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Bad Doberan Kontroll-App sorgt für Ärger auf Kuttern
Mecklenburg Bad Doberan Kontroll-App sorgt für Ärger auf Kuttern
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23:51 23.02.2018
Klaus (l.) und Uwe Pinkis sind mit dem Fang eigentlich ganz zufrieden. Aber der Ärger über die neue, praktisch kaum handhabbare Überwachungs-App Mofi steht den Rerikern förmlich ins Gesicht geschrieben. Quelle: Fotos: Lutz Werner
Kühlungsborn

/Rerik. Strahlende, inzwischen schon tief stehende Sonne, spiegelglatte See, minus zwei Grad: Der Reriker Fischkutter „Nidden“ passiert die Einfahrt des Kühlungsborner Hafens und legt am Feststeg an der Ostmole an – gleich hinterm Seenotrettungsboot. Für die wenigen Spaziergänger, die am späten Nachmittag am Freitag vor einer Woche noch im Hafen unterwegs sind, ein Postkarten-Idyll.

Den beiden Fischern Klaus (51) und Uwe (54) Pinkis ist es alles andere als idyllisch zumute. Trotz eines guten Fanges – sechs Kisten voll mit Dorsch, Flunder und Kliesche sowie einigen großen, lebenden Dorschen im Tank des Kutters – sind sie nicht nur durchgefroren, sondern auch stinksauer. „Diese Schnüffel-App ist das Allerletzte. Irgendwie erinnert das an die Zeit mit der Stasi“, schimpft Uwe.

Der Grund des Ärgers der Pinkis-Brüder ist die App Mofi – „der jüngste Ausbund von Unvernunft von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und der EU“, bemerkt Uwe sarkastisch.

Der Dorsch – der „Brotfisch“ der Fischer in der westlichen Ostsee – hat jetzt und in den kommenden Wochen Schonzeit, weil er im tieferen Wasser – in mehr als 20 Meter Tiefe – laicht. Deshalb gibt es für Kutter unter zehn Metern Länge – die „Nidden“ fällt gerade so darunter – die Möglichkeit, eine Ausnahmegenehmigung zu nutzen. Diese Kutter dürfen ihre Stellnetze in Gebieten ausbringen, die unter 20 Meter tief sind. Wie die Pinkis-Brüder es bei den Buksteinen vor dem Bastorfer Leuchtturm taten.

„Bisher musste dabei schon immer aufwendig jeder Schritt im Logbuch dokumentiert werden. Ab 2018 geschieht das alles mit einer App auf dem Smartphone, die auch unsere Position erfasst. Wenn die App nicht funktioniert, hat das per SMS oder E-Mail zu geschehen. Macht man es nicht, gibt es richtig Ärger“, sagt Klaus und erklärt, warum er das für „ausgemachten Schwachsinn“ hält. Kälte, fast starre Finger in nassen Handschuhen, Seegang, Gischtspritzer überall, „und die beiden Hände werden eigentlich zum Arbeiten gebraucht – da hast du weder den Nerv noch die flinken Finger, mit so einer App auf einem Smartphone herumzuwirtschaften. Realitätsferner geht es nicht mehr“, schimpft Klaus „auf die Bürokraten in Berlin und Brüssel, die von der Wirklichkeit unseres Berufs keine Ahnung haben und sich an ihren Schreibtischen immer wieder neue Unsinnigkeiten ausdenken“. Dazu kämen noch Probleme mit dem Funknetz auf See, und bei Kälte machten die Akkus der Handys bald schlapp.

Auch Kollege Roland Scheller (52) schüttelt nur mit dem Kopf. „Mein Schwiegersohn, der bei einem Fischer in Boltenhagen in der Ausbildung ist, aber manchmal auch mit mir fährt, kann zwar mit einem modernen Smartphone gut umgehen. Ich habe noch ein analoges Handy. Aber das mit der App ist einfach zu kompliziert. Wir werden wohl gar nicht erst rausfahren“, sagt er – fast schon resigniert. Auch unter den Kollegen auf Poel brodele es wegen Mofi.

„Regeln, vor allem um die Fischbestände zu schützen, muss es geben. Das bestreitet niemand. Aber irgendwann wird es zu viel“, sagt Roland Scheller. Ständig wechselnde Quotenregelungen, überbordende Bürokratie beim Umgang mit den Behörden, „jetzt diese lückenlose Überwachung“: „Wir sind doch keine Verbrecher, die Fischbestände ausrotten wollen, von denen wir leben. Die paar von uns, die es noch gibt, können das auch gar nicht“, stellt er klar.

Elf Berufsfischer gebe es noch zwischen Dassow und Warnemünde, dazu kämen noch ein paar Leute im Nebenerwerb. 1990 seien es allein in Rerik noch 13 Hauptberufler gewesen, jetzt nur noch vier, rechnet er vor.

Die Reriker Fischer fahren im Herbst und Winter, wenn sie vor allem auf der Ostsee fischen, immer den Kühlungsborner Hafen an. Weil der Weg von Rerik um die Halbinsel Wustrow durch das Salzhaff zu lang ist. Sie und die drei Kollegen aus Kühlungsborn sind in der großen, eleganten Marina eine Attraktion für Urlauber und Tagesgäste. „Wir setzen im Marketing auch verstärkt auf maritimes Flair, wollen gerade dadurch Ursprüngliches an der Ostseeküste erlebbar werden lassen. Deshalb sind Fischkutter und Fischer in unserem Hafen sehr wichtig“, sagt Katja Seppelt vom Touristik Service Kühlungsborn. Auch Stefanie Quaas, die Leiterin der Kurverwaltung Rerik, freut sich, dass – vor allem im Frühling und Sommer, wenn auch auf dem Haff gefischt wird – „ihre“ Fischer im Heimathafen zu sehen sind. „Die Gäste erwarten das ganz einfach“, sagt sie.

Dass die Urlauber „auf alles, was mit Fischerei und Fisch zu tun hat, geradezu abfahren“, weiß auch Roland Scheller, der als zweites wirtschaftliches Standbein in Rerik eine Erlebnisräucherei betreibt. „Die Politik sollte endlich mal darüber nachdenken, wie sie uns unterstützen kann. Noch gibt es Leute, die diesen Job machen, weil sie es mögen und damit aufgewachsen sind. Aber wenn das so weitergeht, kommt irgendwann mal der Punkt, wo keiner mehr Bock darauf hat“, sagt er.

Lutz Werner

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