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Eltern überfordert: Immer mehr Kinder werden misshandelt

Eltern überfordert: Immer mehr Kinder werden misshandelt

In Vorpommern-Rügen wurden deutlich mehr Fälle als befürchtet gemeldet / Dadurch entstehen dem Landkreis Mehrkosten in Millionenhöhe

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„Schuldig, weil er nur eine 2 in der Klassenarbeit hatte“. Mit Plakaten wie diesem hat der Weiße Ring auf das Thema Kindesmisshandlung aufmerksam gemacht.

Quelle: Weißer Ring

Grimmen. Immer mehr Kinder im Landkreis Vorpommern-Rügen werden vernachlässigt, gequält oder misshandelt. „Die Kindeswohlgefährdungen steigen überdimensional an“, sagte Carmen Schröter, 1.

stellvertretende Landrätin, am Mittwoch im Finanzausschuss des Kreistages. Bis Juli dieses Jahres waren im Jugendamt 556 Fälle gemeldet worden. Im Vorjahr waren es im selben Zeitraum nur 491 Fälle.

Von 2012 bis zum Jahr 2015 hat sich die Zahl der Meldungen von 460 auf 825 fast verdoppelt. Noch auffälliger ist die Zahl der betroffenen Kinder. 991 sind es dieses Jahr bereits, über 100 mehr als im selben Zeitraum im vergangenen Jahr. „Damit hat niemand gerechnet. Das ist ein bundesweites Phänomen“, sagte Schröter weiter.

Zum einen seien die Menschen sensibler geworden, melden deshalb eher Verdachtsfälle bei der Polizei oder beim Jugendamt. Doch auch die tatsächlichen Kindeswohlgefährdungen steigen. „Die Zahl der Misshandlungen hat zugenommen, die der häuslichen Gewalt ist immens gestiegen“, sagt Sybille Buch vom sozialpädagogischen Dienst der Kreisverwaltung. 341 Fälle sind bisher in diesem Jahr als tatsächliche Kindeswohlgefährdungen bestätigt worden.

Zu Lasten der Gesellschaft: Dass Eltern in der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, führt dazu, dass der Haushalt der Kreisverwaltung stärker belastet wird, als geplant. Etwa 4,3 Millionen Euro mehr muss der Kreis in diesem Jahr im Jugendbereich ausgeben, den Großteil für Hilfen im Bereich der Kindeswohlgefährdung. Diese so genannte überplanmäßige Ausgabe setzt die Verwaltung unter Druck, schließlich müssen diese Ausgaben finanziert werden. „Die Gegenfinanzierung ist bislang nicht im Detail aus den einzelnen Haushaltsstellen beziffert. Daran wird gearbeitet“, heißt es aus der Kreisverwaltung. Am 4. Oktober ist dazu eine Sondersitzung des Haushalts- und Finanzausschusses angesetzt.

Allerdings hat die Kreisverwaltung offenbar an mehreren Stellen den Aufwand auch unterschätzt. „Wir planen eher enger als zu großzügig“, so Carmen Schröter. Es seien keine aussagekräftigen Prognosen möglich gewesen, weil aus den Statistiken keine klaren Steigerungen abzusehen gewesen seien. Das hat vor allem mit den Folgen der Kreisstrukturreform zu tun, da den verschiedenen Standorten des Jugendamtes der drei zusammengeführten Kreise unterschiedliche Programme, unterschiedliche Zählweisen und unterschiedliche Erfassungen angewendet worden sind. „Im Fachdienst Jugend liegen erst seit 2014 verlässliche Zeitreihen vor“, so Carmen Schröter. „Überall da, wo Fallzahlen die Ausgaben bestimmen, können schon geringe Steigerungen zu enormen Abweichungen führen.“

Mehrkosten von jeweils mehreren Zehntausend Euro können entstehen. So hatte beispielsweise das Amtsgericht im März die Unterbringung eines Kindes in einer Hilfseinrichtung angeordnet und zusätzlich einen Integrationshelfer bestellt. Die Kosten allein für diesen einen Fall: 140000 Euro bis Ende des Jahres.

Im ambulanten Hilfe-Bereich – hier werden Familien im eigenen Haushalt Sozialpädagogen zur Seite gestellt – seien es zwar nur zehn Fälle mehr als geplant. Bei jährlichen Kosten zwischen 10000 und 20000 Euro entstehen aber allein hier schon 200000 Euro zusätzliche Ausgaben für den laufenden Haushalt.

Darüber hinaus seien die Kosten pro Fall ebenfalls gestiegen. „Bezogen auf 300 Fälle insgesamt bedeutet dies einen Mehraufwand von circa 350000 Euro“. Bei der Hilfe innerhalb von Einrichtungen, also Heimerziehung oder Unterbringung in Pflegefamilien, liegt der Mehraufwand bei rund zwei Millionen Euro. 232 Fälle sind das. „Wegen eines Übertragungsfehlers wurde nur mit 207 geplant“, so Carmen Schröter.

Die meisten Verdachtsfälle in Stralsund

594 Meldungen von möglicher Kindeswohlgefährdung sind bis Ende August beim Jugendamt des Landkreises eingegangen. Im gesamten Jahr 2015 waren es 825.

Die meisten Verdachtsfälle wurden in Stralsund gemeldet. 269 waren es hier. Im Altkreis Nordvorpommern waren es 179, auf Rügen 146. Insgesamt 341 Fälle der gemeldeten Verdachtsfälle wurden bestätigt.

Kindeswohlgefährdung wird unterschieden in Vernachlässigung, körperliche und psychische Misshandlung und sexuelle Gewalt. 194 Kinder wurden vernachlässigt, 75 körperlich, 102 psychisch misshandelt. Zehn Mal kam es zu sexueller Gewalt.

Robert Niemeyer

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