-Produktion und meine Plattenfirma hat sich darüber gefreut — und ich mich für sie. Mich persönlich macht es nicht besonders stolz.

Du hast mal gesagt: „Ab 10 000 Tonträgern verkaufe ich an Idioten“. Würdest du den Satz auch heute noch unterschreiben?

Phillip: Ich habe so viele Dinge gesagt, um zu provozieren. Die Zahl liegt wesentlich höher. Damals lag sie so bei 200 000 und heute bei 50 000, würde ich sagen. Es gibt aber immer Ausnahmen.

Manche Platten sind sehr kommerziell, verkaufen sich millionenfach und trotzdem sind die Inhalte gut. Lana Del Rey zum Beispiel finde ich eigentlich ziemlich gut. Meine Sprüche damals sollten provozieren. Trotzdem stimmt das Statement grundsätzlich immer noch. Ich bin mit meinen Sprüchen immer meiner Zeit voraus gewesen (lacht).

Wie sind die Songs des aktuellen Albums bei den Fans angekommen bei den Konzerten? Ihr seid damit ja schon eine Weile auf Tour.

Phillip: Wir mischen bei unseren Auftritten alte mit neuen Songs und es ist immer unheimlich schwer, zu erreichen, dass die neuen Lieder akzeptiert werden von den Fans. Ich hatte aber das Gefühl, dass es ganz gut klappt.

Wie alt sind eigentlich eure Fans? Sind da auch junge bei?

Phillip: In den größeren Städten sehe ich vorne bei der Bühne immer viele Jüngere. Unsere erfolgreichste Zeit war 1993. Von damals sind uns auch noch viele treu geblieben oder kommen gerade wieder zurück. Diesen Eindruck habe ich. Gleichzeitig sprechen wir aber neuerdings auch viele Jüngere an. Nach einer Krise der Band zwischen 1999 und 2011 haben wir seit ein paar Jahren wieder einige Fans dazugewonnen.

Hast du eine Erklärung dafür?

Phillip: Nicht so richtig. 2010 wollten Pia, die damals noch Sängerin war, und ich das ganze Projekt schon beenden. Aus unerklärlichen Gründen kamen dann wieder mehr Leute. Das erzeugt dann auch wieder eine neue Energie für die Band. Live sind wir vielleicht sogar besser als vor zehn Jahren. Die neue Sängerin bringt frischen Wind.

Pris heißt sie. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Phillip: Wir haben erst Castings mit mehr oder weniger etablierten Sängerinnen gemacht. Wir hatten eigentlich schon aufgegeben, als durch Zufall dann irgendwie Pris ins Spiel kam. Irgendwer kannte sie und hat sie mitgebracht. Sie hat zwar noch nicht viel Erfahrung, aber das fand ich gerade gut. Bei den Fans ist sie inzwischen beliebt. Auch für uns ist die Umstellung nach so vielen Jahren mit Pia Lund einfacher, als wir gedacht hätten.

Manche eurer Texte sind sehr rätselhaft. Worum zum Beispiel geht es im Titelsong „Bleach House“?

Phillip: In dem Lied geht es um ein libysches Gefangenenlager, in dem gefoltert wird. Die Person, um die es im Song geht, ist irgendwo zwischen Wachheit und Koma und kann nicht mehr die Wirklichkeit von den Albträumen trennen. Es verwischt alles. Normalerweise verrate ich so genaue Inhalte gar nicht, sonst wird so ein Song schnell zu grausam.

Wie bist du auf die Idee gekommen, darüber ein Lied zu schreiben?

Phillip: Ich verbringe ja viel Zeit auf Malta und es kommen viele Leute aus Libyen dort an und man hört viele Geschichten von Leuten, die dort leben oder arbeiten.

Manche deiner Songs sind autobiografisch. So singst du im Lied „Überblendung“, dass du deine Seele in den 90ern verloren hast. Ist das autobiographisch? Inwiefern hast du da deine Seele verloren?

