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Toter Marokkaner: Fall bleibt ein Rätsel

Stralsund Toter Marokkaner: Fall bleibt ein Rätsel

Heute vor zwei Jahren wurde die mumifizierte Leiche des jungen Mannes in einem Hafenspeicher in Stralsund gefunden. Der Staatsanwalt hat die Ermittlungen inzwischen eingestellt.

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Hanane Daniba (30) gestern während der Trauerfeier am Bild ihres Bruders Oussame vor dem Speicher auf der Hafeninsel in Stralsund, in dem sich unter anderem der Studentenklub „8cht vorne“ befindet. Im dritten Stock wurde heute vor zwei Jahren die mumifizierte Leiche des jungen Marokkaners gefunden. Die Umstände seines Todes sind weiter ungeklärt. FOTOS (2): JENS-PETER WOLDT

Stralsund. Auf den Tag genau vor zwei Jahren ist die mumifizierte Leiche eines jungen Mannes in einem Speicher auf der Hafeninsel gefunden worden. Bis heute sind die genauen Umstände des Todes von Oussame Daniba unklar. Sicher ist nur: Der damals 22-jährige Marokkaner war schon seit dem 14. September 2014 verschwunden. Mit anderen Worten: Er hatte bereits seit einem halben Jahr dort gelegen, wo er schließlich entdeckt wurde.

OZ-Bild

Heute vor zwei Jahren wurde die mumifizierte Leiche des jungen Mannes in einem Hafenspeicher in Stralsund gefunden. Der Staatsanwalt hat die Ermittlungen inzwischen eingestellt.

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Gestorben sein kann er sowohl an einer Vergiftung als auch an den Folgen eines Schädelbruchs. Das erklärte gestern Oberstaatsanwalt Sascha Ott auf Anfrage der OSTSEE-ZEITUNG. „Wegen des Zustandes der Leiche ist es jedoch nicht möglich, genauere Schlussfolgerungen zu ziehen“, sagte er. „Wir haben keine Hinweise auf einen Täter. Eigentlich wissen wir nichts.“ Auch Hinweise auf ein Tatmotiv gebe es nicht. Das gelte auch für einen fremdenfeindlichen Hintergrund.

Seinen Angaben zufolge wird allerdings angenommen, dass das Gift über den Mund in den Körper gelangte. Dabei handelte es sich um Phenol. Der farblose, kristalline Feststoff ist eine wichtige Industriechemikalie und dient als Zwischenprodukt besonders zur Herstellung diverser Kunststoffe. Unklar ist, ob der Flüchtling, der zu jener Zeit in einer Unterkunft auf dem Dänholm wohnte, die tödliche Dosis des Giftes selbst eingenommen hat, oder ob sie ihm von jemandem untergemischt wurde. Möglich ist auch, dass die Schädelverletzung die Folge eines Sturzes war, weil der 22-Jährige durch die Vergiftung stark geschwächt war.

Hanane Daniba, Schwester des Verstorbenen, hofft aber immernoch, dass die Umstände des Todes ihres jüngeren Bruders aufgeklärt werden. Die 30-Jährige, die in Spanien lebt, war gestern zu einer Trauerfeier vor dem Speicher auf der Hafeninsel nach Stralsund gekommen. „Es muss etwas geben, was bisher alle übersehen haben“, sagte sie. Organisiert worden war das Gedenken an Oussame Daniba von einer Gruppe um die Stralsunderin Tatiana Volkmann vom Regionalzentrum für demokratische Kultur. Sie sagte in einer Erklärung: „Wir wollen ein Klima der Wachsamkeit in Stralsund fördern, in dem es nicht unbekannt bleibt oder gleichgültig ist, wenn ein Mensch – unabhängig von seiner Herkunft – zunächst ein halbes Jahr spurlos verschwindet, dann tot aufgefunden wird und die Umstände seines Todes bis heute unklar bleiben.“

Bereits am 16. November 2016 hat die Staatsanwaltschaft das Todesermittlungsverfahren im Fall Oussame Daniba eingestellt, weil es eben keine Hinweise auf einen Täter gibt. Auch für Ott ist das ein unbefriedigender Zustand. Er ist sich aber sicher, dass die Ermittlungsbehörden alles in ihrer Macht stehende getan haben, um den Fall aufzuklären. Es gebe jedoch keine Hinweise darauf, wie der junge Mann wirklich zu Tode gekommen ist.

Bekannt sei den Ermittlern aber, so der Oberstaatsanwalt, dass Oussame Daniba am Abend seines Verschwindens in der Bar „8cht vorne“ mit einem falschen Namen unterwegs war. Unauffindbar sei bislang auch noch ein möglicher Zeuge. Sascha Ott: „Sollte der plötzlich wieder auftauchen, oder sollten neue Fakten bekannt werden, werden die Ermittlungen natürlich sofort wieder aufgenommen.“

Entdeckt worden war die Leiche des Mannes am 14. Februar 2015 von drei Mitgliedern des Stralsunder Studentenvereins „Carpe Diem“ , der den Klub „8cht vorne“ betreibt. Einer von ihnen ist Abdul Akher.

Der heute 27-Jährige aus Bangladesh studiert an der Fachhochschule in Stralsund Baltic Management Studies. Er erinnert sich noch genau an jenen Tag: „Im zweiten Stock des Speichers haben wir eine kleine Abstellkammer, die wir nur selten aufsuchen. Wir haben uns damals über den Verwesungsgestank gewundert. In einem Raum im dritten Stock fanden wir die Leiche. Dann alarmierten wir die Polizei, die etwa eine halbe Stunde später eintraf.“

Er kann sich wie andere Mitglieder des Vereins bis heute nicht erklären, wie der Mann in den Raum gekommen ist, weil immer alle Türen abgeschlossen sind. Möglich sei, dass er über die Fassade geklettert ist. Gekannt hat ihn niemand vom Personal. Abdul Akher hält es aber für möglich, dass er am Abend seines Verschwindens im September 2014 Gast im Klub war.

Davon war gestern auch während der Trauerfeier vor dem Speicher die Rede. Demnach soll Oussame Daniba zu einem Begleiter gesagt haben, dass er sich etwas von der Bar holen will. Er kam nie zurück.

Eine Vermisstenanzeige drei Tage später bei der Polizei ergab nichts. Auf Anrufe gab es keine Reaktion. Am siebenten Tag nach dem Verschwinden war dann offenbar der Akku des Mobiltelefons leer.

Oussame Daniba soll zu seinen Lebzeiten ein schüchterner und hilfsbereiter junger Mann gewesen sein, der gern zeichnete und ein neues Leben in Deutschland beginnen wollte. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass er bei der Polizei wegen kleinerer Delikte bekannt war.

Jens-Peter Woldt

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