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„Ich habe Blut und Wasser geschwitzt“

Grimmen „Ich habe Blut und Wasser geschwitzt“

81-jähriger Heinz Lück musste zwei Stunden lang im festsitzenden Fahrstuhl im Ärztehaus ausharren

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Die Grimmener Feuerwehr musste am Montag den Rentner Heinz Lück aus dem Fahrstuhl im Ärztehaus befreien.

Quelle: Fotos: Reinhard Amler

Grimmen. „Nein, diesen Fahrstuhl werde ich nie mehr benutzen. Ich muss mich jetzt die Treppen hochquälen, auch wenn es schwerfällt, Schritt für Schritt“, sagt Rentner Heinz Lück (81) aus Lüssow (Gemeinde Süderholz). Zwei Stunden lang hat der Mann Montagnachmittag im Fahrstuhl des Grimmener Ärztehauses ausharren müssen.

OZ-Bild

81-jähriger Heinz Lück musste zwei Stunden lang im festsitzenden Fahrstuhl im Ärztehaus ausharren

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Gerade war er von seiner Behandlung in der Physiotherapiepraxis im dritten Stockwerk gekommen. Mit dem Lift wollte Heinz Lück wieder ins Erdgeschoss fahren. Da blieb der Fahrstuhl plötzlich stehen.

„Er war fast schon unten“, sagt der Rentner, der daraufhin den Notruf betätigte. „Zum Glück meldete sich auch jemand. Der versprach, mich auch zu holen“, sagt Heinz Lück. Er meinte aber, dass es wohl eine halbe Stunde dauern würde. Am Ende wurden es ganze zwei Stunden, die der Rentner im beengten Fahrstuhl zubringen musste.

„Ich habe Blut und Wasser geschwitzt“, sagt Heinz Lück. Glücklicherweise ließ sich die Innentür ein wenig öffnen, so dass ein bisschen Luft hineinkam, denn es war sehr stickig. „Über den Lautsprecher wurde ich dann aufgefordert, mich hinzulegen“, erinnert sich der 81-Jährige. „Aber der Fußboden war voller Staub. „Da konnte ich mich beim besten Willen nicht hinlegen. Ich habe mich an meiner Krücke festgehalten. So war es ein bisschen erträglich. Aber mein Rücken hat sehr weh getan. Eigentlich müsste ich Schmerzensgeld verlangen“, sagte der Lüssower.

Gerettet hat ihn letztlich die Grimmener Feuerwehr. Die fackelte nicht lange, sondern schaute sofort, ob sich der Fahrstuhl irgendwie bewegen lässt. Zum Glück gelang das. Schnell konnten die Einsatzkräfte dann auch die Lifttür aufschieben. Heinz Lück, war zu sehen. Der Rentner stand im Fahrstuhl, der gut einen Meter über dem Boden hing. Fest an die Krücke gelehnt. Sein Sommerhemd war geöffnet. Er schwitzte. Aber er war ansprechbar. Während sich Grimmens Feuerwehrchef Olaf Clasen, der den Einsatz leitete, mit dem 81-Jährigen unterhielt, bemühten sich andere Feuerwehrleute den Fahrstuhl per Hand zu bewegen. Es gelang. Zentimeter um Zentimeter senkte er sich nun.

Wäre das nicht gegangen, hätten die Feuerwehrleute den Rentner durch den Spalt zwischen Fahrstuhl und rettendem Fußboden, der etwa 60 Zentimeter breit war, ziehen können. Das hatten sie dem in der dunkelbraunen Kabine Ausharrenden bereits in Aussicht gestellt. Er schien sichtlich erleichtert, überhaupt Retter zu sehen.

