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Bad Doberan Bagger beendet 279-jährige Geschichte
Mecklenburg Bad Doberan Bagger beendet 279-jährige Geschichte
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00:01 17.01.2018
Stück für Stück trägt der Bagger das historische Gebäude ab – bereits 1999 sollen nachts fünf Quadratmeter Zimmerdecke abgebrochen sein. Quelle: Fotos: Hoppe
Kröpelin

Ein Bagger der Firma Werges knabbert Stück für Stück von den Wänden des altehrwürdigen aber auch maroden Kröpeliner Pfarrhauses von 1739 ab. Sein Fahrer achtet darauf, gleich die Baustoffe zu trennen und packt dabei die uralten Eichenbalken extra beiseite – eine konzentrierte Arbeit, natürlich ohne sichtbare Emotionen. Doch gegenüber in der Dammstraße machen sich derweil Wut und Entrüstung breit.

Das historische Pfarrhaus von Kröpelin verschwindet in diesen Tagen für immer

„Ich finde das eine totale Unverschämtheit. Ein neues Haus bauen geht, aber ein altes restaurieren, funktioniert nicht“, ärgert sich die seit 1987 in Kröpelin wohnende Yvette Natzenberg. Sie stoppt gerade kurz den Kinderwagen mit ihrem kleinen Karl Joseph auf dem Bürgersteig, von wo aus Artur Brakenwagen zu den Resten der alten Pfarre schaut und den Kopf schüttelt. „Das ist doch schlimm, dass man eines der ältesten Gebäude der Stadt abreißt“, sagt er und meint noch, dass es doch erhaltenswert gewesen wäre.

Artur Brakenwagen: „Das Haus wird nachher fehlen“

„Wenn ich was zu sagen gehabt hätte, hätte ich das Haus Interessenten geschenkt, damit es fertiggemacht wird, aber sie wollten ja noch Geld haben. Nun ist das hier gelaufen. Doch das Haus wird nachher fehlen “, erklärt der Kröpeliner und sagt zu Jürgen Werschun, der am Bürgersteig seinen Teil der Dammstraße säubert, gleich dazu, dass nebenan in den Hören „seit mindestens fünfzehn Jahren ein Haus der Stadt mit fünf Wohnungen“ leer stehe: „Das ist doch eine Schande, was da schon an Geld für Kröpelin verlorengegangen ist.“ Jürgen Werschun ärgert es ebenso, dass für einen Neubau Geld da sei, aber für einen Erhalt nicht.

„Allein die Baukörpersanierung sollte 1,1 Millionen DM kosten“

„Auch wir bedauern, dass sich keine Lösung für das alte Pfarrhaus gefunden hat. Wir nehmen nun ja nicht leichtfertig Abschied von dem Haus“, hatte Kröpelins Pastor Olaf Pleban schon vor knapp einem Jahr in der OZ dazu gesagt und dabei einen Blick auf die Vorgeschichte geworfen. Bereits 1998 sei geprüft worden, ob das Gebäude saniert werden könne. Damals wurden nach den Worten von Olaf Pleban auch viele „richtig teure“ Gutachten erarbeitet. Unterm Strich hätten allein für die Sanierung des Baukörpers Ende der 1990er Jahre Kosten von 1,1 Millionen D-Mark gestanden: „Ohne Treppe, ohne Küche, ohne Bad oder so etwas“. Die Gesamtkosten für den geplante Neubau des Gemeindehauses an dieser Stelle mit Gruppen- und Unterrichtsraum, mit einer Küche und der neuen Pastor-Dienstwohnung bezifferte er mit rund 800000 Euro.

Dem Kröpeliner Manfred Christochowitz – seit 1956 in der Stadt – hätte es schon gereicht, „wenn man nur die Fassade erhalten hätte – wenigstens den Eingangsbereich.“ Wie Pastor Olaf Pleban der OZ dazu jetzt sagt, würden die alte Tür und der Balken darüber, der das Baujahr angibt, zunächst eingelagert. Einen Entwurf für das neue Haus gebe es noch nicht, die Integration des Balkens in das neue Gebäude könne er sich aber gut vorstellen, mit der Tür werde es schwierig: Diese zu einer dicht schließenden Haustür zu machen, erfordere einen zu großen Aufwand. Olaf Pleban verweist auch darauf, dass das Nadelholz („Ungefähr ein Viertel ist Eiche, die Balken sind noch gut“) schon auseinanderfalle. Er betont: „Da ist nichts zu retten“. Einige Leute würden sich bereits die Eichenbalken auch für künstlerische Zwecke holen. „So manch einer wollte zudem Steine haben, aber das sind entweder Lehmwickel oder Steine die 50, 60 oder maximal 80 Jahre alt sind. An dem Haus wurde doch über Jahrzehnte lang nur rumgepfuscht! Es ist wirklich nur Müll“, unterstreicht der Pastor und ergänzt, dass jetzt ein Ausschuss der Kirchengemeinde das neue Projekt entwickele. „Wir hoffen, dass wir zum Herbst anfangen können. Die Finanzierung steht auch“, sagt Olaf Pleban noch.

Manfred Christochowitz sieht auch die Stadt in der Pflicht: „Darüber werden spätere Generationen ihr Urteil fällen“. Er meint, dass dabei die Stadt, der Pastor und die Kirchengemeinde bestimmt nicht gut wegkämen. Und er sah das alte Pfarrhaus „auch als Denkmal für die Stadt“. Nicht von ungefähr steht es ja auch unter der Nummer 416 auf der Denkmalliste des Kreises für den Bereich Bad Doberan .

Haus stand auf Fundament einer Pfarre von 1607

„Ich bin getauft und hatte bis 1962 im alten Pfarrhaus meinen Konfirmandenunterricht“, betont der heute 69-Jährige und bekräftigt: „Historisch ist es nicht zu vertreten, dass das älteste Haus Kröpelins einfach abgerissen wird!“

Dazu steht im ersten Band der Kröpeliner Stadtchronik: „Das Pfarrhaus ist auf den Fundamenten des im Jahre 1738 durch Feuersbrunst zerstörten Gebäudes errichtet worden. Der unmittelbar bei der Pfarre liegende Garten wird schon im B. P. (offenbar ein kirchliches Protokoll aus dieser Zeit, d. R.) von 1607 erwähnt, in dem über das Pfarrhaus berichtet wird, dass es ,jetzt ganz neu gebauet ist, mit Stuben, Kammern’. Des Pastors Studierstube freilich ist nach dem Protokoll ,mit Bohlen noch nicht ganz eingerichtet’. In jener Zeit wurde auch auf der Pfarre Bier gebrauet...“ Laut Chronik soll die uralte noch strohgedeckte Pfarre im Sommer 1738 bei einem großen Stadtbrand in Flammen aufgegangen und mit ihr die alten Kirchenbücher verbrannt sein. Bei einem weiteren großen Stadtbrand im Jahre 1774 blieb dann der „Neubau von 1739“, während alle anderen Gebäude im Stadtzentrum (außer der Kirche) vernichtet worden sein sollen, stehen – bis heute.

Thomas Hoppe

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