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Alle unter einem Dach: Pioniere wagen Generationen-Wohnen

Berlin Alle unter einem Dach: Pioniere wagen Generationen-Wohnen

Das Zusammenleben von Eltern, Kindern und Großeltern ist selten geworden, aber als alternatives Modell heute manchmal wieder gefragt. Die eigene Familie muss es dabei nicht unbedingt sein.

Berlin. Wenn Teresa Lange* an das reizvolle Jobangebot zurückdenkt, muss sie über ihre erste Reaktion noch immer schmunzeln. „Ich habe zu meinem Chef gesagt: Da muss ich erst mal meine Mutter fragen“, erinnert sie sich.

Die spontane Reaktion war der Auftakt für ein eher ungewöhnliches deutsches Lebensmodell. Teresa Lange lebt mit ihrem Freund und der kleinen Tochter heute wieder mit ihrer Mutter zusammen. Sie arbeitet in ihrem Traumberuf und leitet zwei Modegeschäfte. Ihr Kopf ist frei von Kitazeiten, Einkäufen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn junger Mütter mit Ganztagsjob.

Für diesen Luxus sind drei Generationen vor einem Jahr im Berliner Szene-Stadtteil Friedrichshain zusammengezogen. Die Altbauwohnung haben sie gemeinsam ausgesucht und eine Art privaten Generationenvertrag geschlossen: Die jungen Eltern arbeiten beide Vollzeit, zahlen die Miete und das Haushaltsgeld. Großmutter Rosa kümmert sich um die quirlige vierjährige Enkelin Mila und wird in der Familie bleiben, wenn sie später einmal Hilfe braucht.

Damit lebt Familie Lange gegen den Trend. Nach den jüngsten Berechnungen des Statistischen Bundesamts schrumpfte die Zahl der Haushalte mit drei oder mehr Generationen unter einem Dach von 351 000 im Jahr 1995 auf 209 000 im vergangenen Jahr - ein Rückgang von 40,5 Prozent. Doch die vier Berliner könnten auch Vorreiter inmitten gesellschaftlicher Entwicklungen sein, die Soziologin Christine Hannemann als Interesse an Gemeinschaftlichkeit und Wandel der Lebensstile bezeichnet.

„Das Mehrgenerationen-Wohnen greift um sich“, sagt sie. „Aber eher nicht in den klassischen Familien, es entstehen eher Wahlverwandtschaften“, ergänzt die Wissenschaftlerin der Uni Stuttgart. Jüngere und Ältere fänden sich häufiger als vor zehn Jahren in Wohnprojekten zusammen, die auf gegenseitiger Hilfe basieren. Der Anstoß komme oft von der älteren Generation, die später nicht im Pflegeheim enden wolle. „Es ist die 68er-Generation, die jetzt alt wird“, erläutert die Soziologin. Die habe schon immer offenere Lebensmodelle gepflegt. Und sie mache sich früher Gedanken, wie sie mit 80 Leben wolle.

Teresa Lange ist 27 und kennt das ungläubige Staunen, wenn sie Freunden von ihrem Leben erzählt. „Viele können sich das nicht vorstellen - wieder mit Mama“, sagt sie. Doch nun heirateten viele Freunde und bekämen auch Kinder. „Und jetzt fangen sie an, genauer nachzufragen, wie das bei uns so klappt.“

Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt ein gespaltenes Bild. Fast die Hälfte (44 Prozent) der rund 2000 Befragten sieht das Zusammenleben in einer Großfamilie demnach positiv. Für elf Prozent ist es der Umfrage zufolge schon Alltag, zwei Prozent planen es gerade. Fast ein Drittel würde gern so leben - vor allem im Alter. Dagegen steht die andere Hälfte (46 Prozent), die sich dieses Lebensmodell für sich absolut nicht vorstellen kann.

Trendforscher Peter Wippermann wundert das nicht. „Bisher ging die Singularisierung der Gesellschaft immer weiter“, sagt er. „Die Generation der jetzt 30- bis 35-Jährigen ist eher egozentrisch orientiert, die hält sich alles offen.“ Und er bezweifelt auch, dass die 50-plus-Generation wieder mit ihren Kinder zusammenleben will. „Die arbeiten, trennen sich oder suchen gerade wieder neue Beziehungen“, sagt er.

