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Mit Störtebeker die Wismarer Altstadt erkunden

Wismar Mit Störtebeker die Wismarer Altstadt erkunden

Samstags startet Josef Staffa im Piraten-Kostüm zum Rundgang/ Insgesamt 42 zertifizierte Stadtführer sind im Ort regelmäßig unterwegs

Wismar. Der kleine Mann mit dem weißen Kopftuch trägt Leinenhemd und Tuchhose. Am Gürtel steckt ein Kurzschwert und in der rechten Hand hält er einen Enterhaken. Höflich begrüßt er am Eingang des Hotels Reuterhaus auf dem historischen Markt von Wismar seine Gäste: „Mein Name ist Nicolao Störtebeker. Ich freue mich, Sie zwei Stunden lang durch meine Stadt geleiten zu dürfen.“

Rainer Bekeschus aus Berlin, der zu der Gruppe gehört, die an der Stadtführung teilnimmt, schaut ungläubig. Er möchte wissen, ob der Freibeuter, der im 14. Jahrhundert in Nord- und Ostsee sein Unwesen trieb, hier wirklich heimisch war.

Der Wismarer Josef Staffa, der mit seinem Piraten-Kostüm auch für Aufsehen bei den Passanten sorgt, antwortet mit einem schelmischen Lächeln: „Rund 20 Städte an Nord- und Ostsee schmücken sich mit Legenden, die sich um den Freibeuter ranken. Fakt ist, dass Störtebeker 1380 im sogenannten Verfestungsbuch Wismars auftaucht“, sagt der 72-Jährige. Dort seien Personen vermerkt, die aufgrund von Vergehen der Stadt verwiesen wurden.

„Zwei Männer hatten Störtebeker im Wirtshaus ,Zur Rose’, in dem er mit seinem Freund Gödeke Michels gezecht hatte, verprügelt. Sie mussten den Ort verlassen“, erzählt der ehemalige Hochschullehrer.

Michels wurde laut der Aufzeichnungen übrigens 1397 aus der Hansestadt – die hiesigen Kaufleute hatten es mit Bierexport und Warenumschlag zu Reichtum gebracht – ebenfalls verbannt.

Störtebekers Entschluss, sich der Piraterie zu widmen, war einträglich. Dabei sei er unter anderem im Auftrag der Hansestädte unterwegs gewesen und besaß deren Kaperbriefe, erzählt Staffa.

Der ein Hektar große Marktplatz zeugt von der einstigen Bedeutung Wismars als Handelsplatz an der südlichen Ostsee. Es geht vorbei am ältesten Haus der Stadt in der Mecklenburger Straße – das Holz des Dachstuhls stammt aus dem Jahre 1292 – und der 1565 erbauten Wasserkunst auf dem Markt. Die Gruppe erreicht die Straße Hinter dem Rathaus. Hier befindet sich das Restaurant „Zum Weinberg“. Seit 1575 existiert hier ein Gasthaus. Die aktuelle Fassade fügt sich in die aufwendig restaurierten Häuserzeilen der Altstadt ein.

Bier und Wein lieben die Einheimischen seit jeher. 1460 wurden im Ort laut Steuertabelle mehr als fünf Millionen Liter Bier gebraut. „Etwa zwei Drittel gingen in den Export“, betont der Mecklenburger.

Lächelnd zeigt er auf den Holzkrug, der an seinem Gürtel baumelt. Der Originalbecher fasste 4,5 Liter. Den soll der „Becherstürzer“ – auf Plattdeutsch Störtebeker – einst in einem Zug geleert haben.

„Wie haben es die damals 7000 Einwohner geschafft, solche riesigen Backsteinbauten, beispielsweise die Hospitalkirche Heiligen Geist, die St.-Georgen-Kirche oder St.

Marien, zu finanzieren?“, fragt Eva-Maria Becker aus Cottbus (Brandenburg).

„Die Bürger waren sehr fromm und gaben buchstäblich ihr letztes Hemd. 1532 gab es allein in der Marienkirche 26 Privat-Kapellen und 46 Privat-Altäre“, erzählt Staffa.

Seit gut 15 Jahren geleitet er – einer von 42 zertifizierten Stadtführern des Ortes – regelmäßig Gäste durch die Weltkulturerbe-Stadt. Stolz präsentiert er das „Wunder von Wismar“: Die St.-GeorgenKirche wurde für 42 Millionen Euro wiederaufgebaut.

Jutta Brekeller aus Potsdam möchte noch wissen, ob Störtebeker 1368 in der Stadt geboren wurde. Schilder in der nicht weit vom Gotteshaus entfernten Speicherstraße 8 verkünden dies. Der Fremdenführer schüttelt den Kopf. „Nein. Dafür gibt es keine historischen Belege. Die Schilder sind ein Touristen-Gag.“

Volker Penne

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