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„Mir fehlt die Ostsee am Hindukusch“

Ribnitz-Damgarten „Mir fehlt die Ostsee am Hindukusch“

Von Ribnitz nach Afghanistan: Revierleiter Marco Stoll (49) im besonderen Einsatz als Polizeiberater in Mazar-i-Sharif

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Ribnitz-Damgarten. Polizeidienst im Ausland: Der Ribnitz-Damgartener Polizeirevierleiter Marco Stoll ist für zwei Monate im besonderen Einsatz in Mazar-i-Sharif, der viertgrößten Stadt Afghanistans. Die OZ befragte den 49-Jährigen zu seiner dortigen Polizeiarbeit, der Anschlagsgefahr und dem Jahreswechsel fernab der Heimat.

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Von Ribnitz nach Afghanistan: Revierleiter Marco Stoll (49) im besonderen Einsatz als Polizeiberater in Mazar-i-Sharif

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Herr Stoll, was ist Ihre Aufgabe in Afghanistan?

Marco Stoll: Meinen Dienst versehe ich als Polizeiberater beim bilateralen deutsch-afghanischen Polizeiprojekt „GPPT2“.   Konkret betreue ich ein Projekt zur Optimierung des regionalen Führungs- und Lagezentrums der afghanischen Polizei. Ich wurde für diese interessante Aufgabe ausgewählt, da ich schon Erfahrungen mit der Arbeitsweise einer Einsatzleitstelle unserer Polizei erworben habe. Ein weiterer wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Förderung von Frauen in und außerhalb der afghanischen Polizei. Die Unterstützung innerhalb unseres deutschen Polizeiteams ist bei der Vielzahl der Aufgaben unabdingbar. So konnte ich zum Beispiel gerade die Neuinstallation einer Heizung für einen Kindergarten begleiten und mitgebrachtes Spielzeug übergeben.

Warum haben Sie sich für den Einsatz in einem so schwierigen Land wie Afghanistan entschieden?

Fernab der Heimat, in einem anderen kulturellen Umfeld zu arbeiten, ist für mich eine persönliche Herausforderung. Hier bietet sich die Möglichkeit, am Aufbau polizeilicher Strukturen mitzuarbeiten.

Es ist ein gutes Gefühl, Menschen zu helfen, die ihre Zukunft lebenswert gestalten wollen. Dabei weitet die Zusammenarbeit mit Menschen aus verschiedenen Ländern und deren Sicht auf die Dinge den eigenen Horizont. In dem Kontext konnte ich feststellen, dass wir als deutsche Polizisten einen sehr guten Ruf in Afghanistan genießen.

Wie funktioniert Polizeiarbeit dort?

Bedingt durch den Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg ist Polizeiarbeit, wie wir sie in Deutschland kennen, hier erst in Grundzügen möglich. Die Bewaffnung der Kollegen mit Kalaschnikows zeigt, dass auch hier, im eigentlich ruhigen Norden, noch mit Anschlägen zu rechnen ist. Gleichwohl, und das ist der Inhalt meiner Arbeit hier, wollen die Afghanen eine moderne Polizei aufbauen. Dies ist jedoch ein sehr langwieriger Prozess. Die Probleme, die Jahrzehnte Bürgerkrieg geschaffen haben, können nicht über Nacht behoben werden. Wir dürfen die Leute nicht allein lassen, denn wenn in Afghanistan kein einigermaßen sicheres Leben möglich ist, werden die Leute gehen...

Wie stark unterscheidet sich Ihr Arbeitstag in Afghanistan von dem als Revierleiter in Ribnitz?

Einen geplanten Tagesablauf wie zu Hause gibt es in Afghanistan aus Sicherheitserwägungen nicht. Terminabsprachen und Treffen mit unseren afghanischen Kollegen erfolgen kurzfristig und zu unterschiedlichen Zeiten, damit keine Routine erkennbar ist. Dieses Verfahren unterscheidet sich doch stark vom Tagesgeschehen im Polizeirevier zu Hause. Während man mich in Ribnitz ohne große Schwierigkeiten erreicht, gibt es hier vor jedem Treffen mit den Einheimischen ein umfangreiches Sicherheitsprozedere. Einen Feierabend, wie in Deutschland, gibt es auch nicht. Wir befinden uns im Einsatz und sind auch im Camp „Marmal“ ständig in Bereitschaft.

Apropos soziales Leben. Wie haben Sie Weihnachten und Silvester verbracht?

Weihnachten in Afghanistan unterscheidet sich natürlich deutlich vom Trubel in Deutschland. Hier fehlten mir die festlich geschmückten Straßen und Häuser sowie der Weihnachtsmarkt im Klosterhof.

Weihnachten und Silvester werden im Islam nicht gefeiert. Am beeindruckendsten war für mich der deutsch-kroatische Gottesdienst am Heiligen Abend. An dem ökumenischen Gottesdienst in der Feldkirche nahmen Christen aus verschiedenen Ländern teil. Die Silvesterfeierlichkeiten fanden fast gänzlich ohne „geistige“ Getränke und selbstverständlich ohne „Feuerwerk“ statt, denn auch zu Festtagen ist Wachsamkeit geboten.

Was vermissen Sie dort am meisten?

