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Bad Doberan Freiheitsdrang verschlug 1988 Neubukower nach Kanada
Mecklenburg Bad Doberan Freiheitsdrang verschlug 1988 Neubukower nach Kanada
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00:00 08.09.2018
Wolfgang Jörn (auf dem Tisch) in seiner Englisch-Klasse von St. John’s, gemeinsam mit anderen Neuankömmlingen.
Neubukow

/Cambridge. „Das war für mich einer der aufregendsten Momente: Wir wussten nicht, was mit uns passiert“, blickt Wolfgang Jörn auf den 8. Januar 1988 zurück, als seine damalige Freundin aus Neubukow nach einem gemeinsamen Kuba-Urlaub im Transitraum des Flughafens von Gander (Neufundland) einen Offizier der Royal Canadian Mounted Police anpackte und nicht mehr los ließ – „Save me!“ (Rette mich) sollen ihre einzigen Worte auf Englisch gewesen sein.

Wolfgang Jörn kehrte nach 30 Jahren an den Ort seiner DDR-Flucht zurück

„Da waren drei DDR-Flugzeuge gelandet (als Tankstopp), und man konnte im Transitraum eine Nadel fallen hören, so ruhig war das in diesem Moment. Als ich meiner Freundin folgte, dachten die kanadischen Offiziere zunächst, dass ich einer von der Stasi sei“, erzählt Wolfgang Jörn, der damals auch keine Papiere bei sich hatte. „Sie haben dann wohl unsere Angaben überprüft und festgestellt, dass wir harmlose Bürger waren und keine eingeschleusten Spione.“ Die Umlautpunkte auf seinem Nachnamen hat der einstige Neubukower allerdings nach dieser Aktion verloren, im Englischen gibt es keine ö-Strichelchen: „Da habe ich mir auch nichts weiter bei gedacht“, sagt der heute 73-Jährige. In Neubukow ist er ohnehin mehr als Pelé oder Max bekannt. „Das kommt von der Fußballerei damals. Ja, in Neubukow habe ich schon meine Erlebnisse gehabt“, erklärt er lachend per Skype aus Cambridge (Ontario). Dann wird er nachdenklicher: „Mecklenburg zieht einen immer wieder an, wie ein Magnet. Es ist ja meine Heimat für 44 Jahre gewesen, das prägt schon. Ich bin dort geboren, aufgewachsen und habe Familie dort. Neubukow wird wohl immer einen großen Flecken in meinem Herzen haben. Ich bin dort konfirmiert worden.“ Auch kenne er hier noch Leute von früher. „Und er ist absolut begeistert, wenn er die gelben Rapsfelder sieht“, wirft seine zweite Frau Doris ein, eine gebürtige Süddeutsche, die er im Internet kennenlernte und vor 13 Jahren heiratete.

Die Rapsfreude erklärt ihr Mann damit, dass eines seiner „großen vielen Hobbys“ damals die Imkerei gewesen sei: „Ich hatte zehn Bienenvölker. Aber auch Hühner und wollte sogar noch einen Bullen kaufen. Ich habe in der DDR alles versucht, wirtschaftlich weiterzukommen.“ Auch bei der Kleinen Hochseefischerei in Wismar habe er gearbeitet, sei dort allerdings sehr viel seekrank gewesen. Aber seine wirtschaftliche Lage sei nicht das Fluchtmotiv gewesen: „Ich hatte uns ein Haus gebaut, wir hatten ein Auto, wir hatten gut zu essen. Mein Ausstieg aus der DDR hatte mit meinem Drang nach Reisefreiheit und Abenteuern zu tun.“

Der kanadischen Zeitung „The Telegram“ (kleines Foto), die ihn Ende August in St. John’s interviewte, als er erstmals nach 30 Jahren an den Ort seiner Zuflucht zurückkehrte, sagte Wolfgang Jörn: „Ich fühlte mich in der DDR wie ein Vogel in einem Käfig.“ Gegenüber der OZ ergänzt er: „Ich war geschieden und sah eigentlich keine große Zukunft. Ich wollte ein neues Leben aufbauen, eine Herausforderung annehmen. Ich wollte nicht mehr ein Mensch zweiter Klasse sein, wenn ich z.B. nach Ungarn oder Bulgarien gereist bin (dort wurde man wegen der D-Mark immer wieder gefragt, aus welchem Deutschland man komme, Anm. d. Red.) und ich hatte die Stasi-Spitzelei um einen herum satt“. In Rostock habe er in Akten gesehen, wer beispielsweise gegen ihn ausgesagt hätte. Aber er sieht keinen Sinn, diese Spitzel „noch einmal damit zu konfrontieren“.

Westdeutschland, wohin er noch als DDR-Bürger zum 75. Geburtstag seiner Tante fahren durfte, war für Wolfgang Jörn keine Option. „Die hatten damals vier Millionen Arbeitslose.“ In Kanada arbeitete er dann als Millwright – „als allgemeiner Schlosser“, wie er es übersetzt. Auch ins vereinigte Deutschland wollte der umtriebige Mann nicht zurück. „Es gab zwar eine Zeit, wo ich den deutschen Arbeitsmarkt erkundete – aber ohne Chance. Hier in Kanada war dagegen mein Alter nie ein Thema. So bekam ich sogar mit 60 noch ein tolles Angebot!“

Doch seine Kontakte nach Neubukow sind nie abgerissen, im Gegenteil. 2017 waren er und Doris Jorn in der Schliemannstadt, vor ein paar Wochen besuchten ihn Neubukower Freunde und jetzt weilt gerade seine Enkelin Marie-Luis (21) bei ihm. Da verwundert es nicht, dass Wolfgang Jörn sogar mit einer Zeichnung (mit Blick auf das hiesige Rathaus) im Hans-Albert-Kruse-Buch „Wir alle sind Neubukow“

verewigt ist. Kritisch merkt der Wahlkanadier an, dass er früher Neubukow immer als eine ganz saubere Stadt gesehen habe, da sei alles picco bello gewesen: „Das hat nachgelassen, auch wenn die Fassaden sehr schön sind. Ich musste als Kind in der Grabenstraße (früher Karl Liebknecht) vor unserem Haus das Gras aus dem Kopfsteinpflaster pflücken. Ich hab’ den Job gehasst, aber die Stadt war sauber. Da gab es auch kein Graffiti, wie beim Bahnhof. Darauf kann Neubukow absolut nicht stolz sein.“

Thomas Hoppe

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