Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Polizei am Limit: Kaum Zeit für Streifen

Polizei am Limit: Kaum Zeit für Streifen

Die Reviere in der Hansestadt brauchen mehr Personal, sagt Polizeichef Michael Ebert im OZ-Interview

Voriger Artikel
Fahrer flieht im Cabrio vor der Polizei
Nächster Artikel
Polizeichef: „Wir wollen präsenter sein.“

Michael Ebert ist der Chef der rund 450 Polizeibeamten in der Hansestadt Rostock.

Quelle: Ove Arscholl

Stadtmitte Rostocks Polizeichef Michael Ebert richtet deutliche Worte an die Politik: Die Zeit des Sparens bei der Polizei müsse vorbei sein, die Ordnungshüter der Hansestadt seien am Limit. Die Reviere bräuchten mehr Personal – damit sie auch wieder auf Streife gehen und die Bürger sich sicherer fühlen können.

Die Zahl der Angriffe auf Polizisten hat zugenommen – und auch deren Intensität.“

Während der Flüchtlingslage 2015 war die Leistungsgrenze der Rostocker Polizei erreicht.“

Alle zehn Minuten ein Einsatz

50000 Einsätze müssen die Beamten der Rostocker Polizei pro Jahr bewältigen. Rein rechnerisch ereilt die Ordnungshüter alle zehn Minuten ein Notruf.

450Beamte gehören zur Rostocker Polizei.

• Online: Das komplette Interview lesen Sie auf www.ostsee-zeitung.de

Herr Ebert, in zwei Wochen startet der FC Hansa in die neue Saison. Und dann kommt bald eine Million Gäste zur Hanse Sail. Von einem ruhigen Sommer kann bei der Polizei keine Rede sein – oder?

Ebert: Nein, ein Sommerloch gibt es bei der Polizei nie! Polizei kann nur erfolgreich sein, wenn wir der Lage vorausdenken. Wir befassen uns jetzt schon mit Themen, die erst in mehreren Monaten aktuell werden – mit den bevorstehenden Demonstrationen, dem Rostocker Weihnachtsmarkt, mit der Hanse Sail 2017, aber auch mit Einsatzlagen, die hoffentlich nie eintreten.

Was ist mit aktuellen Problemen? Die Kriminalstatistik 2015 weist einen Wert aus, der herausragt: Die Zahl der Diebstähle in Rostock steigt deutlich. Das hat viele Bürger verunsichert.

Schafft es die Polizei noch, die Sicherheit zu gewährleisten?

Ebert: Ja, die Rostocker können in ihrer Stadt sicher leben. Zugleich sind die Menschen heute mehr denn je gefordert, für den Schutz ihres Eigentums auch selbst Vorsorge zu treffen.

Aber das ist doch Ihre Aufgabe . . .

Ebert: Ganz deutlich: Ich denke, wir sind gut aufgestellt, was die alltäglichen Lagen angeht und davon haben wir immerhin 50000 pro Jahr. Wir können den Menschen immer dann helfen, wenn sie uns brauchen. Die Frage ist, wie wir auf andere Entwicklungen vorbereitet sind, die uns als Stadt, Land und Gesellschaft auch kurzfristig ereilen können. Während der Flüchtlingssituation im Herbst 2015 war die Grenze des Leistbaren bei der Rostocker Polizei erreicht.

Inwiefern? Nach außen wirkte alles friedlich

Ebert: Wir haben in kurzer Zeit eine extreme Polarisierung rund um das Thema erlebt. Hinzu kamen viele Veranstaltungen, Demonstrationen und eine zunehmend aggressive Grundstimmung in der Gesellschaft. Dies nicht nur in InternetForen, sondern auch auf der Straße. Und gerade in Rostock tragen wir vor dem Hintergrund der Ereignisse 1992 in Lichtenhagen eine ganz besondere Verantwortung. Immerhin mussten wir nicht nur für die vom Land zugewiesenen Flüchtlinge Sorge tragen, sondern wie keine andere Stadt in MV auch für 30 000 Flüchtlinge, die über unseren Hafen gen Skandinavien reisten. Ich bin nach wie vor froh, dass wir mit den Verantwortlichen und vielen anderen Beteiligten alles getan haben, um eine weitere Aufheizung der Stimmung zu verhindern.

Sie sprachen von „Alltagslagen“, die sie gut bewältigen. Was schafft die Polizei denn nicht mehr?

Ebert: Wir sind für die Verfolgung von Ordnungswidrigkeiten und Straftaten zuständig, für die Abwehr von Gefahren. Aber wir können nicht mehr die Vorsorge leisten wie noch vor einigen Jahren.

Das bedeutet?