Phillip: Nicht unbedingt verloren. Der Song ist inspiriert vo n Thomas Manns Roman „Dr. Faustus“. Da verkauft der Held seine Seele an den Teufel, um Erfolg zu haben. Und das macht langfristig eigentlich jeder, der Musik macht. Fast jeder, der in der Öffentlichkeit steht, verkauft irgendwie seine Seele. Merkt das aber vielleicht gar nicht. Das ist schon ein bizarrer Prozess und manchmal ist es gut, einfach darüber zu singen, es rauszuschreien.

Im vergangenen Jahr hast du eines deiner ersten Alben aus den 80ern, „Aristocracie“, neu aufgelegt. Sind da viele alte Erinnerungen hochgekommen?

Phillip: Das war tatsächlich unser erstes Album. Vor dem Remastern haben wir altes Material gesammelt, uns viele Live-Aufnahmen von damals angehört, Leute interviewt, reflektiert. Da kommen viele Erinnerungen hoch.

Mit euren Alben gebt ihr euch immer sehr viel Mühe und gestaltet auch das Booklet liebevoll. Vor allem das remasterte Album ist sehr hochwertig. Ist dir sowas sehr wichtig? Viele Musiker denken in diesem Punkt ja eher ans Sparen.

Phillip: Ich setze generell auf hohe Qualität und arbeite eigentlich noch wie in den 90ern, als würde da eine große Plattenfirma hinterstehen. Ich stecke da mein privates Geld rein, arbeite immer noch mit Top-Leuten und versuche den Fans möglichst viel zu geben. Ich finde es nicht richtig, billig produzierte CDs für 15 Euro zu verkaufen. Auch unser Designer ist top.

Du bist ja jetzt schon so viele Jahre dabei und der Musikmarkt hat sich inzwischen sehr gewandelt. Hat sich für dich als Musiker dadurch auch einiges verändert? Was?

Phillip: Ich versuche, den Wandel zu nutzen. Wir machen heute alles selbst. Vor zwanzig Jahren hat man das die Plattenkonzerne machen lassen. Der Druck war dadurch früher viel größer als jetzt. Wir müssen uns auch nicht ständig streiten mit den Plattenfirmen-Leuten darüber, ob unbedingt die Künstler auf dem Cover abgebildet sein müssen und solche Sachen. Eigentlich gefällt‘s mit, wie‘s heute läuft.

Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass ihr viel zu tun habt.

Phillip: Da haben wir das Glück, dass uns Fans unterstützen — bei der Vermarktung und beim Management.

Am 6. Mai kommt ihr nach Rostock. Warst du schon mal da und kennst die Stadt und MV?

Phillip: Wir waren schon oft in Rostock und die letzten Konzerte waren richtig gut besucht. Wir fahren in der Regel dann auch an die Ostsee, so 20, 30 Kilometer entfernt von Rostock. Da ist es nicht so voll.

„Container Love“ brachte kommerziellen Erfolg

1985 gründete Phillip Boa (* 18. Januar 1963 in Dortmund) die Band Phillip Boa And The Voodooclub — zusammen mit seiner damaligen Partnerin Pia Lund. Einen Namen machte er sich 1989 mit der Single „Container Love“, die kommerziell erfolgreich war. Zwischen 1997 und 2003 verließ Pia Lund die Band, stieß aber 2003 wieder dazu (bis 2013) . Neue Sängerin der Band ist seit 2014 Pris.

Zur Band gehören neben Pris und Phillip Maik Timmermann (Bass), Moses Pellberg (Schlagzeug), Toett/Detlef Götte (Keyboard, Percussion, Programming, Samples). Die Band hat bereits mit vielen Labels, unter anderem Sony, zusammengearbeitet. Die zwei aktuellsten Alben erschienen bei Cargo Records.

Live: Freitag, Mau Club Rostock,

Einlass: 19 Uhr, Karten: 26,80 Euro (VVK)

Von Interview von Nele Baumann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hamburg

„Ich sitze an der Bar, mit 'nem Drink und 'ner Cigar, da schleicht herein der Sensenmann, macht mich blöde von der Seite an“, singt Udo Lindenberg. Für sein neues Album hat er zwar schon mal selbst seinen Nachruf verfasst, aber: „Ey sorry, ich kann hier echt noch nicht weg.“

mehr
Mehr aus Szene