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„Ich dachte, ich werde überfallen“

Bad Doberan „Ich dachte, ich werde überfallen“

Nach einer Drogen-Razzia sieht sich Unternehmer Andreas Herrmann als Opfer von Behörden-Willkür

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Andreas Herrmann an seinem Arbeitsplatz: Hier wurde der 48-jährige Unternehmer von der Drogen-Razzia überrascht.

Quelle: Fotos: Lennart Plottke

Bad Doberan. Den 10. Januar 2017 wird Andreas Herrmann nicht vergessen: Denn an diesem Dienstag stürmten sechs Polizisten in Zivil sein Doberaner Büro Am Walkmüller Holz – „auf der Suche nach Amphetaminen im Kilogramm-Bereich“, sagt der Unternehmer und schüttelt den Kopf. „Aufgrund einer vagen Anzeige wurde offenbar nach dem Gut-Glück-Prinzip die erstbeste abgeschlossene Bürotür eingetreten – ich dachte, ich werde überfallen.“

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Nach einer Drogen-Razzia sieht sich Unternehmer Andreas Herrmann als Opfer von Behörden-Willkür

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Die Beamten – allesamt mit schusssicheren Westen ausgestattet – hätten ihm ohne viele Worte einen Durchsuchungsbeschluss unter die Nase gehalten, so Herrmann: „Das lief alles in brutaler Wildwestmanier ab.“ Weder er noch sein Unternehmen seien namentlich angeklagt worden, es habe keine Vorermittlungen oder gar Observationen gegeben – und auch keine Beweise: „Wie auch“, sagt der Familienvater. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas mit Drogen zu tun gehabt.“

Was den 48-Jährigen noch viel wütender macht: „Der ganze Albtraum dauerte zwei Stunden – in dieser Zeit durfte ich noch nicht mal mit meiner Frau telefonieren.“ Dabei hätten die Polizeibeamten schon nach zehn Minuten festgestellt, „dass an dem Tipp wohl nichts dran ist“, ärgert sich Andreas Herrmann. „Deshalb wurde tatsächlich noch ein Drogenhund eingeflogen – der natürlich auch nichts gefunden hat.“

Nach seiner Auffassung sei hier „seitens der Behörden mehrfach und nachweislich gegen Gesetze und geltendes Recht verstoßen worden“, macht Herrmann deutlich. „Richter und Staatsanwalt haben einer Durchsuchung zugestimmt, der keinerlei Beweise zugrunde lagen – das bedeutet, dass die Rechtsstaatlichkeit außer Kraft gesetzt wurde und es morgen jeden x-beliebigen Bürger ebenfalls treffen kann.“

Offenbar gebe es Leute, „die nicht so toll finden, dass ich so erfolgreich bin“, vermutet der Inhaber einer Werbeagentur.

Seine anwaltlichen Beschwerden und Hilferufe nach Aufklärung seien bislang zum größten Teil ungehört geblieben, sagt Herrmann. Immerhin: Generalstaatsanwalt Helmut Trost habe inzwischen den Eingang der Dienstaufsichtsbeschwerden gegen die Kripo-Beamten vor Ort, den Staatsanwalt sowie gegen den Richter bestätigt und würde diese bearbeiten: „Rostocks Polizeipräsident Thomas Laum sowie Innenminister Lorenz Caffier hingegen schweigen weiter – das erinnert mich leider an eine Zeit, die ich in der DDR erlebt habe – und aus der ich im Jahr 1989 geflohen bin.“

Ein Vorwurf, den Isabel Wenzel, Sprecherin beim Polizeipräsidium Rostock, so nicht stehen lassen will: „Es handelt sich hier um ein laufendes Ermittlungsverfahren – deshalb können wir zum jetzigen Zeitpunkt grundsätzlich keine detaillierten Auskünfte geben.“ Dennoch könne sie Herrmanns Ärger über den Einsatz grundsätzlich nachvollziehen, sagt Wenzel: „Wer hat schon gern die Polizei im Haus?“

Doch ob es sich, wie Andreas Herrmann beteuert, um eine „versehentliche“ Razzia gehandelt habe, müsse noch geklärt werden, macht die Sprecherin deutlich.

Das kann der Unternehmer nicht nachvollziehen: „Mir liegt ein Schreiben von der Rostocker Staatsanwaltschaft vor, wonach das Ermittlungsverfahren nach Paragraph 170 Strafprozessordnung eingestellt wurde.“ Demnach würden die Ermittlungen nicht genügenden Anlass zur Erhebung einer öffentlichen Klage geben.

Man habe Herrmanns schriftliche Einwände durchaus als „Dienstaufsichtsbeschwerde“ gewertet, erklärt Polizeisprecherin Isabel Wenzel: „Wenn sich letztlich herausstellen sollte, dass es sich bei der Drogen-Razzia tatsächlich um ein ,Versehen’ gehandelt habe, stehen Andreas Herrmann diverse Rechtsmittel zur Verfügung.“

Von diesen werde er auch reichlich Gebrauch machen, kündigt der 48-Jährige an: „Ich gehe notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof – egal, was es kostet.“ Denn „für das inkorrekte Vorgehen der Kripo, das Fehlverhalten und die Überschreitung von Kompetenzen“ müssten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, ist Andreas Herrmann überzeugt: „Ich bin mehrfacher Unternehmer, Arbeitgeber, korrekter Steuerzahler und rechtschaffener Bürger dieses Landes – doch es bleibt immer ein Rest-Verdacht.“

Deshalb habe er den Mietvertrag für sein Büro am Walkmüller Holz gekündigt und suche jetzt neue Räumlichkeiten: „Es wurde mir Unrecht angetan, seit der Razzia bin ich traumatisiert – ich fordere eine lückenlose Aufklärung dieser Aktivitäten.“

Lennart Plottke

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