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Und Gojko Mitic ist wieder der Häuptling

Grevesmühlen Und Gojko Mitic ist wieder der Häuptling

Beim Stadtfest in Grevesmühlen liest Eberhard Görner – zusammen mit dem bekannten Schauspieler

Grevesmühlen. Noch eine Woche lang feiert Grevesmühlen sein Stadtfest, mit Festumzug, Stadtlauf, Party und Sommermusiken. Am Dienstag besucht Schauspieler Gojko Mitic die Stadt, bekannt aus Indianerfilmen und als Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Der 77-Jährige reist zu einer Lesung (15.00 Uhr) mit Prof. Eberhard Görner (72) an. Görner – unter anderem Mitbegründer, Dramaturg und Autor der Fernsehreihe „Polizeiruf 110“ – liest mit Mitic aus seinem Buch „In Gottes eigenem Land“. Es geht um den Vater des amerikanischen Luthertums, Heinrich Melchior Mühlenberg (1711-1787), der seinerzeit auch Indianer traf, etwa den Delewaren-Häuptling „Fliegender Pfeil“ – gelesen von Gojko Mitic.

Im OZ-Gespräch sagt Görner beispielsweise, was wir heute noch von den Indianern lernen können, warum Mühlenberg ihn fasziniert und warum er Gojko Mitic so toll findet.

Sind Sie konfessionell gebunden?

Prof. Eberhard Görner: Meine Mutter bat mich immer: ,Vergiss deinen Glauben nicht!’ Daran habe ich mich gehalten.

Ist Pfarrer Mühlenberg Ihr Typ?

Mühlenberg ist ein Einzelkämpfer. Er vertraut auf die Kraft Gottes, von dem er überzeugt ist, dass er ihn in seiner Mission, eine lutherisch-evangelische Kirche in Nordamerika aufzubauen, schützt und ihn nie verlässt. Das muss man sich mal vorstellen: Da geht einer, nur mit Bibel und Gesangbuch in der Tasche, 1732 in ein Land, wo sich drei europäische Mächte – England, Frankreich und Spanien – bekriegen. Und mittendrin sind die Indianer, die sich gegen die Europäer verteidigen müssen, weil deren Gier nach Indianerland unermesslich ist. Aus diesen Konflikten versucht Mühlenberg, seine deutschen Lutheraner herauszuhalten, was ihm aber nur bedingt gelingt. Denn Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, verlangt von den Deutschen, in den Krieg gegen die Franzosen zu ziehen und auch gegen die Indianer mitleidlos vorzugehen.

Was reizt Sie so an diesem Thema?

Im Grunde ist die Geschichte des Aufbaus einer lutherisch-evangelischen Kirche durch Mühlenberg in dem Buch ein christlicher Western. Seine Mission kann er nur schwer durchsetzen. Ignoranz, Dummheit, Egoismus, Machtkämpfe zwischen religiösen Sekten, Geldmangel, keine Schulen, keine Kirchen – sie müssen erst noch gebaut werden – und seine wechselvolle Beziehung zu dem Häuptling ,Fliegender Pfeil’ – all das stellt seinen Glauben auf eine harte Probe.

Die Freundschaft des Theologen mit ,Fliegender Pfeil’ zerbricht. Ist die christliche Religion zu dominant?

Mühlenberg war strikt gegen die Missionierung der Indianer. Er wusste, die Lehre vom Christentum fiel bei den Indianern nicht auf fruchtbaren Boden, da war nichts zu ernten. Mühlenberg setzte auf Toleranz und auf ein Miteinander.

Was hat Mühlenberg von den Indianern gelernt? Und was können wir heute noch von ihnen lernen?

Mühlenberg hat die Indianer genauso als zu achtende Geschöpfe Gottes gesehen wie die Europäer. Er war sich bewusst, dass die deutschen Auswanderer auf Indianerland siedelten, ohne die Ureinwohner zu fragen. Aber Mühlenberg sah auch, dass die Indianer mit der Natur einen Umgang pflegten, der von Achtung und Demut geprägt war. Deshalb fragt ihn der Häuptling: ,Warum fischen die Christen vier Körbe Flusskrebse, wenn sie nur einen brauchen, und werfen die drei anderen Körbe weg?’ Man kann es auch anders erklären: Der globale Kapitalismus, wie wir ihn heute erleben, vergewaltigt die Erde, das Wasser und die Luft. Er hat keinen Gedanken an nachfolgende Generationen. Seine Götter sind der DAX und die Aktie. Die Atombombe schwebt wie ein Damokles-Schwert über unserer Welt. Die Indianer sahen im Adler, im Pony, im Büffel, im Gras der Prärie ihre Schwestern und Brüder. Geh mal in einen Stall mit Massentierhaltung! Da ist zu sehen, was die Zivilisation aus uns Menschen gemacht hat.

Gojko Mitic bei der Lesung an Ihrer Seite als Häuptling ,Fliegender Pfeil’ – besser geht es doch nicht, oder?

Besser geht es wirklich nicht. Uns verbindet eine tiefe Freundschaft. Gojko Mitic ist bescheiden, freundlich gegenüber jedermann, für ihn gibt es kein Oben und Unten. Seit 2011 sind wir mit der Lesung unterwegs. Es ist berührend, wie viele Gäste der Lesungen sich geduldig anstellen, um von Gojko Mitic ein Autogramm zu erbitten – viele Männer bringen ihre Söhne mit, um ihnen den Mann zu zeigen, mit dem sie die großen Leinwand-Abenteuer der Defa-Indianerfilme erlebt haben. Die positiven Reaktionen des Publikums auf unserer Reise ermutigen und sind für uns beide reinweg lebensverlängernd.

Kennen Sie Grevesmühlen und die Region?

Grevesmühlen kennen wir noch nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren bereits in Groß Stieten und Wismar gelesen, Gojko Mitic hat in Schwerin Theater gespielt. Es ist ja hier eine bezaubernde Landschaft mit großer Geschichte. In der Kirche von Schönberg habe ich mit Armin Mueller-Stahl eine Dokumentation für den WDR gedreht, dort liegt sein Vater begraben. In Lübeck haben wir mit Ulrich Mühe und Maria von Bismarck ,Der kleine Herr Friedmann’ gedreht. Da kommen viele Erinnerungen wieder hoch, wenn ich auf die Landkarte um Grevesmühlen schaue.

Besuchen Sie noch den Strand? Mit Gojko Mitic?

Wir sind beide Wasser-Füchse. Gojko Mitic schwimmt im Sommer jeden Morgen vor seinem Haus in Berlin-Köpenick in der Dahme – und ich im urromantischen Krebs-See vor der Haustür von Bad Freienwalde. Bis jetzt gab es keinen Sommer, in dem wir nicht an der Ostsee waren, auf dem geliebten Darß. Voriges Jahr hatte Gojko Mitic mit mir in Kloster auf Hiddensee eine Lesung – was für ein Gefühl, das Rauschen der Wellen zu hören und sich in sie hineinzustürzen. Also, wenn uns die Zeit bleibt – von Grevesmühlen ist es ja nicht so weit bis zum Meer.

Interview: Klaus Amberger

OZ

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