Ebert: Die Polizei hat auch den präventiven Auftrag, es gar nicht erst zu Straftaten kommen zu lassen. Zum Beispiel, indem wir ohne konkreten Einsatz in den Stadtteilen Streife fahren oder in einer Kleingartenanlage nach dem Rechten sehen. Dafür haben wir kaum noch Zeit. Oft fahren wir von Notruf zu Notruf.

Hat die Zahl der Einsätze so stark zugenommen oder liegt das an den Sparrunden bei der Polizei?

Ebert: Es wird immer wieder diskutiert, von welchen Aufgaben sich die Polizei trennen könnte. Ich persönlich kenne da keine. Da wird über angebliche Wasserköpfe in der Polizei gesprochen. Wir brauchen nun mal einen gewissen Prozentsatz an Mitarbeitern, um die Organisation am Laufen zu halten. Uns fehlen Mitarbeiter, um auf der Straße präsenter zu sein.

Ihr oberster Chef, Innenminister Lorenz Caffier (CDU), hat im Wahlkampf angekündigt, die Zahl der Polizisten nach der Wahl wieder steigern zu wollen . . .

Ebert: Ich freue mich, dass das Thema in der politischen Diskussion angekommen ist und von allen Parteien ernst genommen wird. Natürlich auch, weil die Menschen es heute sehr deutlich einfordern. Es besteht, glaube ich, Konsens, der inneren Sicherheit wieder mehr Beachtung zu schenken.

Der Stellenabbau war also falsch?

Ebert: Die Frage muss die Politik beantworten. Aber die Einwohnerzahl kann nicht das einzige Kriterium für eine Polizeistärke sein. Wir dürfen in der Diskussion nicht vergessen, dass wir auch auf denkbare Entwicklungen in der Gesellschaft vorbereitet sein müssen, die hoffentlich nie eintreten. Demokratie ist nur dann erfolgreich, solange sie wirkungsvolle Instrumente besitzt, Angriffen konsequent zu begegnen. Wie schnell so etwas gehen kann, haben wir im Herbst erlebt.

Wie sieht es denn personell aus bei der Rostocker Polizei?

Ebert: Wir haben rund 450 Mitarbeiter, davon 250 im Streifendienst. Das klingt viel. Aber diese 250 Beamten versehen an 365 Tagen im Jahr in vier Schichten Dienst. Und auch diese Mitarbeiter haben Urlaub, sind mal krank und müssen sich fortbilden.

Ist die Belastung für Polizisten in Rostock höher als auf dem „flachen Land“?

Ebert: Wir haben eine sehr hohe Einsatztaktung. In der Fläche haben Sie sehr lange Anfahrtszeiten, dort fahren sie 30 bis 40 Kilometer bis zum Einsatzort – und wieder zurück. Bei uns gibt es kurze Wege, dafür mehr Einsätze. Auch bei der Kripo wachsen die Anforderungen: Montags bis freitags arbeiten die Kollegen an ihren Vorgängen, am Wochenende, feiertags und nachts sind sie auf der Straße im Einsatz.

Wie viele Beamte mehr könnte Rostock denn gebrauchen?

Ebert: Das lässt sich so einfach nicht in einer Zahl ausdrücken. Wir müssten uns jede Aufgabe, die wir wahrnehmen sollen, genau ansehen. Ich kann mir gut vorstellen, den Schichtdienst deutlich zu verstärken – um stärker präsent zu sein und um den Menschen das gute Gefühl zu geben, dass wir da sind, wenn sie uns brauchen.

Wie viele Streifenwagen sind überhaupt noch in Rostock besetzt?

Ebert: Das entscheiden wir in Abhängigkeit von der Lage und aufgrund unserer Erfahrung. An Freitagen und Sonnabenden mehr als an einem Wochentag, nachts mehr als am Tage. In der Regel zwischen acht bis zehn, es können auch mal 15 oder mehr sein. Und bei besonderen Lagen fordern wir Kräfte aus dem Land oder dem Bundesgebiet an.

Die Gewalt gegen Polizisten nimmt bundesweit zu. Auch in Rostock?

Ebert: Ich sprach ja schon von der sich aufheizenden Stimmung. Diese trägt sich auf die Straße. Selbst bei einfachen Verkehrskontrollen wird das rechtmäßige Handeln der Polizei infrage gestellt. Und nicht nur bekannte Straftäter widersetzen sich den Beamten. Bei einfachen Kontrollen werden meine Mitarbeiter beleidigt, bespuckt, angegriffen und verletzt. Diese ertragen es mit einer immer wieder hohen Professionalität und erfüllen ihren Auftrag. Ja, in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Angriffe zugenommen, insbesondere in ihrer Intensität.

Interview von Andreas Meyer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Aktuelle Beiträge