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Vom alltäglichen Gebrauchsgerät zum kultigen Designstück

Gibt es noch Kabeltelefone und Telefonzellen? Der OZelot setzt die Serie „Was wurde aus?“ fort Vom alltäglichen Gebrauchsgerät zum kultigen Designstück

Sie stehen noch vereinzelt herum, sind oft besprayt und selten benutzt: Telefonzellen.

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Was ist das denn? Junge Leute nutzen fast nur noch Smartphones. Kabeltelefone gelten allerdings auch wieder als „stylisch“.

Quelle: Fotolia

Sie stehen noch vereinzelt herum, sind oft besprayt und selten benutzt: Telefonzellen. Während es vor zehn Jahren nach Angaben der Bundesnetzagentur über

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Sie stehen noch vereinzelt herum, sind oft besprayt und selten benutzt: Telefonzellen.

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100 000 öffentliche Fernsprecher gab, sind es heute nach Angaben der Deutschen Telekom nur noch etwa 30 000.

Fast jeder besitzt heute

ein Smartphone

Noch um die Jahrtausendwende waren sie aus dem Alltag kaum wegzudenken. Etwa eine Milliarde Gespräche führten die Deutschen im Jahr 1999 über öffentliche Fernsprecher. Danach gingen die Zahlen Jahr für Jahr zurück: 2008 waren es nur noch 210 Millionen Anrufe, im darauffolgenden Jahr 165 Millionen. Heute benutzen vor allem junge Leute Telefonzellen so gut wie gar nicht mehr. Denn mehr als 90 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ein Smartphone oder ein Mobiltelefon.

Sind Telefonzellen also „out“? In Bezug auf ihren ursprünglichen Nutzen sind sie tatsächlich Auslaufmodelle aus einem vergangenen Zeitalter. In anderer Hinsicht jedoch gewinnen sie für viele junge Leute an Wert. Denn sie gelten als nostalgische Kultobjekte. Wie begehrt sie sind, zeigt sich darin, dass viele der Zellen auf ebay zum Verkauf angeboten werden. Die neuen Besitzer funktionieren sie dann oft zu allem Möglichen um. So haben zwei leidenschaftliche Camper aus Rheinland-Pfalz eine gelbe alte Zelle zu einer Toilette umgebaut und auf ihren Dauercampingplatz gestellt. Für 500 Euro bieten sie das gute Stück derzeit zum Kauf an.

Sehr beliebt ist der Einsatz als Büchertausch-Station. Da finden sich auch in MV einige Beispiele. So steht etwa in Wustrow direkt am Strand eine hübsch gestaltete Telefonzelle mit der Aufschrift „Bücherbox“. Auch die Stadt Marlow hat auf ihrem Marktplatz einem öffentlichen Fernsprecher neues Leben eingehaucht und ihn in eine „Bücherstube“ verwandelt. Kaum zweckentfremdet dagegen wurde eine Telefonzelle in Broderstorf (Landkreis Rostock). Torsten Bauer hat sich ein gelbes Exemplar in den Garten gestellt und seinen privaten Anschluss dort angekoppelt. Der Nostalgiefan hat, um die Zeitreise perfekt zu machen, sogar alte Telefonbücher dazugelegt.

Eine verrückt klingende Idee hatten auch zwei Berliner. Sie haben in der Bundeshauptstadt drei alte Zellen in Diskotheken umgebaut. Für zwei Euro können tanzfreudige Menschen hier auf kleinstem Raum feiern. Für vier Euro gibt es ein Foto dazu, für sechs Euro ein Video.

Londoner Telefonzellen zum Aufladen von Smartphones

Wenn man weiter über den Tellerrand schaut und über MV und Deutschland hinaus nach England blickt, geht es dort noch innovativer zu. Zwei junge Londoner haben eine alte Telefonzelle der britischen Hauptstadt zu einer sogenannten „Solarbox“ umgebaut. Hier können Smartphonenutzer ihre Geräte aufladen. Den Geografie-Studenten Kirsty Kenny und Harold Craston war es absurd erschienen, dass 8000 Telefonzellen in London nutzlos herumstanden. So entstand die Idee, sie als Aufladestationen zu nutzen. Die Energie liefert eine Solarzelle auf dem Dach.

Alte Kabeltelefone

neu produziert

Relikte früherer Zeiten sind nicht nur Telefonzellen, sondern auch Kabeltelefone für Festnetzanschlüsse. Da „retro“ allerdings wieder modern geworden ist, verwendet so manch ein junger Mensch viel Energie darauf, ein altes Telefon-Modell mit Wählscheide und Kabel zu ergattern. Das hat auch die Industrie bemerkt und stellt solche Modelle jetzt wieder neu her. So hat etwa die Firma „Cultfurniture“ eine Replik eines klassischen 70er-Jahre-Telefons hergestellt und wirbt damit, eine „traditionelle Wählscheibe“ sowie einen „authentischen Klingelton“ anzubieten. Auch die Schweizer Firma Swissvoice verkauft ein schwarzes „Vintage“-Telefon, so heißt es in der Beschreibung, im Stile der 50er-Jahre.

Das erste Telefontischgerät mit einer Handgabel entwickelte im Jahr 1892 der schwedische Hersteller L.M. Ericsson. Statt einer Wählscheibe hatte es eine Kurbel an der Seite. Nach den Telefon-Modellen mit Wählscheiben folgten in 70ern Modelle mit Tasten. Schnurlose Telefone setzten sich ab 1980 durch.

Die Geschichte des Telefons

Der Physiker Philipp Reis bastelte 1861 eine Vorrichtung zur elektrischen Tonübertragung. Als eine Art Trommelfell dienten dem Hessen ein Stück Wursthaut, das Gehörknöchelchen baute er mit einem Metallstreifen nach. Erst lange nachdem Graham Bell 1876 sein Patent angemeldet hatte, stellte sich heraus, dass auch Reis‘ Erfindung gesprochenes Wort übermitteln konnte. Noch weitere Forscher haben zur Entwicklung des Telefons mit beigetragen. Bis heute diskutieren Experten, wer das Telefon erfunden hat.

Am 12. Januar 1881 wurde in Berlin das erste öffentliche Telefonnetz in Betrieb genommen. Im April desselben Jahres gab es bereits die ersten öffentlichen Fernsprecher, die in Postämtern untergebracht waren. 1899 wurden dann die ersten Münzfernsprecher in Betrieb genommen. 1906 existierten bereits Pläne für Telefonzellen, wirkliche Verbreitung fanden sie jedoch erst in den 20er Jahren. Der private Telefonanschluss zu Hause als Massenmarktprodukt setzte sich erst im späten 20. Jahrhundert durch.

In den 30er Jahren strich man die Häuschen in den Farben der Deutschen Reichspost gelb und blau an. Rein gelb wurden sie erst ab der Nachkriegszeit. Seit der Gründung der Deutschen Telekom im Jahr 1992 sind viele gelbe Häuschen durch öffentliche Kommunikationsterminals in den Unternehmensfarben Grau und Magenta ersetzt. An einigen dieser Terminals gelangt man auch ins Internet.

Die alten abgebauten Telefonzellen hat die Telekom 2013 zum Verkauf freigegeben. Je nach Modell kosten sie rund 600 bis 800 Euro.

OZ

Von Nele Baumann

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