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Ärztehaus: Wieder blieb der Fahrstuhl stecken

Grimmen Ärztehaus: Wieder blieb der Fahrstuhl stecken

89-Jährige Grimmenerin musste eineinhalb Stunden ausharren, bevor ein Monteur aus Stralsund sie und ihre Begleitung befreite

Grimmen. „Warum gibt es in diesem Fahrstuhl nicht mal einen Hocker?“ Das war das Erste, was Erika Bergemann gestern fragte, nachdem die 89-Jährige vom Reparaturservice aus dem wieder einmal feststeckenden Lift im Ärztehaus befreit worden war. Eineinhalb Stunden war sie dort drin. „Mein großes Glück war, dass ich nicht allein im Fahrstuhl feststeckte“, erklärt die Rentnerin aus der Leningrader Straße in Grimmen. Eine Bekannte, die sich schon seit Jahren um sie kümmert, hatte sie zum Arztbesuch begleitet. „Ich habe sofort die Notfallnummer mit dem Handy angerufen“, erklärt sie. Zum Glück war diese im Fahrstuhl notiert. Auch die Praxis von Andreas Kümmel hatte sie informiert. Hier hatte Frau Bergemann einen Termin. Dort ließ man angesichts der Notlage sofort alles fallen, um den beiden Frauen zu helfen.

 

OZ-Bild

Erika Bergemann (89) saß gestern eineinhalb Stunden im Fahrstuhl des Ärztehauses fest.

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Aber es dauerte dennoch seine Zeit, bis der gerufene Monteur aus Stralsund ankam. Die im Fahrstuhl eingeschlossenen Frauen retteten sich über die Wartezeit, in dem sie pausenlos miteinander geredet haben. „Ich habe alles erzählt, was mir eingefallen ist“, erklärt Erika Bergemanns Begleiterin. „Außerdem habe ich alles vorgelesen, was im Fahrstuhl stand.“

„Unvorstellbar, wenn ich da allein drin gestanden hätte“, meint die 89-Jährige, die in Kürze 90 wird und gesundheitlich einige Wehwehchen hat. Seit 1989 lebt sie in Grimmen. Seit jeher ist sie Patientin im Ärztehaus. „Eines steht für mich fest“, ist die Rentnerin sich sicher: „Ich steige nie wieder in diesen Fahrstuhl ein. Und wenn ich auf allen Vieren die Treppen hochkrabbeln muss.“

Es ist genau sechs Wochen und einen Tag her, da steckte der 81-jährige Heinz Lück aus Lüssow zwei Stunden in demselben Fahrstuhl fest. Am 1. August musste die Grimmener Feuerwehr gerufen werden, um ihn zu retten.

Der Landkreis Vorpommern-Rügen, dem die Immobilie gehört, hat sich gestern erneut für den Vorfall entschuldigt. „Es tut uns leid, was hier wieder geschehen ist“, sagt Sprecher Olaf Manzke. „So etwas darf nicht passieren. Wir werden uns deshalb sehr genau berichten lassen, woran es dieses Mal gelegen hat.“ Der Fahrstuhl, so Manzke weiter, hätte eine Betriebserlaubnis und den erforderlichen TÜV.

Obwohl er Baujahr 1972 sei.

Stillgelegt werden kann der Fahrstuhl nicht so einfach, weil er im Ärztehaus dringend gebraucht wird. Mehrere Praxen befinden sich in den Obergeschossen, in die viele Patienten nicht ohne seine Hilfe gelangen. Denn mehrheitlich wird das Ärztehaus von älteren Menschen aufgesucht, die nicht selten schlecht zu Fuß sind. Viele, wie auch Heinz Lück und Erika Bergemann, sind auf Hilfsmittel angewiesen.

So auf ihren Gehstock, auf den sich beide wenigstens im Fahrstuhl stützen konnten.

Der Lift im Grimmener Ärztehaus ist so alt wie die Immobilie selbst. 1972 wurde diese als Poliklinik für den Kreis Grimmen eröffnet. Nach der Wende, als sich die Ärzte in freier Trägerschaft niederlassen mussten, blieb sie Ärztehaus. Träger, also Vermieter, ist bis heute der Landkreis, der nun Vorpommern-Rügen heißt. Dessen Sprecherin Renate Jährling hatte bereits nach dem Vorfall am 1.

August mitgeteilt, dass es mehrfach Versuche gegeben habe, das Haus zu privatisieren. Sie scheiterten, weil sich trotz intensiver Suche kein externer Betreiber fand. Auch bemängelt der Landkreis, dass es seitens der jetzigen Mieter keine Bereitschaft gegeben habe, sich in einer Ärztegemeinschaft zusammenzufinden. Vorbehalte gebe es gegenüber den Kosten, die eine Sanierung verursachen würde.

Sie müssten am Ende natürlich umgelegt werden. Physiotherapeutin Barbara Major, die im Keller des Ärztehauses ihre Praxis betreibt, in der sich bereits das Linoleum vom Boden wellt, war sogar erbost, weil die OZ die Zustände im Haus geschildert hatte. Sie möchte darüber nichts weiter lesen, hatte sie am Telefon wissen lassen.

Wollen wir das?

Mal ehrlich: Wer von uns fährt ein 44 Jahre altes Auto? Doch niemand. Es sei denn, er ist ein Oldtimerfan. Einen 44 Jahre alten Fahrstuhl lassen wir uns aber gefallen. Wir lassen uns auch gefallen, dass dieser offenbar alle sechs Wochen stecken bleibt und es dann eineinhalb oder auch zwei Stunden dauert, bis für die Betroffenen Hilfe kommt. Das geht so lange gut, bis hier ernsthaft mal etwas passiert. Denn nicht jeder hält es über Stunden im finsteren und schwülwarmen Lift aus. Wollen wir das? Ich kann an dieser Stelle nur eindringlich fordern, dass hier kurzfristig Abhilfe geschaffen wird. Dazu müssen Vermieter und Mieter auch aufeinander zugehen. Denn ein nicht funktionierender Fahrstuhl bedeutet in der Endkonsequenz doch, dass das Ärztehaus seine oberen Etagen irgendwann schließen muss. Das aber kann sich Grimmen als deutschlandweites Schlusslicht bei der Hausärzteversorgung wahrlich nicht leisten.

Reinhard Amler

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