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„Wer will schon Herr über Leben und Tod spielen?“

Gute Nachricht 2016: Teil 5 „Wer will schon Herr über Leben und Tod spielen?“

Elfriede Veit (84) lag wochenlang im Koma. Ihre Angehörigen wollten die lebenserhaltenden Geräte schon abschalten lassen. Da kam sie wieder zu sich.

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Besuch bei Elfriede Veit (M.): Ihr Neffe Stephan Kleinschmidt und dessen Frau Kirsten. FOTO: KATRIN KUTTER

Hannover. Das Telefon klingelte unerwartet. Sie war doch immer so agil und unternehmungsfreudig gewesen. Ein Ausbund an Lebenslust. Noch mit 83 Jahren war sie in halb Europa herumgereist. Dann kam der Anruf aus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit der Nachricht, dass es seiner Tante sehr schlecht gehe. Für Stephan Kleinschmidt war das ein Schock: „Wir waren uns schon immer sehr nah gewesen“, sagt der Architekt aus Hannover leise. Die Schwester seines verstorbenen Vaters hat sonst keine Angehörigen.

Gute Nachricht 2016

Gemeinsame Aktion von OZ,

NDR Info, Kieler Nachrichten,

Hamburger Abendblatt und

Hannoversche Allgemeine Zeitung

Bei einer Reise in die Toskana war Elfriede Veit gestürzt. Auf dem Rückflug nach Hannover kam es dann auch noch zu einer Lungenembolie. „Ein junger Arzt, der zufällig im Flugzeug saß, sorgte dafür, dass sie sofort in die MHH kam“, sagt Kleinschmidt. „Vermutlich hat er ihr so das Leben gerettet.“ Für den 54-Jährigen begann mit dem Anruf eine zermürbende Zeit: „Es war ein wochenlanges Auf und Ab“, sagt er im Rückblick. Eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen – und eine Zeit, die ihn vor die vielleicht schwerste Entscheidung seines Lebens stellte.

Eine Geschichte wie die von Stephan Kleinschmidt und seiner Tante steht eigentlich nicht in der Zeitung. Und doch geht es in Geschichten wie diesen um Leben und Tod; darum, wie schmal der Grat zwischen beiden ist und wie schwer Menschen oft einschätzen können, wo dieser wirklich verläuft.

Als Stephan Kleinschmidt in die MHH kam, war seine Tante kaum noch ansprechbar. Sie lag dann lange im künstlichen Koma und wurde nach Celle verlegt, weil das Krankenhaus dort auf Fälle wie ihren spezialisiert war. Doch Besserung war nicht in Sicht. Die Lage schien aussichtslos. „Diese Zeit war dramatisch“, sagt der Neffe heute. „Die wenigsten hätten noch einen Pfifferling auf ihr Leben gegeben.“

Eine Patientenverfügung seiner Tante hätte es ihm erlaubt, die Geräte abschalten zu lassen. Zweimal stand er kurz davor. Zweimal fuhr er nach Celle mit dem Gedanken im Kopf, dass er nun wohl entscheiden würde, diesen Tag zum letzten Tag im Leben seiner Tante zu machen. „Mit so einer Entscheidung ist man an einer Grenze“, sagt der 54-Jährige. Wer will schon Herr über Leben und Tod spielen? Die ethischen Untiefen und die Gewissensqualen, die an solch einer Entscheidung hängen, können sich wohl die wenigsten ausmalen.

Immer wieder hätten sich die Mediziner viel Zeit für Gespräche mit ihm genommen, sagt Kleinschmidt. Und ein Arzt machte ihm Mut, die Entscheidung nicht zu überstürzen – auch, wenn die Chancen damals gering erschienen, dass seine Tante jemals wieder gesund werden würde. „Er fand in diesen schweren Momenten die richtigen Worte, er machte mir Hoffnung“, sagt der 54-Jährige. Und dann kam jener denkwürdige Tag im vergangenen Dezember.

„Das war mein zweiter Geburtstag“, sagt Elfriede Veit. Es war der Tag, an dem sie völlig unerwartet die Augen aufschlug. Sie war bei klarem Verstand, erkannte ihre Umwelt: „Ich war wieder voll da“, sagt die rüstige Seniorin, die erst vor knapp zwei Wochen ihren 84. Geburtstag feierte.

Dass sie wieder zu sich kam, habe auch Ärzte und Schwestern völlig überrascht, sagt ihr Neffe: „Ein Mediziner sprach sogar von einem Wunder.“

Weihnachten konnte sie bereits wieder sitzen und essen – und im Januar die Reha antreten. „Mein größer Wunsch war es, wieder in meinem eigenen Haus in Rinteln wohnen zu können“, sagt sie. Und Elfriede Veit hatte Erfolg.

Inzwischen lebt sie wieder daheim. Der Pflegedienst unterstützt sie im Alltag, sogar am Dorfleben nimmt sie wieder regen Anteil, und den Treppenlift im Haus hat die hellwache alte Dame auch eher so für alle Fälle. Sogar das Klavierspielen hat sie neu erlernt: „Mit Tonleitern habe ich angefangen – das ist ja auch Training für die Finger“, sagt sie selbst.

„Dass meine Tante wieder gesund geworden ist, war für mich die gute Nachricht des Jahres“, sagt Stephan Kleinschmidt. Als sie 84 Jahre alt wurde, stießen beide mit Sekt an. Auf einen ganz besonderen Geburtstag. Dem Arzt, der ihm davon abriet, die Geräte abzuschalten, sei er unendlich dankbar: „Im Zweifel“, sagt er nachdenklich, „kann es auch besser sein, nichts zu tun.“ Simon Benne

OZ

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