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Wismar Alles unter Kontrolle

Saisonstart: Landesweit sind 260 Wasserschutzpolizisten verstärkt im Einsatz. Jeder sechste Frachter hat 2016 gegen Umweltauflagen verstoßen. Seit Ostern sind auch Sportboote wieder im Fokus.

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Schiffskontrolle: Die Wasserschutzpolizisten Roland Gehrke (35, l.) und Holger Kraus (50) prüfen die Papiere und die versiegelten Kraftstoff-Rückstellproben.

Wismar. Weiße pudrige Flocken rieseln auf die dunkelblauen Jacken zweier Männer, die im Wismarer Seehafen strammen Schrittes auf einen Frachter zusteuern. Die Wasserschutzpolizisten haben ein Schiff im Visier, das soeben unter der Flagge Gibraltars in den Hafen eingelaufen ist. Schiffskontrolle.

OZ-Bild

Saisonstart: Landesweit sind 260 Wasserschutzpolizisten verstärkt im Einsatz. Jeder sechste Frachter hat 2016 gegen Umweltauflagen verstoßen. Seit Ostern sind auch Sportboote wieder im Fokus.

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„Es liegt Salz in der Luft“, sagt Polizeikommissar Holger Kraus und zeigt auf die herabschwebenden Kristalle. Kali-Salz wird in diesen Minuten über die Förderbänder aufs Schiff geladen. In Wismar werde zudem vor allem Holz und Schrott umgeschlagen, sagt der 50-Jährige. Drei bis vier Frachtschiffe steuern den Hafen täglich an, die Wasserschutzpolizei kontrolliert sie. 1070 Anläufe waren es laut Seehafen Wismar 2016. Neben den ganzjährigen Prüfungen der Berufsschifffahrt haben die Beamten jetzt wieder viel mit den Kontrollen der Sportboote zu tun.

Alles läuft auf Englisch

An Bord der „Baltic Skipper“ begrüßen Kraus und sein Kollege Roland Gehrke (35) den Kapitän mit Handschlag. Der Pole kramt zwei prall gefüllte Ordner hervor und übergibt sie den Kontrolleuren. In den nächsten 90 Minuten durchforsten die Wasserschutzpolizisten die Papierberge, prüfen, ob alle Zeugnisse, Genehmigungen und Patente vorliegen und ob die Daten stimmen – alles auf Englisch.

„Bei uns dauern solche Kontrollen, anders als im Straßenverkehr, mindestens eine Stunde, wenn wir was zu beanstanden haben, deutlich länger“, berichtet Kraus und hält ein wichtiges Zertifikat mit der Aufschrift „Oil Pollution Prevention“ (Vermeidung von Ölverschmutzung) hoch. Die Umweltvorschriften für Ost- und Nordsee seien besonders streng. „What kind of oil do you have?“, fragt Gehrke den Chefingenieur des Frachters. Welche Art von Öl wird genutzt? Vladyslav Zhadkovsky ist Ukrainer, sein Englisch rudimentär. Mit Gesten und einzelnen Worten versteht er die Beamten aber. „Gasoil only“, antwortet der Ingenieur.

Strenge Umweltkontrollen Die Wismarer fragen nicht ohne Grund. Dass Ölrückstände ins Meer abgelassen werden, kommt häufiger vor. In der Ostsee ist das verboten. Im vergangenen Jahr wurden bei den 835

Umweltkontrollen der Wasserschutzpolizei landesweit 132 Verstöße festgestellt. Jeder Sechste, der überprüft wurde, hat die Umweltrichtlinien verletzt. Manchen fehlte ein Zertifikat, andere haben das Wasser mit Kraftstoffrückständen verunreinigt. 766 Straftaten haben die Spezialpolizisten 2016 registriert – darunter Fischwilderei, Drogenmissbrauch und Trunkenheitsfahrten.

Auf der „Baltic Skipper“ ist an diesem Tag alles vorbildlich. Im Maschinenraum kontrollieren die Polizisten noch die Füllstände der Restbetriebsstoffe, auch die stimmen. Der Käpt’n – ein mit Jogginghose, Turnschuhen, engem Muskel-Shirt und Goldkette bekleideter Mann – lächelt zum Abschied und nippt an seiner Kaffeetasse. Im Hintergrund der Brücke steht ein Hometrainer. „Damit wir uns unterwegs bewegen, sonst werden wir fett“, sagt er und lacht. Sein Schiff fährt weiter in Richtung Finnland.

Die Frachter-Kapitäne seien – anders als die auf Kreuzlinern – meistens nicht in schicker Uniform unterwegs, erklärt Robert Stahlberg, Sprecher der Landeswasserschutzpolizei. Die Beamten laufen zu ihrem Küstenstreifenboot „Hoben“, denn der Zwölf-Stunden-Dienst der fünfköpfigen Besatzung geht nun auf See weiter.