Ganz klar die Menschen, die mir wichtig sind und zu denen ich – dank des Internets – Kontakt halten kann. Auch bin ich diesmal ja nur kurze Zeit fern von zu Hause. Die Kargheit und Strenge der Landschaft mit der Majestät der Berge in Balkh ist schon imponierend. Aber mir fehlen, hier an den Ausläufern des Hindukusch, der Bodden und die Ostsee. So schön und imposant die Berge auch sein mögen, ich freue mich wieder auf das „platte“ Land und den Darß.

Was beeindruckt Sie an Afghanistan?

Ich glaube schon, dass es Afghanistan und dessen wechselvolle Geschichte waren, die mich 2013 bewogen, mich für meine erste Mission in diesem Land zu bewerben. Auch die Faszination des Unbekannten spielte sicherlich eine Rolle. Das erste Mal im Land war ich 2014 für ein Jahr in Kabul. Das war ein Leben in einer quirligen, gefährlichen Großstadt. Die größte Umstellung bedeutete für mich die Luft, welche oft kaum zu atmen war. Neu für mich als deutscher Polizist war auch die kreative Auslegung der Verkehrsregeln. Damals und heute faszinieren mich die Menschen hier. Man kann vielen Afghanen die schwere Zeit aus den Gesichtern lesen. Trotz der oft bitteren Armut tragen die Leute ihr Schicksal hier mit Würde. Die Fähigkeit, mit härtesten Unbilden pragmatisch umzugehen, hat mich tief beeindruckt. Legendär ist die afghanische Gastfreundlichkeit.

Wie sehr ist Krieg und Armut im Alltag spürbar? Und wie (un)sicher fühlen Sie sich dort?

Wenn Sie durch die Straßen von Mazar-i-Sharif fahren und die Bettlerin mit zwei Kindern auf der Straße sitzend sehen, geht es einem schon sehr nah. Die Infrastruktur von Mazar-i-Sharif ist nach den Kriegswirren noch lange nicht auf europäischem Standard.  

Was die Sicherheit betrifft: Ich versehe meinen Dienst in einer speziell für Auslandseinsätze entwickelten Polizeiuniform, gelegentlich mit Schutzweste. Für die Einheimischen bin ich als deutscher Polizist erkennbar und erhalte viele positive Rückmeldungen.  

Was war Ihr eindrücklichster Moment dort bisher?

Die eindrücklichste Zeit für mich in dieser Mission waren die Tage nach dem Angriff auf das Deutsche Konsulat in Mazar-i-Sharif (Dort hat es am 10. November einen Anschlag mit sechs Toten gegeben/Anm. d. Red.) Die Reaktionen und Maßnahmen im Anschluss an den Anschlag waren sehr professionell. Das kann ich schon sagen, ohne Einzelheiten zu nennen.

Was wünschen Sie sich für das Land?

Ganz klar Frieden. Es wäre schön, wenn die Menschen hier endlich zur Ruhe kommen könnten. Frieden gibt es nicht ohne Sicherheit und so schließt sich der Kreis.

Inwieweit könnte Ihre Erfahrung dort auch den Umgang mit Problemen in einer Kleinstadt wie Ribnitz-Damgarten verändern?

Schon nach meiner ersten Afghanistan-Mission sah ich so manche „Aufgeregtheit“ zu Hause in einem anderen Licht.   So sollten wir uns an die Vorzüge unserer Heimat erinnern.   Beispielsweise sind eine intakte Umwelt mit sauberer Luft und Trinkwasser für viele Afghanen keineswegs selbstverständlich.

In meinem Revierbereich in Ribnitz-Damgarten ist die Polizeiarbeit anders geartet als in Afghanistan. Beispielsweise wollen wir 2017 die Zahl schwerer Verkehrsunfälle durch Geschwindigkeitsüberschreitungen vermindern. Es bleibt unser Ziel, dass sich jeder auch zukünftig angstfrei in der Öffentlichkeit bewegen kann. Ein Privileg, um das man uns nicht nur in Afghanistan beneidet. Bei uns in der Region gibt es Menschen, die auch aus Afghanistan zu uns kamen. Sollten sie bei uns bleiben, so müssen wir deren Integration fördern und fordern. Hier werde ich wieder gern unterstützen. Ich freue mich dabei auf die weitere Zusammenarbeit mit den vielen ehrenamtlichen Helfern der evangelischen Kirchengemeinde in Ribnitz-Damgarten. Interview:

Virginie Wolfram

Geschichte hinter der Geschichte

Dieses Interview mit Polizeirevierleiter Marco Stoll war seit Ende November geplant. Es hat eine lange Reise hinter sich. Weil es sich um Afghanistan und einen besonderen Einsatz handelt, konnten die Fragen der Redaktion nur per E-Mail eingereicht werden. Sie wurden Anfang Dezember losgeschickt, durchliefen die Polizeipressestelle, die Ministerien für Inneres in Berlin und Schwerin, um letztlich auf sicherem Wege nach Mazar-i-Sharif gesendet zu werden. Die Fragen beantwortete Marco Stoll dankenswerterweise sehr zeitnah, bevor die E-Mail noch mal den gleichen langen Weg zurücklegte. In seiner Nachricht wünschte er den Lesern der OSTSEE-ZEITUNG und allen, die ihn kennen, einen guten Start ins Jahr 2017. In diesen Tagen wird der 49-Jährige in Deutschland zurück erwartet.

OZ

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Der Ribnitz-Damgartener Revierleiter Marco Stoll ist seit November im besonderen Polizei-Auslandseinsatz in Mazar-i-Sharif.

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