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Betrüger wollen mit Enkeltrick und Schockanruf ans Ersparte

Kröpeliner-Tor-Vorstadt Betrüger wollen mit Enkeltrick und Schockanruf ans Ersparte

Anzeigen bei der Kriminalpolizei in Rostock haben sich verdoppelt / Hohe Dunkelziffer / Banden agieren europaweit und Drahtzieher sitzen im Ausland

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Die Rostockerin Annelies Kapell (86) ist am Telefon prinzipiell skeptisch. Sie lässt sich nicht so leicht hereinlegen.

Quelle: Ove Arscholl

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. „Rate mal, wer dran ist?“ — Die Masche ist immer dieselbe: Täglich rufen Enkeltrickbetrüger Nummern mit alt klingenden Vornamen aus dem Telefonbuch an. Sie geben sich als Verwandte aus, die dringend Geld benötigen für einen Auto- oder Hauskauf. Eine gängige Praxis seit mehr als 20 Jahren. „Und noch immer klappt es“, sagt Jörg Schönfeld, Leiter des Fachkommissariats 2 bei der Kriminalpolizeiinspektion (KPI) Rostock.

Die Dunkelziffer ist weitaus höher, denn viele Betroffene zeigen die Trick-Telefonate gar nicht an.“Jörg Schönfeld, Leiter Fachkommissariat 2

Wurden 2014 noch 72 solcher Betrugsversuche im Einzugsbereich der KPI registriert, darunter zwei vollendete mit einem Schaden von 25000 Euro, waren es ein Jahr später schon doppelt so viele.

„2015 wurden uns 148 Straftaten angezeigt. In sechs Fällen hat es geklappt, am Ende waren insgesamt 80000 Euro weg“, berichtet Schönfeld. In den ersten Wochen dieses Jahres wurden der Polizei bereits elf Betrugsversuche dieser Art gemeldet. „Die Dunkelziffer ist weitaus höher“, weiß der Erste Kriminalhauptkommissar. „Denn viele Betroffene zeigen die Trick-Telefonate gar nicht an.“

Der Enkeltrick wird oft als Bagatelle abgetan, doch er gehört zur organisierten Kriminalität. „Wir haben es hier oft mit polnischen Straftätern zu tun“, sagt Schönfeld. Die sprächen inzwischen akzentfrei deutsch, säßen aber in einer Zentrale im Ausland. „Späher beobachten nach dem Anruf das Geschehen um das Haus des Opfers herum“, so die Erfahrung der Polizei. Sie gäben Rückmeldung, wenn das Opfer Geld abgeholt hat. „Dann wird richtig Druck aufgebaut“, berichtet Schönfeld, „das läuft sehr professionell ab.“

Erst vorgestern hatte sich in Hagenow eine unbekannte Anruferin als Enkelin ausgegeben und von einer Rentnerin 15000 Euro verlangt. Die erkannte den Schwindel und legte auf. Auch einem 83-Jährigen aus Reutershagen kam der Geld-Bettel-Anruf seines angeblichen Sohnes Anfang Februar verdächtig vor. Der Rentner verständigte die Polizei. Ebenfalls in den ersten Februartagen wurden im Landkreis Vorpommern-Greifswald gleich 20 Fälle bekannt, bei denen Betrüger unter Vorwänden hohe Geldbeträge forderten.

„Es ist wichtig, die Polizei schnell zu informieren“, rät Schönfeld. „Dann kann es auch gelingen, die Abholer des Geldes dingfest zu machen.“ Dennoch reagierten alte Menschen häufig zu spät — erst Stunden nach der Geldübergabe, wenn sie Kontakt zur Familie suchen und von dem Geschehen berichten. „Sie fühlen sich oftmals schuldig, schämen sich den Angehörigen gegenüber“, erklärt Schönfeld.

Inzwischen seien auch viele Banken sensibilisiert. Bei Abholung großer Geldbeträge werde der Grund hinterfragt und gegebenenfalls die Polizei informiert.

Eine zweite Betrugsmasche sei der sogenannte Schockanruf. „Der richtet sich häufig an Spätaussiedler, aber zunehmend auch an ältere Deutsche“, erklärt der Kriminalist. Ihnen würden Unfälle oder Familiendramen vorgegaukelt, bei denen mit schnellen Geldzahlungen Haftstrafen der Kinder oder ähnliches verhindert werden könnten. Die Angerufenen seien oftmals geschockt und zahlten das Geld dann an Boten aus. In diesen Fällen kämen die Anrufe häufig aus einer Zentrale in Litauen, so Schönfeld.

Die Trickbetrüger agieren europaweit. Nach Erkenntnissen einer Sonder-Ermittlergruppe der Polizei in Baden-Württemberg sind die etwa 1000 Enkeltrick-Betrüger in einem mafiösen Geflecht miteinander verheiratet, verwandt und verschwägert. Die Familienclans stoßen in Deutschland auf fruchtbaren Boden für ihren Betrug, weil es hier viele Rentner mit großen Ersparnissen gibt. „Doch wir sind gut vernetzt und mit den Kollegen in den anderen Bundesländern in regem Informationsaustausch“, sagt der Rostocker Kommissariatsleiter.

Kein Bargeld an Fremde übergeben

Ein Gesamtschaden von 640000 Euro entstand nach Angaben der Polizei 2015 durch Enkeltrick-Betrügereien in Mecklenburg-Vorpommern. Die Polizei warnt dringend davor, auf Geldforderungen am Telefon einzugehen und Bargeld an fremde Menschen zu übergeben. Bei solchen Anrufen sollte stets die Polizei alarmiert werden. Wenn sich am Telefon jemand als Verwandter ausgibt, sollte derjenige unter der bekannten Nummer zurückgerufen werden. Angehörige älterer Menschen können auf die Methoden der Betrüger hinweisen und somit Senioren für die Gefahren sensibilisieren.



Doris Kesselring

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Rostock
Die Rostockerin Annelies Kapell (86) ist am Telefon prinzipiell skeptisch. Sie lässt sich nicht so leicht hereinlegen.

Doppelt so viele Anzeigen wegen Enkeltrick-Betrugs nahm die Kriminalpolizeiinspektion Rostock 2015 im Vergleich zum Vorjahr auf. In diesem Jahr wurden bereits elf Fälle angezeigt. Die Dunkelziffer ist weitaus höher.

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