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„Es sollte alles korrekt aussehen“

Greifswald „Es sollte alles korrekt aussehen“

Eine vom Gericht bestellte Betreuerin wird beschuldigt, mehrere Tausend Euro eines Demenzkranken veruntreut zu haben

Greifswald. . Amtsgericht, gestern Nachmittag. Nach sechsstündiger Verhandlung spricht Richterin Barbara Nolte ein drastisches Urteil: Zehn Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung, drei Jahre Berufsverbot als Betreuerin, 3000 Euro Strafe, die an die Organisation Ärzte ohne Grenzen zu zahlen sind, und die Rückzahlung von veruntreuten 1849,50 Euro. Die Angeklagte Petra M. wurde verurteilt, weil sie als amtlich bestellte Betreuerin Vermögen eines demenzkranken Lubminers in drei Fällen veruntreut haben soll. Auf der Anklagebank sitzt auch Markus L., der einen Hausmeisterservice in Greifswald hat. Ihm wird wegen fingierter Rechnungen Beihilfe zur Untreue angelastet. Seine Strafe: 30 Tagessätze zu jeweils 60 Euro.

Viele ihrer Erklärungen sind schlichtweg nicht nachvollziehbar. Das Gericht geht davon aus, dass der Sachverhalt, so wie Sie

ihn schildern, nicht stimmt.“Richterin Barbara Nolte

zur Angeklagten Petra M.

Petra M. schüttelt den Kopf. Seit 2000 arbeitete sie als von Amtsgerichten bestellte Betreuerin. Vorstrafen hatte sie keine. Und jetzt das. Die Anwälte der beiden Angeklagten hatten auf Freispruch plädiert.

Die Rechnung trug ein Fantasie-Datum

Was war geschehen? Vorwurf 1: Petra M. wurde im Januar 2014 vom Amtsgericht als Betreuerin von Herrn L. aus Lubmin bestellt. Weil dieser nachts orientierungslos auf der Straße umherirrte und aufgegriffen wurde, veranlasste sie, dass L. nach dem Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt in ein Pflegeheim kommt. Seine Wohnung, eine Doppelhaushälfte, sei den Aussagen der Angeklagten nach „total verdreckt“ gewesen. Auch eine Zeugin, die später in die Haushälfte einzog, beschreibt im Prozess den Zustand als „messiemäßig“. „Da stapelte sich Müll, alles war schmutzig. Es waren nur kleine Wege frei, dass man da durchgehen konnte. Und gestunken hat es. Richtig eklig.“ Diesen Eindruck gewann sie, nachdem sie im Sommer 2014 zum ersten Mal das Haus besichtigte.

Doch zu diesem Zeitpunkt sollte schon längst eine umfangreiche Beräumung stattgefunden haben. 1849,50 Euro veranschlagte der Hausmeisterservice von Markus L. dafür. Die Rechnung ist datiert auf Dezember 2013. Den Rechnungstext und die Auflistung der einzelnen Leistungen hatte allerdings Betreuerin M. verfasst und L. geschickt. „Warum?“, wollte die Richterin Barbara Nolte wissen. Antwort M.:

„Es sollte alles korrekt aussehen.“

Doch offenbar war es nicht korrekt, sondern schlicht dilettantisch. Denn wie gesagt, M. wurde erst im Januar zur Betreuerin. Zudem sollten 1600 Euro an M.s Sohn gehen, da dieser angeblich mit Markus L. zusammen gearbeitet habe. „Er hat die meiste Arbeit gemacht“, gab M. in der Verhandlung an. Später sagte sie aber auch, dass sie gar nicht genau wisse, wer wie viel gemacht habe, da sie die meiste Zeit nicht vor Ort gewesen sei.

Vor Trauer vergessen, 4000 Euro zurückzuüberweisen Vorwurf 2 und 3 beziehen sich auf eine Treppe auf der Rückseite des Hauses, die offenbar in keinem guten Zustand war. Ohne Ausschreibung beauftragte M. ihren Schwager damit, eine neue Treppe zu bauen. Angeblich für den Materialeinkauf hob M. 3000 Euro vom Konto des Demenzkranken ab, einige Wochen später noch einmal 1000 Euro. Das Geld gab sie aber nicht ihrem Schwager, sondern verwahrte es angeblich bei sich zu Hause in einer Geldkassette.

Kurze Zeit später verstarb ihr Schwager. Weil sie so sehr trauerte, vergaß sie angeblich, das Geld zurück aufs Konto einzuzahlen. Erst nach einer polizeilichen Hausdurchsuchung – eine Geldkassette wurde dabei nicht gefunden – überwies sie das Geld zurück an L.

Bei der Durchsuchung wurde M.s Computer sichergestellt. Einige E-Mails an Markus L. sprechen eine eindeutige Sprache. Zum Beispiel schreibt M. Sätze, die in etwa lauten: „Kannst Du mir 1200 bringen?“

oder „Der Rest ist für deine Dienste (Rechnung schreiben).“

Für das Gericht war es eindeutig, dass es sich zumindest bei der ersten Rechnung um eine Scheinrechnung handelte, der keine Dienstleitung zugrunde lag. „Sie haben die Rechnung benötigt, um den Betrug zu verschleiern“, stellte bereits die Staatsanwaltschaft fest. Die Richterin folgte dieser Interpretation. Als besonders schlimm wurde angesehen, dass M. ihr Fehlverhalten wiederholt habe.

Richterlich bestellte Betreuer

18 - 20 Personen steht die Verurteilte Petra M. als (Vermögens-)Betreuerin vor. Diese Tätigkeit übt die gelernte Sozialpädagogin seit dem Jahr 2000 aus. Seit Anfang des Jahres hat sie eine Einrichtung für betreutes Wohnen in Jarmen. Dieses Haus ist eigener Aussage nach derzeit zu 70 Prozent ausgelastet und wirft bislang wenig ab.

Deshalb plante die gelernte Sozialpädagogin, die gerichtlich angeordneten Betreuungen noch zu Ende zu führen. Solche werden vergeben, wenn die zu betreuende Person nicht mehr selbst Verantwortung für sich übernehmen kann und auch keine Angehörigen oder Bekannte dafür infrage kommen.

Kai Lachmann

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