Rosa Lange ist vor kurzem in Rente gegangen. Dann kam der Vorschlag ihrer Tochter, zusammenzuziehen. „Meine Freundin hat mir einen Vogel gezeigt“, erinnert sich die 62-Jährige. „Sie hat gesagt: Zieh zu mir und wir haben Spaß.“ Doch für Rosa Lange ist die Familie wichtiger. „Eine neue Aufgabe hat mir gutgetan.“ Sie ist geschieden, eine neue Partnerschaft reizt sie nicht. Doch mit Enkelin Mila zu leben, macht ihr viel Freude. Zwischen ihren Zimmern liegt nur der Flur, sie bringt die Kleine zur Kita, kocht, sitzt auf der Bank am Spielplatz. Jeden Tag. Wäre sie selbst wieder mit ihrer Mutter zusammengezogen? Sie lacht. „Niemals“, sagt sie.

Es liegt wohl auch an einem neuen Familienleben. „Der Kontakt zwischen den Generationen wird immer besser“, berichtet Soziologin Michaela Kreyenfeld von der Berliner Hertie School of Governance. Es geht nicht nur um Kleidung oder Musikgeschmack, auch um eine offenere Einstellung zur heutigen Vielfalt an Lebensstilen. „Das heißt aber nicht, dass Großfamilien zusammenleben“, betont die Wissenschaftlerin. Ausnahme seien alte Eltern, die für die Pflege zurück in die Familie geholt würden. Doch generell werde die junge Generation weiter zwischen 18 und 20 flügge. „Eine Rückkehr ins Elternhaus in nicht das typische Muster.“ Auch die Frage Kinderbetreuung spiele da keine Rolle.

Teresa Lange war es wichtig, nicht in die Wohnung ihrer Mutter zurückzukehren. „Das wäre mir wirklich komisch vorgekommen“, sagt sie. Sie ist mit 17 von zu Hause ausgezogen. Der Neuanfang sollte bewusst an einem neuen Ort gelingen. Als WG empfinden die Langes ihre Wohnung nicht. „Das fühlt sich an wie Familie“, sagen Mutter und Tochter wie aus einem Mund. Milas Vater Franjo (28) fand die Idee von Anfang an „cool“. „Ich bin auch mit meiner Oma aufgewachsen. Für mich ist das normal.“

Freiheiten bietet das Modell auch. Das junge Paar geht abends aus, wann immer es will. Oma bleibt gern zu Hause bei Mila. Am Anfang haben sie noch überlegt, Familiensitzungen nach einem Streit anzuberaumen. Es war nicht nötig. „Bisher hat es nicht gekracht“, sagt Teresa Lange. Sie denkt über ein zweites Kind nach. „Für meine Mutter wäre das okay“, sagt sie schmunzelnd.

Für wen Mehrgenerationen-Wohnen geeignet ist

Kinder, Eltern Großeltern - ob verwandt oder nicht - leben beim Mehrgenerationen-Wohnen gemeinsam unter einem Dach. Das ist vor allem für Senioren geeignet, die schon Erfahrungen mit Gruppen-Wohnen haben - etwa aus einer Wohngemeinschaft, erläutert Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. Wer nach seiner Studenten-Zeit gesagt hat „Nie wieder WG“ - für den wird das auch im Alter nichts sein. Und: „Es ist auf keinen Fall etwas für Menschen, die gerne für sich sind und mehr Ruhe brauchen.“

Ein häufiger Konfliktpunkt sei die Mittagszeit, weiß Sowinski. Denn dann kann es sein, dass die Kinder völlig überdreht aus der Schule kommen und toben wollen, während ältere Menschen vielleicht gerne ein Nickerchen machen wollen. „Man muss sich aufeinander einstellen können und wollen“, sagt Sowinski. Dabei sollten Senioren auch darüber nachdenken, ob sie sich das Zusammenleben immer noch vorstellen können, wenn sie gebrechlicher werden und Schmerzen haben oder wenn die kleinen Kinder in die Pubertät kommen und ihre Ruhe wollen.

Eines sollten sich alle Beteiligten klarmachen, betont Sowinski: Das Mehrgenerationen-Wohnen ist weder Ersatz für ein Pflegeheim noch für eine Kita. Am besten einigen sich alle Parteien zu Beginn auf gemeinsame Regeln. Dann kann das Mehrgenerationen-Wohnen eine große Bereicherung für alle Beteiligten durch mehr Kontakt, Lebendigkeit und die gegenseitige Unterstützung sein.

dpa

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