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Besetzer in Beton

Kröpeliner-Tor-Vorstadt Besetzer in Beton

Elisabeth-Heim ist geräumt, Diskussionen gehen weiter / Studentenwerk bereitet Abriss vor

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Moment des Zugriffs: Spezialkräfte der Landespolizei in schwerer Einsatzmontur brechen die Türen des Heimes auf, reißen Barrikaden auf den Fluren nieder. FOTOS (4): OVE ARSCHOLL

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. An diesem kühlen Herbstmorgen sind vor allem die handwerklichen Fähigkeiten der Polizei gefragt: Nachdem die Beamten eine Woche lang die Besetzung des alten Elisabeth- Heimes an der Ulmenstraße geduldet haben, soll das Gebäude nun geräumt werden. Dabei geht es zwar friedlich zu, aber schwieriger als gedacht: Ein Teil der insgesamt fünf Hausbesetzer hat sich festgekettet und sogar einbetoniert. Bis der letzte Anhänger der Gruppe „Betty bleibt“ die baufällige alte Orthopädie verlässt, vergehen am Ende fast acht Stunden. Und die Debatten um die Zukunft des Gebäudes sind mit der Räumung auch noch lange nicht vom Tisch.

OZ-Bild

Elisabeth-Heim ist geräumt, Diskussionen gehen weiter / Studentenwerk bereitet Abriss vor

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„Wir haben

das Haus jetzt dauerhaft gesichert.

Kai Hörig

Geschäftsführer

Studentenwerk

Bolzenschneider, Meißel und schweres Gerät

Als der Einsatz der Polizei an dem besetzten Haus beginnt, erwacht das Szeneviertel KTV gerade zum Leben. Mütter mit Kinderwagen huschen noch schnell über den Hof des Elisabeth-Heimes – auf dem Weg zur nahen Kita. Studenten schlendern zur ersten Vorlesung auf dem Ulmencampus. Und auch von einer „Erstürmung“ des besetzten Hauses kann keine Rede sein: Die Beamten der Spezialeinheit des Landes tragen zwar Helm, Maske, schwere Montur – doch auf Widerstand stoßen sie nicht. Kein Geschrei dringt aus dem Haus. Bereits nach wenigen Minuten lassen sich die ersten beiden Besetzer abführen. Ihre Personalien werden aufgenommen, ihre Sachen durchsucht. Darin finden die Ermittler unter anderem Packungen voller Schokoladen-Riegel. Geklärt wird das Ganze später. Vermutlich vor Gericht.

Die beiden verbliebenen Besetzer machen es den Beamten aber deutlich schwerer: Im Keller – in einem versteckten Gewölbe, das vom Elisabeth-Heim zum Nachbarhaus des städtischen Immobilienverwalters KOE führt – hat sich ein Mann einbetoniert. Seine Hand steckt in Beton fest. 50 Trennschleifer-Scheiben verbraucht die Polizei, bis sie auch ihn unverletzt aus dem Haus bringen kann. Da ist es bereits kurz vor 15 Uhr.

Abriss des Gebäudes wird vorbereitet

Noch während die Polizei die alte Orthopädie durchsucht, warten vor dem Haus Handwerker. Sie sollen den genehmigten Abriss des Hauses vorbereiten, Stromleitungen entfernen, Schadstoffe rausholen. In dem Haus stoßen sie auf ein großes Vorratslager der Besetzer: Matetee, Bier, Bananen, Wasser, frisches Gemüse und auch Brot. Im sozialen Netzwerk Twitter hatten die Besetzer immer wieder verbreitet, die Polizei würde sie „aushungern“ wollen, keine Lebensmittel ins Haus lassen. Fotos beweisen, dass dies trotzdem gelang.

Unten im Keller kreischt noch der Trennschleifer der Polizei, da sucht ein Gutachter bereits im Haus nach geschützten Tierarten – nach Fledermäusen etwa, die sich im Dach eingenistet haben könnten und den Abriss zumindest bremsen würden. Dass an einem Abriss kein Weg vorbeiführt, hatte der Eigentümer des Hauses in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder betont. Das Studentenwerk Rostock will an der Stelle ein neues Wohnheim mit 70 Apartments und eine Mensa mit 400 Plätzen bauen. Beides sei dringend notwendig, sagt Geschäftsführer Kai Hörig: „In Rostock fehlen schon jetzt Wohnungen für Studenten. Und wenn der Ulmencampus wie geplant ausgebaut wird, reicht die bisherige Mensa auch nicht aus.“ Hörig ist froh, dass die Besetzung vorbei ist: „Wir haben das Haus so gesichert, dass eigentlich keiner mehr reinkommen kann.“ Hörig hatte schon vor Tagen Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs erstattet. Auf das Angebot, diese Anzeige zurückzuziehen, wenn sie das Haus verlassen, waren die Besetzer nicht eingegangen. „Nachdem die Verhandlungen gescheitert waren, lief es auf diese polizeiliche Maßnahme hinaus“, sagt Einsatzleiter Sebastian Schütt, Chef der Kripo Rostock.

Ortsbeirat will weiter um „Betty“ kämpfen

Anette Niemeyer, Vorsitzende des Ortsbeirates der KTV, hätte sich eine friedliche Lösung für die Besetzung gewünscht. Das letzte Wort in Sachen „Betty“ sei mit der Räumung aber nicht gesprochen: „Wir haben einen Antrag gestellt, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen“, sagt sie. Und sie fordert eine breite öffentliche Debatte über das Bauprojekt des Studentenwerks: „Wir haben auch die Landesregierung dazugebeten. Zwischen dem Ulmencampus und der S-Bahn-Linie gibt es eine große unbebaute Fläche. Warum kann das Studentenwerk nicht dort bauen?“ Bisher habe sie vom Land aber keinerlei Reaktion erhalten: „Das ist Feigheit!“

Andreas Meyer

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