Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
„Ich schneide dir die Kehle durch“

Greifswald „Ich schneide dir die Kehle durch“

Das Frauenhaus Greifswald gibt es seit 25 Jahren / Ein Opfer häuslicher Gewalt fasst sich aus diesem Anlass ein Herz und berichtet über seine Erfahrungen

Voriger Artikel
Drei Schwerverletzte bei Unfall auf B 96
Nächster Artikel
25-Jähriger bei Autounfall schwer verletzt

Greifswald. Die Worte hallen noch in ihren Ohren: „Wenn ich dich kriege, schneide ich dir die Kehle durch“, hat ihr Ex gedroht. Und Paula* hat keinerlei Zweifel daran, dass er es wahr macht. Ihrem früheren Partner traue sie alles zu. Jahrelang habe er sie gedemütigt, beschimpft, verfolgt und immer wieder grün und blau geschlagen. Bis die heute 49-Jährige 2014 nach Greifswald ins Frauenhaus floh.

OZ-Bild

Das Frauenhaus Greifswald gibt es seit 25 Jahren / Ein Opfer häuslicher Gewalt fasst sich aus diesem Anlass ein Herz und berichtet über seine Erfahrungen

Zur Bildergalerie

Das sei nicht ihr erster Versuch gewesen, das unerträgliche Leben mit ihm hinter sich zu lassen. „Unsere Beziehung war schon nach dem ersten Kind nicht mehr in Ordnung“, offenbart die dreifache Mutter. Seine grundlose Eifersucht habe krankhafte Züge angenommen. „Da brauchte nur der Postbote zu klingeln, schon rastete er aus.“

17 Jahre ist es her, dass sie mit ihren Kindern erstmals ein Frauenhaus aufsuchte. Weit weg von zu Hause. Denn schon damals traute Paula ihrem Partner alles Mögliche zu. Und kehrte trotzdem wieder heim. „Anfangs war es ja auch gut. Bis die Vorwürfe kamen und alles von vorn begann.“ Den zweiten Ausbruchsversuch wagte sie Jahre später. Da war die Tochter schon volljährig „und hielt den Kontrollwahn ihres Vaters nicht mehr aus“, erzählt Paula.

Gemeinsam hätten sie stark gelitten, trotzdem habe es sie wieder nach Hause gezogen. „Diese Existenzangst kann keiner verstehen. Man geht ja nur mit Jacke und Hose los“, sagt die kräftige Frau und weint. Als der Ex schließlich ihrer Tochter Gewalt antat, war die weg – und Paula folgte ihr mit dem jüngsten Sohn. Sie wollte ein für allemal einen Schlussstrich ziehen und ein neues Leben beginnen.

Weit weg von der Heimat, von ehemaligen Freunden, Arbeitskollegen, sogar dem ältesten Sohn.

Im Frauenhaus Greifswald kamen Mutter und Tochter zur Ruhe. Endlich. Endlich wieder ohne Angst erwachen. Ohne Angst aus dem Haus gehen. Wobei: „Wenn neben mir ein Auto hupt, wenn ich neben mir einen Geruch wahrnehme, der seinem ähnelt, ist die Angst wieder da, sie verfolgt mich ständig“, sagt Paula und verrät, immer noch jeden Tag an diesen Tyrannen denken zu müssen. Dabei ist sie jetzt schon mehr als anderthalb Jahre von ihm fort, hat ihr neues Leben gut im Griff. „Neun Monate wohnte sie bei uns im Frauenhaus“, sagt Leiterin Dinara Heyer. „Fast gehörte sie schon zu unserem Inventar“, scherzt Mitarbeiterin Christiane Siegler. Lachen tut so gut! Und dennoch brechen sich die Tränen immer wieder Bahn.

Vergeblich hatte Paula versucht, in Greifswald eine Bleibe zu finden. Die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft „fand schnell heraus, dass ich in meiner Heimatstadt 7000 Euro Mietschulden hatte“.

Ein Problem, das viele schutzsuchende Frauen kennen, pflichtet Dinara Heyer ihr bei und sagt: „Aus diesem Grund kriegen sie dann in Greifswald keine Wohnung.“ Am Zustandekommen der Mietschulden trage sie keine Schuld, sagt Paula: „Unsere Wohnungsgesellschaft hat eine halbjährige Kündigungsfrist. Ausnahmen gibt es nicht.“ Da sie durch ihre Flucht auch keinen Job, also keine Einkünfte mehr hatte und ihr Ex die Miete nicht zahlte, summierten sich die Beträge schnell. „Jetzt zahle ich die Schulden ab – 25 Euro monatlich, wahrscheinlich bis an mein Lebensende“, sagt Paula mit bitterem Lachen.

Dass sie überhaupt zahlen könne, habe mit ihrem unbändigen Willen zu tun, betont Christiane Siegler: „Paula hat ihre Sachen nie schleifen lassen, hat sich immer durchgebissen.“

In einer anderen vorpommerschen Stadt scherte sich ein Vermieter im Herbst vorigen Jahres nicht um Paulas Schulden, sondern glaubte an sie. Hartnäckig habe sie sich Hilfe gesucht und gefunden, sagt Siegler. „Deshalb haben wir ihr auch den Neustart von ganzem Herzen gegönnt“, sagt ihre junge Kollegin Mareen Schumann.

Ein Neustart in einer fremden Stadt mit neuen Nachbarn, neuen Kollegen, neuen Zielen: Paula holt jetzt endlich ihren Abschluss als examinierte Altenpflegerin nach, nachdem sie jahrelang nur als Helferin gearbeitet hatte. Außerdem besorgte sie sich einen Minijob, um besser über die Runden zu kommen.

Die drei Mitarbeiterinnen des Frauenhauses glauben fest an sie. Und so gewinnt am Ende doch die Zuversicht – und nicht die Angst.

(*Name v.d. Red. geändert)

Das Greifswalder Frauenhaus

25 Jahre existiert das Greifswalder Frauenhaus am 1. Juni. Diesen Geburtstag feiern der Trägerverein Frauen helfen Frauen e.V., die drei Mitarbeiterinnen, Ehrenamtliche und Partner am Mittwoch (19 Uhr) mit einem Konzert von Isabell Schmidt im St. Spiritus (Eintritt: 5 Euro).

9 Frauenhäuser gibt es in MV, das nächstgelegene ist in Stralsund. Viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, suchen Schutz weit weg von der Heimat, um nicht gefunden zu werden. Zwei Drittel der Schutzsuchenden in Greifswald stammen aus dem Landkreis Vorpommern-Greifswald. Der beteiligt sich an der Finanzierung mit jährlich 25000 Euro. Die gleiche Summe zahlt die Hansestadt Greifswald. Das Land gibt 90 600 Euro. Daneben gibt es immer wieder Spenden 20 Betten stehen im Frauenhaus Greifswald zur Verfügung, im Jahresdurchschnitt seien diese laut Heyer zu 70 Prozent ausgelastet.Frauenhaus: ☎ 50 06 56

Petra Hase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Reutershage
In Rostock können die Bürger nach wie vor sicher leben.“Michael Ebert, Leiter Polizeiinspektion

Polizei stellt Kriminalitätsstatistik vor / Diebstähle und Computer-Verbrechen nehmen deutlich zu

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Aktuelle Beiträge