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„Im Prinzip ist das moderne Sklaverei“

Stralsund/Greifswald „Im Prinzip ist das moderne Sklaverei“

Stralsunder Zöllner suchen nach illegal Beschäftigten - und werden fündig

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Nachdem die Zöllner zwei Personen ohne Papiere aufgegriffen haben, halten sie sie im Einsatzfahrzeug fest, um sie danach zur Bundespolizei nach Stralsund zu fahren.

Quelle: Foto: Kai Lachmann

Stralsund/Greifswald. „Alles gut! Alles gut! Alles gut!!! Was ist denn los? Es ist doch alles gut!“ Einsatzleiter Robert Schmidt hat eine Hand an seiner Dienstwaffe, jeden Augenblick könnte er sie ziehen. Mit der anderen Hand hält der Zöllner einen jungen Mann fest, der vor dem Restaurant kniet, aus dem er gerade weglaufen wollte. Schmidts Kollege konnte ihn abfangen und zu Boden bringen. „Alles gut!“ Schmidt ist voller Adrenalin, bleibt aber versiert und versucht, zu beruhigen. „Alles gut!“ Der auf dem Boden kauernde junge Mann versteht kein Deutsch, doch in seinen Augen ist zu sehen, dass für ihn überhaupt nichts gut ist.

In dem Moment stürzt ein zweiter Mann mit Kochmütze aus dem Laden und läuft an ihnen vorbei. Schmidts Leute hinterher. Verfolgungsjagd auf dem Parkplatz. Der Mann schlägt einen Haken und läuft zwischen zwei Autos durch – direkt in die Arme der Zöllner.

Schwarzarbeit verursacht Schäden in Millionenhöhe

Dafür, dass die Szenen so filmreif sind, klingt der Anlass bürokratisch: Finanzkontrolle Schwarzarbeit. „Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung vernichten dauerhaft legale Arbeitsplätze, erhöhen damit die Arbeitslosigkeit und bringen den Staat um Steuern und die Sozialversicherungen um Beiträge“, heißt es auf der Internetseite des Zolls. In MV sind im vergangenen Jahr Delikte mit einer Schadenshöhe von 12,5 Millionen Euro aufgedeckt worden. „Als wir die Aufgabe 2004 von der Arbeitsagentur übernommen haben, sind wir quantitativ vorgegangen und haben jeden überprüft, um klarzumachen, dass wir darauf ein Auge haben und dass das kein Kavaliersdelikt ist“, so Pressesprecher Matthias Klotsch.

Sieben Beamte des Hauptzollamtes Stralsund sind an diesem Abend unterwegs, um fünf Restaurants in Greifswald und Umgebung zu überprüfen. „Zu einigen haben wir Hinweise erhalten, dass es dort nicht korrekt zugehen soll“, sagt Einsatzleiter Schmidt. Andere Lokale seien schon seit zwei Jahren nicht mehr überprüft und nun einfach mal wieder an der Reihe.

Wenn es sein muss, dann ziehen die Kontrolleure auch nachts los, etwa zu Bäckereien. Taxifirmen, Speditionen, Baubetriebe oder eben Restaurants zählen zu den am meisten frequentierten Unternehmen.

„Dort, wo die Löhne nicht so riesig sind, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Arbeitgeber versuchen, den Mindestlohn zu umgehen“, sagt Klotsch.

Die Kontrollen sind unangemeldet. Nachdem die Gruppe – in Zivil gekleidet – das volle Restaurant betreten und sich bei einer Bedienung ausgewiesen hat, bricht sofort Hektik unter der Belegschaft aus.

Vier Personen versuchen zu fliehen. Sie alle werden gefasst. Die Zöllner sind körperlich fit. Sportlichkeit gehört zum Job. Auch das Erlernen der sogenannten waffenlosen Selbstverteidigung ist Standard. Man wisse nie, was alles passieren könne, erzählt Sprecher Klotsch. Auf einer Baustelle könnten zum Beispiel Werkzeuge als Angriffswaffen genutzt werden. Deshalb müssen die Kontrolleure immer auf das Schlimmste vorbereitet sein.

Obwohl er mit 27 Jahren der Jüngste im Team ist, das er sich für den Abend selbst zusammengestellt hat, kann Robert Schmidt schon auf sechs Jahre Erfahrung zurückblicken. „Mein erster Einsatz war auf der Autobahn. Die Kollegen hatten jemanden observiert und wussten schon, dass da etwas zu holen ist. In dem Auto befanden sich acht Kilogramm Haschisch.“ Wie fühlt man sich nach so einem Zugriff?

„Stolz. Glücklich. Es ist alles Teamsache. Wenn es brenzlig wird, muss ich mich blind auf meine Kollegen verlassen können.“

Die Bilanz des aktuellen Einsatzes lässt sich noch nicht abschätzen. Zwei Personen, die fliehen wollten, haben im Gegensatz zu den anderen beiden eine Aufenthaltsgenehmigung und sind nicht beim Arbeiten angetroffen worden. „Die Küche ist jetzt leer, der Laden voll“, sagt Christian Heyde. „Der Chef hat gesagt, er wolle jetzt das Kochen übernehmen.“ Der Zollhauptsekretär mag das nicht so ganz glauben und schlägt vor, das Restaurant im Laufe des Abends noch ein zweites Mal aufzusuchen.

Möglicherweise werden sie abgeschoben

Gute Idee, findet Schmidt. Doch zunächst müssen die Zöllner die beiden Männer ohne Papiere zur Bundespolizei nach Stralsund fahren. Das Erfassen zieht sich. Möglicherweise werden sie abgeschoben.

Auf dem Weg nach Hause ist Schmidt zwiegespalten: „Die beiden tun mir leid“, sagt er. Kleine Lichter, wahrscheinlich unter großen Strapazen nach Deutschland eingeschleust. Für den Restaurantchef hat er kein Mitleid. „Das ist im Prinzip moderne Sklaverei.“ Keinerlei Absicherung, dafür totale Abhängigkeit. „Er bekommt ein hohes Bußgeld und eine Betriebsprüfung.“ Zur Strafe kommt hinzu, dass der durch die Schwarzarbeit verursachte Schaden ausgeglichen werden muss. Nicht jedes Restaurant überlebt das.

Kai Lachmann

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