Olaf Clasen bemängelte, dass bei der Feuerwehr kein Ersatzschlüssel, geschweige denn ein Notfallplan für den Fahrstuhl vorliegt. Denn es war nicht das erste Mal, das jemand in der Box steckengeblieben ist. Das war am Montag mehrfach vom zur Hilfe geeilten Personal aus Praxen des Hauses zu hören. Ein Therapeut reichte Heinz Lück Wasser, eine Schwester aus einer Arztpraxis überprüfte seinen Blutdruck. Zum Glück waren die Werte fast normal. Zur Vorsorge wurde dennoch der Notarzt gerufen. Er checkte den Rentner durch, gab dann aber grünes Licht, dass er nach Hause fahren konnte. Heinz Lück wollte nicht mit ins Krankenhaus nach Bartmannshagen genommen werden.

Was sagen nun die Verantwortlichen? Bernd Lüdemann von der Richtenberger Wohnungsbaugesellschaft, die das Grimmener Ärztehaus im Auftrag des Landkreises Vorpommern-Rügen verwaltet, verwies gestern sofort an seinen Auftraggeber. Bereits vor längerer Zeit hätte er schon gesagt, dass an dem Fahrstuhl dringend etwas passiere müsse (OZ vom 17. Juni 2016). Der Lift ist schließlich Baujahr 1972. 2003 hat er einen Umbau erfahren. So zumindest steht es im Kabineninnenraum.

Renate Jährling vom Landkreis Vorpommern-Rügen bedauerte den Vorfall. Es sei das erste Mal, dass im Ärztehaus solch ein Notfall eingetreten sei, sagte sie. Sicher war der Fahrstuhl schon öfter stehengeblieben. Aber immer nur kurz. Die Feuerwehr musste noch nie kommen. In der Regel, erklärte Jährling, melde sich nach Betätigen des Notrufes eine Firma, mit der der Landkreis einen Wartungsvertrag hat. So war das wohl auch am Montag. Warum keine Hilfe kam, ist unklar. Offenbar soll am Tage sogar ein Mechaniker im Ärztehaus gewesen sein.

2017, so Renate Jährling, sei vorgesehen, den Fahrstuhlkorb, der den TÜV hat und jährlich, wie vorgeschrieben, zweimal gewartet wird, zu erneuern. So jedenfalls hat es die Abteilung Gebäudemanagement des Landkreises vor. Befinden müssen darüber aber die Ausschüsse und der Kreistag. Eine Auftragsvergabe könne erst erfolgen, wenn der Haushalt vom Innenministerium bestätigt sei. Das wiederum kann sich hinziehen. Patienten müssen sich also weiter gedulden. Wie es insgesamt mit dem Haus weitergehen soll, dazu wollte sich Renate Jährling nicht äußern.

PS: Bis gestern Mittag gab es nicht mal einen Hinweis am Fahrstuhl, dass dieser funktionsuntüchtig ist.

Es muss schnell was geschehen

Das Grimmener Ärztehaus ist in meinen Augen ein Fall von Missmanagement des Landkreises Vorpommern-Rügen. Es ist ja nicht nur der Fahrstuhl, der bockt. Auch die Toiletten sind kaum zumutbar. Die marode Heizung könnte der nächste Aufreger werden. Nämlich dann, wenn sie mitten im Winter ausfällt. Für Grimmen, wo laut AOK-Bundesstudie schon sieben Hausärzte fehlen, wäre das eine Katastrophe. Es wird also höchste Eisenbahn, dass der Landkreis hier endlich seine Verantwortung wahrnimmt. Die Immobilie gehört ihm schließlich seit 1972, als der Kreis noch Grimmen hieß. Der zuständige Sozialausschuss sollte sich der Sache schnellstens annehmen. Denn die Ausrede, dass Geld im Haushalt sei, akzeptieren viele Grimmener längst nicht mehr. Für die Sanierung des jetzt verwaisten Landratssitzes, ein paar Schritte entfernt, war es doch auch da, sagen sie und haben nicht einmal Unrecht. Und übrigens: Anderswo sind Ex-Kreispolikliniken längst privatisiert.

Reinhard Amler

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