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Cannabis auf dem Vormarsch: Rostocks neues Drogenproblem

Reutershagen Cannabis auf dem Vormarsch: Rostocks neues Drogenproblem

Die Zahl der Rauschgift-Delikte in der Hansestadt nimmt drastisch zu / Kripo-Chef Liebmann setzt auf verstärkte Kontrollen / Sucht-Experten warnen vor Legalisierung

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Das Kiffen wird in der Hansestadt mehr und mehr zum Problem: Die Zahl der Drogen-Verstöße im Zusammenhang mit Cannabis hat um 83 Prozent zugenommen (nachgestellte Szene).

Quelle: Frank Söllner

Reutershagen. Süchtige, die sich auf offener Straße einen „Schuss“ setzen: Nein, solche Szenen spielen sich in Rostock nicht ab. Zumindest noch nicht. „In der Hansestadt gibt es bislang keine offene Drogenszene“, sagt Rogan Liebmann, Chef der Kriminalpolizei-Inspektion. Ein Drogenproblem hat Rostock aber dennoch. Ein zunehmendes: „Wir haben leider den Eindruck, dass verbotene Rauschmittel auf dem Vormarsch sind und der Konsum zunimmt“, so Liebmann. Doch die Polizei reagiert – mit verstärkten Kontrollen. Und sie kann erste Erfolge vermelden: In den vergangenen Wochen ließen Ermittler gleich zwei große Drogenringe hochgehen.

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Die Zahl der Rauschgift-Delikte in der Hansestadt nimmt drastisch zu / Kripo-Chef Liebmann setzt auf verstärkte Kontrollen / Sucht-Experten warnen vor Legalisierung

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Eindeutige Trends in der Polizei-Statistik

809 Rauschgift-Delikte stehen in der Polizei- Bilanz 2015 für die Hansestadt. Ein Plus von 36 Prozent.

83 Prozent mehr Anzeigen wegen des Besitzes oder des Handels mit Cannabis mussten die Ermittler bearbeiten.

Allein 2015 ermittelten Fahnder in 809 Fällen wegen Rauschgiftdelikten – ein Plus von mehr als 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem der zunehmende Missbrauch von Cannabis und Amphetaminen – „Ecstasy“ oder „Speed“ zum Beispiel – bereitet den Ermittlern Sorge: Die Zahl der Cannabis-Delikte sei 2015 um 83 Prozent gestiegen, bei den Amphetaminen gab es ein Plus von 42 Prozent. Diese Zahlen stellte der damalige Kripo-Chef Gisbert Prestel bereits im Mai vor. Und 2016 sei der Trend unverändert, sagt Nachfolger Liebmann. Eine mögliche Erklärung: Die anhaltenden Debatten über eine mögliche Legalisierung von Cannabis hätten bei vielen Konsumenten zu einem „fehlenden Unrechtsbewusstsein“ geführt. Im Klartext: Weil sie davon ausgehen, dass „kiffen“ bald erlaubt ist, lassen sich viele Süchtige nicht mehr abschrecken. Liebmann: „Solange Handel und Besitz von Cannabis verboten sind, werden wir dies auch strafrechtlich verfolgen.“Außerdem: „In der Legalisierungsdebatte wird oft vergessen, dass sowohl Dealer als auch Konsumenten oft noch weitere Drogenarten handeln oder konsumieren.“

Auch Dr. Antje Wrociszewski, Suchtkoordinatorin der Hansestadt, bestätigt: „Dadurch, dass das Thema Legalisierung so präsent bleibt, ist Cannabis weniger tabuisiert. Das nehmen sich Kinder auch an.“

Und weiter: „Wir haben bei einer Veranstaltung eine kleine Umfrage zum Thema ,Kiffen' gemacht. Das Ergebnis war erschreckend: Jeder Fünfte hatte die Droge ausprobiert. Cannabis ist in der Kultur angekommen.“ Ähnlich wie die Droge Alkohol. „Dabei ist und bleibt Cannabis die klassische Einstiegsdroge“, sagt die Expertin des Gesundheitsamtes. Der Schritt, dann auch härtere und gefährliche Rauschgifte zu nehmen, werde leichter. „Gerade für Kinder und Jugendliche in der Probierphase“, sagt Wrociszewski.

Ein anderer Grund, warum ausgerechnet im Jahr 2015 die Zahl der Drogenfälle so stark gestiegen ist: Die Rostocker Polizei hat einen Schwerpunkt auf das Thema gelegt. Wie oft und in welchem Umfang Drogen in Rostock konsumiert werden – Kripo-Chef Liebmann kann dazu dennoch keine klare Aussage machen: „Die Dunkelziffer in diesem Bereich dürfte groß sein.“ Aber dass etwas getan werden muss, belegen die Ergebnisse der verschärften Kontrollen: „Wir arbeiten Hand in Hand mit den Kollegen der Schutzpolizei zusammen“, so Liebmann. Bei Verkehrskontrollen zum Beispiel würden die Streifenbeamten bei den Fahrern stärker auch auf Anzeichen für Drogenmissbrauch achten. Finden die Ordnungshüter Hinweise, werden die kompletten Fahrzeuge und oft auch die Wohnungen der Verdächtigen durchsucht. „Wir waren sehr aktiv. Je stärker wir kontrollieren, desto mehr Fällen decken wir auch auf“, hatte Michael Ebert, Leiter der Rostocker Polizei, bereits bei der Vorstellung der Zahlen für 2015 verkündet. Rostock sei „Brennpunkt“ des Drogenhandels in der Region: „Das ist typisch für jede Großstadt“, erklärt Liebmann.

Sein Vorgänger Prestel verglich den Einsatz gegen Drogen zuletzt mit dem Kampf gegen die „Hydra“, das Schlangenwesen aus der griechischen Mythologie: „Wenn wir einen Kopf abschneiden, wächst ein anderer nach.“ Mit Rauschmitteln ließe sich schnell Geld machen. „Wenn die Politik der Polizei mehr Personal zur Verfügung stellt, können wir auch mehr machen. Wir wollen nicht nur kleine Dealer und Konsumenten erwischen. Wir wollen an die Köpfe ran, an die Strukturen.“ Hinweise auf die Hintermänner führten aber immer wieder ins Rotlicht- und Rockermilieu.

Erst vor gut drei Wochen hatten Ermittler einen führenden Kopf der „Hell’s Angels“ in Rostock vorläufig festgenommen, weil er im großen Stil mit der Droge „Spice“ gehandelt haben soll. Vergangene Woche ließen die Fahnder einen weiteren Drogenring hochgehen: Vier Personen wurden festgenommen, 13 Kilo Rauschgift beschlagnahmt.

Andreas Meyer

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Fast 13 Kilogramm Rauschmittel sowie scharfe Schusswaffen und Munition konnten die Ermittler sicherstellen.

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