Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Dieser Daumen war ein Mittelfinger

Greifswald Dieser Daumen war ein Mittelfinger

Greifswalder Handchirurgen retten einem Loitzer Familienvater nach einem Kettensägenunfall die Hand

Voriger Artikel
Fahranfänger rast in den Gegenverkehr
Nächster Artikel
Drei Verletzte bei Autounfall in Baabe

Freuen sich über die gelungene Operation: Dr. David Großmann, Jan Kreienbrink, Prof. Andreas Eisenschenk und Oberärztin Dr. Inga Lange (v.l.). Fotos (2): Peter Binder

Greifswald. „Noch die zwei Stücke Holz sägen, dann bin ich fertig“, hatte Jan Kreienbrink aus Loitz am 5. Februar zu seiner Frau gesagt.

 

OZ-Bild

Mit dem neuen Daumen und dem Zeigefinger kann Jan Kreinbrink schon den Spitzgriff machen.

Es war 15.15 Uhr. Der 37-Jährige setzte die Kreissäge in Betrieb — und dann war nichts mehr wie zuvor: „Ich habe wie verrückt geschrien und gleichzeitig auf meine rechte Hand geschaut. Da fehlte der Daumen“, erzählt Jan Kreienbrink.

Sofort seien seine Frau und der 15-jährige Sohn hergelaufen. Während die Gattin den Notarzt alarmierte und den Hund wegsperrte, suchte der Junge den abgesägten Daumen. „Die Schmerzen waren unerträglich“, erinnert sich der Patient. „Das Blut überall habe ich gar nicht wahrgenommen. Aber ich weiß, dass ich gesagt habe, dass der Daumen sofort verpackt werden müsse, vielleicht könne man ihn wieder annähen“. Kreienbrinks Frau wickelte den Daumen in ein Geschirrtuch und packte ihn dann in eine Tüte mit Eis.

„Die Frau hat intuitiv genau das Richtige gemacht“, sagt Prof. Andreas Eisenschenk, deutschlandweit bekannter Handchirurg, der in der Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Greifswald für die Hand-und funktionelle Mikrochirurgie zuständig ist. Wenn ein abgetrenntes Körperteil wieder angenäht, also replantiert werden soll, darf das Gewebe nicht erfroren sein, erläutert er. Eisenschenk weiß, wovon er spricht: Neben seiner Tätigkeit in Greifswald ist er Chefarzt der Abteilung für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie im Unfallkrankenhaus Berlin. Er ist Deutschlands „Handpapst“

und hat bereits Dutzende abgetrennte Gliedmaßen bei Patienten wieder angenäht. „Eine solche komplizierte Operation kann nur von Spezialisten durchgeführt werden.“

Jan Kreienbrink wird nach der Erstversorgung samt Daumen mit dem Rettungshubschrauber ins Bonhoeffer-Klinikum nach Neubrandenburg geflogen. Doch die Ärzte dort können ihm mit seinen schweren Verletzungen nicht helfen. Er muss in die Unimedizin Greifswald — ein Krankenwagen bringt ihn von Neubrandenburg in die Hansestadt. Dort wird er von Dr. David Großmann bereits erwartet. „Ich war zu Hause gerade beim Abwasch, als ich gegen 17 Uhr von der Leitstelle die Information bekam, dass ein Patient mit amputiertem Daumen und weiteren Verletzungen auf dem Weg in die Klinik ist“, erzählt der Arzt. Er eilt in die Unfallchirurgie. Als der Loitzer gegen 18 Uhr eintrifft, ahnen weder er noch Oberärztin Dr. Inga Lange, was ihnen in dieser Nacht bevorsteht. „Das Röntgenbild ergab, dass auch der Mittelfinger komplett durchtrennt war und nur noch an einem Hautfetzen hing. Verletzt waren zudem der Zeige- und der Ringfinger“, schildert Großmann. „Außerdem mussten wir feststellen, dass der Daumen trotz der hervorragenden Verpackung nicht replantiert werden konnte, weil der Knochen so zerhackt war, dass er nicht wieder anwachsen würde. Wir mussten uns also etwas einfallen lassen“, so die Oberärztin. Die erfahrenen Handspezialisten entschieden, den Mittelfinger zu amputieren, um daraus für Jan Kreienbrink einen neuen Daumen zu „basteln“. „Der Daumen ist wichtig für die Greiffunktion der Hand“, erklärt Eisenschenk die Entscheidung. Der Mittelfinger wurde eingekürzt und dem Patienten angenäht. „Der Eingriff dauerte von abends 20.30 Uhr bis zum nächsten Morgen 5.55 Uhr und war außerordentlich kompliziert. Wir mussten dabei zwei Venen, einen Nerv und eine Sehne so verlegen, dass der neue Daumen auch funktioniert“, erklärt Großmann.

Dann begann das große Bangen: Hatte sich der Einsatz gelohnt, würde der neue Daumen anwachsen? 22 Tage lang musste Jan Kreienbrink das Bett hüten und trotz gewaltiger Schmerzen täglich üben. „So wurde ich zum Nichtraucher. Es hat sich also gleich in doppelter Hinsicht gelohnt“, sagt der Loitzer und führte bei der Nachuntersuchung seinen Rettern vor, dass er mit dem neuen Daumen und dem Zeigefinger bereits einen Spitzgriff hinbekommt. „Ich trainiere täglich weiter, will irgendwann wieder als Dienstleister im Haus und Garten arbeiten“, sagt er und strahlt.

Doch nicht nur ihm, auch seinen Ärzten steht die Freude ins Gesicht geschrieben. „Wir können uns mühen, doch es glückt nicht immer“, sagt Prof. Eisenschenk. Im Fall von Jan Kreienbrink habe dessen positive Lebenseinstellung und der Rückhalt durch die Familie einen erheblichen Anteil am Gelingen der komplizierten Operation.

Der Loitzer gibt das Lob zurück: „Ich verdanke meinen Ärzten unendlich viel. Dank ihres Könnens bin ich jetzt in MV der Einzige, der anderen den Mittelfinger zeigen kann, ohne dafür bestraft zu werden“, meint er — grinst und zeigt den neuen Daumen in die Höhe.

Arbeit mit Kreissägen führt oft zu Unfällen

70 Prozent aller Amputationen an der Hand — vom abgetrennten Finger über die Mittelhand bis zur kompletten Hand — passieren in Deutschland durch Unfälle mit Kreis- oder anderen elektrischen Sägen.

1974 eröffnete in Hamburg das erste Replantationszentrum Deutschlands, in dem abgetrennte Gliedmaßen wieder angenäht werden.

507 Minuten dauerte die Operation von Jan Kreienbrink aus Loitz. Sein heutiger rechter Daumen war vor dem Unfall der Mittelfinger seiner rechten Hand.

Von Cornelia Meerkatz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Rostow

War es der Sturm, ein Pilotenfehler, technisches Versagen? Ermittler rätseln nach dem Absturz einer Boeing über Südrussland. Erneut sind Dutzende russische Touristen auf dem Heimflug ums Leben gekommen.

mehr
Mehr aus Aktuelle Beiträge