Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Gewalt gegen Kinder: Eltern immer öfter überfordert

Greifswald Gewalt gegen Kinder: Eltern immer öfter überfordert

Der Landkreis hat im vorigen Jahr 169 Mädchen und Jungen aus ihren Familien genommen / Tendenz weiter steigend

Voriger Artikel
Elisenpark: Standleitung wieder in Ordnung
Nächster Artikel
Polizei in MV will umfassende Handyüberwachung

Im Jugendamt des Kreises treffen Jahr für Jahr mehr Meldungen über Kindeswohlgefährdungen ein. Ein bundesweites Phänomen.

Quelle: Fotolia

Greifswald. Misshandelt, unterernährt und dehydriert: Ein dreijähriger Junge aus Grevesmühlen wurde dieser Tage von seinem Vater ins Klinikum Wismar gebracht, weil der sich offensichtlich überfordert fühlte. Das Tragische: Nicht nur einmal hatte sich der 31-Jährige vorab hilfesuchend an das Jugendamt gewandt. Doch dessen Mitarbeiter sind aufgrund unbesetzter Stellen vollkommen überlastet. Kann solch ein Drama auch bei uns passieren?

„Grundsätzlich kann ich so einen Fall natürlich nie ausschließen“, räumt Jana Erdtling vom Sozialpädagogischen Dienst des Jugendamtes in Vorpommern-Greifswald ein. Doch das Hilfeplanverfahren im Landkreis ermögliche den Sozialarbeitern, Risiken einer Kindeswohlgefährdung einzuschätzen und rechtzeitig zu reagieren.

Die Notwendigkeit bestehe immer öfter: Registrierte der Landkreis 2013 noch 428 Meldungen über womöglich verwahrloste oder misshandelte Kinder von besorgten Nachbarn, Freunden, Erziehern oder der Polizei, stieg deren Anzahl ein Jahr später auf 631. Nicht alle Informationen führten letztlich zu einer Inobhutnahme. Doch auch ihre Zahl steigt stetig: 2014 wurden laut Teamchefin Erdtling nach einer Prüfung der häuslichen Verhältnisse 138 Mädchen und Jungen aus den Familien genommen, 2015 waren es 169, in diesem Jahr bislang schon 83.

„Gibt es Verdachtsmomente, hat die Prüfung des Kindeswohls absoluten Vorrang gegenüber allen anderen Aufgaben“, versichert Erdtling. „Zum Glück“, so Jugendamtsleiterin Karina Kaiser, „lässt unsere personelle Ausstattung dies auch zu.“ Das sei längst nicht immer so gewesen. 2012 und auch im vorigen Jahr habe es einen akuten Personalmangel im Jugendamt gegeben. Dezernent Dirk Scheer räumte damals ein, „den Kinderschutz nicht mehr gewährleisten zu können“. Die Mitarbeiter schoben viele Überstunden, es kam zu Überlastungsanzeigen. Denn Kinder in Gefahr dulden keinen Aufschub.

Mittlerweile seien alle Stellen, die noch 2015 vakant waren, aber wieder besetzt, berichtet Karina Kaiser. Aktuell arbeite der Sozialpädagogische Dienst mit insgesamt 31 Sozialarbeitern an den Standorten Greifswald, Anklam und Pasewalk, geführt von je einem Teamleiter. „Bei ihm laufen sämtliche Meldungen über Kindeswohlgefährdung auf“, erklärt Jana Erdtling, die in Greifswald die Arbeit von neun Kollegen koordiniert. Gebe es einen Verdacht über ein gefährdetes Kind, fahre ein Mitarbeiter unangemeldet und unverzüglich zu der Familie. „Eine Checkliste hilft uns, die häusliche Situation einzuschätzen“, sagt Erdtling. Eine dreckige Wohnung, herumliegende Schnapsflaschen oder gar Drogen, ein leerer Kühlschrank seien nur einige der Gründe, die letzten Endes zur Inobhutnahme eines Kindes führten.

In seltenen Fällen sei die Situation so dramatisch, dass die Kinder der Rechtsmedizin vorgestellt werden. Die müsse dann klären, inwiefern ein Missbrauch oder eine Misshandlung vorliege. „In Greifswald kommt das pro Jahr etwa zehn- bis zwölfmal vor“, sagt Erdtling. In den meisten Fällen jedoch gehe es um eine Vernachlässigung des Kindes. Ist es jünger als zwölf Jahre, komme es in eine der sechs Bereitschaftspflegefamilien. Dieses Angebot, heißt es in der Jugendhilfeplanung des Kreises, müsse aufgrund des zunehmenden Bedarfs dringend auf neun ausgebaut werden. Für Kinder ab zwölf Jahren halten freie Träger Inobhutnahmestellen vor. Längstens bleiben sie dort zehn Tage. Danach müsse eine dauerhafte Lösung her.

Kindeswohlgefährdung

169 Kinder hat der Landkreis Vorpommern-Greifswald 2015 in Obhut nehmen müssen. Ein Jahr zuvor waren es 138. Tendenz weiter steigend:

Von Januar bis Mai dieses Jahres waren es bislang schon 83.

29 anerkannte freie Träger der Jugendhilfe leisten im ambulanten und stationären Bereich Hilfen zur Erziehung. Für noch ungeborene Kinder gibt es auch frühe Hilfen.

Petra Hase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Aktuelle Beiträge