Die gesamte Küste Mecklenburg-Vorpommerns ist während des langen Spezialdienstes ihr Revier, bei Havarien werden sie von Cuxhaven aus angeleitet und als erste Gefahrenabwehr zum Unglücksort geschickt, etwa bei Kollisionen in der Kadetrinne oder bei Schiffsbränden.

Feuer ist der größte Feind „Feuer an Bord ist der größte Feind“, sagt Bootsführer Kraus. Jedes der Besatzungsmitglieder hat Havarien schon miterlebt. 300 Schiffsunfälle gab es allein 2016 landesweit. Insgesamt 23 Tote „in Verbindung mit Wasser“, sagt Stahlberg.

Einen Todesfall verhindern konnte Besatzungsmitglied Michael Boldt. Der 53-Jährige hat im Dezember 2016 gemeinsam mit einem Kollegen eine Frau aus dem Wasser gezogen, deren Hund ins Wismarer Hafenbecken gefallen war. „Wir kamen gerade mit dem Boot in den Hafen, da war sie schon etwa zehn Minuten im fünf Grad kalten Wasser und völlig entkräftet. Wir haben sie in letzter Sekunde aus dem Wasser geholt“, erinnert er sich.

Schiff auf offener See gestoppt Dieser Apriltag auf der Ostsee verläuft weniger dramatisch. Die Crew wird auf einen norwegischen Frachter aufmerksam, der mit offenen Ladeluken fährt. Im Ernstfall kann das gefährlich werden.

„Eigentlich genießen die Schiffe auf See friedliche Durchfahrt und werden nur im Hafen kontrolliert. Das ist internationaler Standard, aber in dem Fall geht es um die Sicherheit“, sagt Kraus. Der Frachter-Kapitän weiß das und zahlt anstandslos das Sicherheitsgeld von 282,50 Euro, damit er weiterfahren darf. Dieses Bargeld gilt als eine Art Kaution, die theoretisch gerichtlich zurückgefordert werden kann. In den meisten Fällen werde die Strafzahlung aber akzeptiert. 36755 Euro hat die Wasserschutzpolizei MV 2016 auf die Weise eingenommen.

Nachwuchs fehlt

Während sich die Beamten im Winter auf die Berufsschifffahrt konzentrieren, rücken seit Ostern Sportboot-Kontrollen in den Fokus. Wie an Land, messen die Beamten auf dem Wasser die Geschwindigkeit. 5956 Ordnungswidrigkeiten stehen in der Bilanz 2016, weil Führerscheine fehlten oder die Boote zu schnell waren. „Unser Job ist der schönste bei der Polizei, denn die Menschen auf See sind netter und entspannter als auf der Straße“, sagt Michael Boldt.

Dennoch haben die Wasserschutzpolizisten Probleme, genügend Nachwuchs zu finden. Es werden wieder mehr Leute ausgebildet, aber die Bewerberzahlen seien gleichbleibend, sagt Sprecher Stahlberg. Die Gesetze im See- und Völkerrecht seien zudem kompliziert. Die Zusatzausbildung in Hamburg dauere zwei bis drei Jahre. Dafür wissen Nautiker wie Roland Gehrke die Arbeit der Wasserschutzpolizei zunehmend zu schätzen. „In der Containerschifffahrt ist es schwer, einen guten Job zu finden, es gibt wenige deutsche Reedereien“, betont Gehrke. „Wenn du eine Stelle unter libanesischer Flagge annimmst, gilt für dich das deutsche Recht nicht mehr. Viele Kapitäne bekommen keine Krankenversicherung bezahlt und haben unbezahlten Urlaub.“ Er habe sich lieber „für den sicheren Hafen entschieden“, sagt der 35-Jährige. Zudem sei man bei der Wasserschutzpolizei nicht monatelang weg, sondern in der Heimat. Robert Stahlberg ergänzt: „Und bei uns ist jeder Tag anders, man weiß nie, was passiert. Das ist das Schöne.“

Moderne Schlauchboote mit elektronischer Seekarte

Zur Landeswasserschutzpolizei MV gehören fünf Küsteninspektionen – Wismar, Rostock, Stralsund, Sassnitz, Wolgast – sowie zwei Binneninspektionen in Schwerin und Waren. Zu ihren Aufgaben zählen u.a. die Verkehrssicherheit zu überwachen, Schiffspapiere zu prüfen, gefährliche Güter zu kontrollieren, Gefahrenabwehr zu leisten und maritime Veranstaltungen abzusichern. Die Einsatztechnik reicht vom Hubschrauber bis zum Küstenstreifenbooten, die 2017 mit neuen Schlauchbooten ausgerüstet wurden – inklusive elektronischer Seekarte und Funk.

304 Mitarbeiter hat die Wasserschutzpolizei MV, davon sind 260 Polizisten, 44 sind Angestellte der Verwaltung.

Virginie Wolfram

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