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Eltern finden nach Urteil keine Ruhe

Schwerin/Groß Stieten Eltern finden nach Urteil keine Ruhe

Junge Frau verlor im Januar 2014 ihr Leben / Betrunkener hatte sie gerammt

Schwerin/Groß Stieten. „Er wusste, dass er nicht mehr fahren durfte . . . Unterwegs trank er aus dem ,Sixpack‘ drei bis vier Flaschen Bier. Dazu nahm er jeweils eine Flasche während der Fahrt aus dem Behältnis, klemmte sie zwischen seinen Beinen ein und öffnete sie mit einem Feuerzeug . . . Sein Fahrzeug habe er in dieser Zeit mit den Oberschenkeln bzw. seinen Knien gelenkt. Ihm sei während der Fahrt bewusst gewesen, dass er aufgrund des zuvor genossenen Alkohols nicht mehr fahrtüchtig gewesen sei.“ — Das steht in den Gerichtsakten. Und auch der Fakt, dass die Blutentnahme beim Angeklagten einen Wert von 1,69 Promille aufwies. Deshalb stirbt am 17. Januar 2014, einem schwarzen Freitag, eine junge Frau an den Folgen eines Unfalls.

Seitdem kehrt keine Ruhe ein. Nicht vor Gericht, nicht im Familienleben des Opfers. Die Eltern tragen schwer an dem Verlust ihrer Tochter. „Die Lebenslust ist ein großes Stück gebrochen“, sagt der Vater Frank Gürcke (54). Gestern wurde vor dem Landgericht Schwerin das wahrscheinlich letzte Urteil in dieser Sache gefällt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Frank Gürcke: „Ich habe keinerlei Verständnis für das Urteil.“ Seine Frau Leona (51) war zutiefst enttäuscht.

In den Monaten zuvor gab es zwei Urteile, eine Revision der Staatsanwaltschaft, eine Berufung der Gegenseite. Was ist die gerechte Strafe in diesem Fall? Diese Frage beschäftigt die Hinterbliebenen, Freunde, Bekannten, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und den Angeklagten seit über zwei Jahren. Das Strafmaß von einem Jahr und sechs Monaten ist unstrittig. Nur: Gefängnis oder Bewährung?

Der Angeklagte Sebastian D., der zur Tatzeit in Nordwestmecklenburg gelebt hat, heute in Schwerin wohnt und als Küchenchef tätig ist, muss nicht ins Gefängnis. Der Freiheitsentzug von einem Jahr und sechs Monaten für fahrlässige Tötung in Tateinheit mit vorsätzlichem gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr wurde zur Bewährung ausgesetzt. Diese beträgt drei Jahre. Außerdem muss er 3600 Euro an eine soziale Einrichtung zahlen, der Führerschein bleibt vorerst eingezogen.

Für Vater Frank Gürcke nicht nachvollziehbar. „Ich kann das nicht als gerecht ansehen“, war er schon schockiert vom ersten Urteil am Amtsgericht Wismar im August 2014, als der Freiheitsentzug zur Bewährung ausgesetzt wurde. Für ihn ging der Unfall auf einen „ganz eklatanten Verstoß auf einer der viel befahrensten Straßen“ zurück. Daher fragen Vater und Mutter: „Wenn man nach solchen Taten mit Bewährung davonkommt, was muss man eigentlich machen, um mit einer richtigen Strafe davonzukommen.“

Er könne verstehen, dass die Bevölkerung den Glauben an die Rechtssprechung verliert. Bei ihm und seiner Frau ist der Glaube an Gerechtigkeit stark erschüttert. Auch die Staatsanwältin hatte gestern die Vollstreckung der Strafe gefordert. Das sei „zur Verteidigung der Rechtsordnung erforderlich“. Ähnlich hatte Rechtsanwalt Martin Vogel als Nebenklägervertreter der Familie argumentiert.

Was solle der Bürger ansonsten denken?

Die Vorsitzende Richterin, Sigrun Meermann, sieht indes die Rechtsordnung durch das Urteil nicht gefährdet. Als besondere Umstände wertete sie, dass sich der Angeklagte vor und nach der Tat nichts habe zuschulden kommen lassen, er eine positive Sozialprognose habe, schwer unter der Tat leide und in den letzten beiden Jahren damit leben musste, dass ihm das Gefängnis droht.

Den Eltern gehe es nicht um Rache. Doch Albträume und Schlaflosigkeit begleiten sie, etwa fünfmal fahren sie wöchentlich von Hohen Viecheln nach Wismar zum Friedhof. Die Unfallstelle meiden sie.

Rückblick: Der Angeklagte war auf der B 106 zwischen Hohen Viecheln und Niendorf in einer Rechtskurve auf die Gegenfahrbahn geraten und stieß mit seinem Opel frontal gegen den Ford von Stephanie Gürcke. Die 24-Jährige erlitt Schädeldach- und Schädelbasisbrüche sowie Hirnblutungen. Am 24. Januar verstarb sie an den Folgen des Unfalls. Der Angeklagte wurde nach einem Tag aus der Klinik entlassen. Gestern sagte er: „Es tut mir unendlich leid, aber ich weiß, dass ich es nie wieder gutmachen kann.“

Von Heiko Hoffmann

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