Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
„Stockholm war mir egal“

„Stockholm war mir egal“

Seinen Song „Nur ein Lied“ hörten nach den Anschlägen von Paris 2015 mehr als drei Millionen Menschen / Am 29. September gibt der bayerische Musiker Alex Diehl ein Konzert im Rostocker Mau Club

Dem OZelot sagt der 28-Jährige, warum er beim Vorentscheid des Eurovision Song Contests mitgemacht hat und mit 17 Jahren mitten in einer Matheklausur die Schule geschmissen hat.

Alex, dein Name ist für viele eng verbunden mit dem Song „Nur ein Lied“, der nach den Terroranschlägen von Paris um die Welt ging. Darin heißt es „Aus Angst wird Hass, aus Hass wird Krieg / Bis die Menschlichkeit am Boden liegt“. Bist du traurig oder wütend über das, was gerade in der Welt passiert?

Alex Diehl: Beides. Ich war gerade in Berlin und habe einen Teil meiner Spende überreichen können. Ich habe mich ja entschieden, die Einnahmen, die eigentlich an mich gehen würden, an die Organisation „Save The Children“ zu spenden. Ich war deshalb im Asylbewerberheim und habe dort Kinder kennengelernt – aus Pakistan, Syrien, Afghanistan – und habe mit denen auch Musik gemacht. Ich denke immer, dass ich mich gut für Dinge sensibilisieren kann, die da auf der Welt passieren. Wenn dann aber ein Kind vernarbt vor dir steht, ist das noch eine ganz andere Sache. Wenn so ein Kind vor deiner Haustür steht, weil es verfolgt wird. Welcher Mensch könnte dann die Tür zumachen?

Dann glaubst du, es sollten alle Menschen den Kontakt zu Flüchtlingen suchen?

Alex: Wenn jeder mal einen Tag ein Asylantenheim besuchen würde und statt Wörtern wie „Flüchtling“ ein Gesicht vor Augen hätte – dann gäbe es diesen Rechtsruck gar nicht. Es ist aus meiner Sicht nur Unwissenheit gepaart mit Angst.

Und mit „Nur ein Lied“ willst du die Menschen darauf aufmerksam machen?

Alex: Ich bin auf dieses Lied, das viel bewegt hat, im Nachhinein nur noch stolz. Ich habe jahrelang versucht, einen Popsong zu schreiben, der mich nach oben katapultiert und dann ist es am Ende ein Handyvideo, das Konzertsäle füllt und viele Menschen teilen meine Musik mit mir, weinen und lachen auf meinen Konzerten.

Die Leute weinen bei deinen Konzerten?

Alex: Oh ja. Letztens habe ich nach dem Konzert gesehen, dass der ganze Boden weiß war – bedeckt von weißen Kleenextüchern. Meine Songs nehmen viele emotional sehr mit. Das ist unfassbar für mich und ich bin dankbar dafür. „Nur ein Lied“ hat mir Türen geöffnet. Und das Schöne ist, dass es nicht nur mir als Künstler Aufmerksamkeit bringt, sondern auch etwas bewegt. Auf Demos gegen rechts wird das Lied gesungen oder auf Friedensmärschen.

Als du von den Terroranschlägen gehört hast, hattest du da direkt das Bedürfnis, einen Song dazu zu schreiben?

Alex: Direkt danach, ja. Die Anschläge geschahen abends am 13. November 2015, am 14. November etwa um vier Uhr morgens war das Video fertig. Die Anschläge an sich haben mich aber eigentlich gelähmt. Der Grund für das Lied war ein Posting der AFD, die nach den Anschlägen in einem Subtext geschrieben hatten: „Bald sind wir die Flüchtlinge“. Ich wollte mich mit „Nur ein Lied“ eigentlich nur gegen solche Posts wehren.

Du hast das Lied auch beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest 2016 gesungen. Wie war es für dich, bei dieser Show mitzumachen?

Alex: Ich war unfassbar nervös davor, weil ich mit einem politischen Lied bei einem Kommerz-Wettbewerb angetreten bin. Ich habe teilgenommen, weil ich wusste, dass ich so viele Millionen Menschen erreichen kann. Mir ging es nicht um Stockholm.

Du hast schon als Kind angefangen, Musik zu machen und auf Wikipedia ist zu lesen, dass du mit 17 Jahren während einer Mathematik-Klausur beschlossen hast, dich auf die Musik zu konzentrieren und die Schule zu verlassen ...

Alex: Weinend bin ich ins Sekretariat gelaufen und habe gesagt, dass ich die Schule kündigen will. Dann musste der Schulpsychiater kommen und ich habe gesagt: „Leute, ich kann das nicht mehr.

Ich verplempere hier meine Zeit.“ Mein Vater war bitterböse enttäuscht. Ich wurde aber zwei Wochen später 18 Jahre alt, bin ausgezogen und habe meine eigene Firma gegründet. Ich habe als ganz junger Musiker Gitarrenunterricht gegeben und in Bands gespielt, um mein 1-Zimmer-Appartment und meinen alten Opel zu finanzieren.

Die ersten Jahre als unbekannte Musiker waren dann wahrscheinlich nicht einfach. Im Titelsong „Bretter meiner Welt“ deiner aktuellen Platte singst du „All die Jahre voller Fragen, ich werf sie über Bord“. Hattest du Zweifel daran, den richtigen Weg zu gehen?

Alex: Ängste und Zweifel en masse hatte ich. So oft habe ich auf der Couch von Freunden oder Fans geschlafen und hatte ein oder zwei Jahre nicht mal eine Krankenversicherung. 2014 erst hat sich das mit meinem ersten Plattenvertrag geändert.

Viele deiner Songs sind sehr emotional, handeln von Trennungsschmerz oder Sinnsuche. Du bist rein optisch ein großer starker Mann. Ein großer starker Mann, der offen seine Gefühle besingt. Nutzt du diesen Kontrast bewusst und spielst mit Klischees?

Axel: Nein, ich kann einfach nichts anderes. Ich habe in meinem ganzen Leben kein Lied geschrieben, um ein Lied zu schreiben. Ich habe immer nur eins geschrieben, weil ich eins schreiben musste – weil ich verlassen wurde, weil ich jemanden gefunden habe oder weil mein Pianist gestorben ist. Es sind alles „Bretter meiner Welt“ – Geschichten, die ich selbst erlebt habe

Du kommst aus Oberbayern und bist es gewöhnt, Berge um dich zu haben. Magst du denn auch den Norden? MV?

Alex: Für mich gibt es keine schöneren Ecken als ganz im Süden oder ganz im Norden – die Berge und die Seen und das Meer und die Dünen. In Rostock war ich allerdings noch nie, freue mich aber sehr auf das Konzert. Habe Bilder vom Mau Club gesehen und finde, es sieht dort am Hafen märchenhaft industriell aus.

Interview von Nele Baumann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
San Francisco

Eine halbe Stunde stehen die Beatles am 29. August 1966 in San Francisco auf der Bühne. So kamen die „Fab Four“ danach nie wieder zusammen. Fans erinnern sich an Chaos und Hysterie. 50 Jahre nach dem historischen Auftritt werden seltene Fotos von damals veröffentlicht.

mehr
Mehr aus Szene