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Kühlungsborn Alltäglicher G8-Wahnsinn: Demos, Wasserwerfer und Clowns
Mecklenburg Bad Doberan Kühlungsborn Alltäglicher G8-Wahnsinn: Demos, Wasserwerfer und Clowns
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00:05 07.06.2017
In Hinter Bollhagen marschierte die Clown Rebel Army auf. Quelle: Foto: L. Werner

Die großen Medien der Welt zu Gast im Ostseebad Kühlungsborn. Der Sturm kreativer G8-Gegner, die als Clowns verkleidet daherkamen und von Wasserwerfern niedergehalten wurden, auf den Hintereingang zum abgesperrten Gipfelgelände am Wasserwerk in Hinter Bollhagen. Camps der Protestler in Reddelich und in der Kühlung – und ich mittendrin. Als OZ-Reporter und in dieser Zeit ziemlich genervter Einwohner von Kühlungsborn. Denn die Präsenz der Sicherheitskräfte war auch in Kühlungsborn allgegenwärtig – und oft ziemlich lästig. Eine Hubschrauberstaffel der Bundespolizei hatte den Hundesportplatz hinter meinem Wohngebiet Fulgengrund zur Basis gemacht. War schon irgendwie eigenartig, wenn man morgens mit der Zahnbürste in der Hand im Bad gestanden hat und die Hubschrauber, die übers Dach donnerten, aus dem Dachfenster fast greifen konnte.

Lutz Werner,

Redakteur

der Lokalredaktion

Bad Doberan

Für die Presseleute aus aller Welt wurde damals durch die Bundesregierung in Kühlungsborn ein großes, zweistöckiges Gebäude errichtet. Mit jeder Menge Arbeitsplätzen mit Internetzugang und gastronomischer Rundum-Versorgung. Die auserwählten Journalisten-Kollegen, die über die ganz große Politik berichteten und im Grand-Hotel Heiligendamm in die Nähe von Bush, Merkel und den anderen Mächtigen der Welt kommen durften, fuhren dorthin mit Sonderzügen der Kleinbahn Molli. Dafür wurde extra eine Haltestelle am Pressezentrum gebaut und eine Sicherheitsschleuse auf dem Acker vor Heiligendamm. Pressezentrum und Molli-Sonderhaltestelle verschwanden sofort nach dem Gipfel wieder. Dort, wo einst das Pressehaus stand, ist heute der Parkplatz des neuen Morada-Hotels.

Für Reporter wie mich, die über den alltäglichen G8-Wahnsinn berichteten, war der ganze Lackschuh-Auflauf in Heiligendamm eh nur Nebensache. Mein wichtigstes Einsatzgebiet war der zwischen Sicherheitskräften und Gipfel-Gegnern heiß umkämpfte Zugang zum Gipfel-Gelände am Wasserwerk in Hinter Bollhagen. Die Polizisten hatten schließlich „im größten Geländespiel der Welt“ – wie es mal ein Kollege ironisch formulierte – das Tor gehalten und gewonnen. Denn das Katz- und Maus-Spiel am großen Zaun ging auch quer durch Felder und Wiesen.

Mir brachte das Spielchen einige interessante Geschichten, außergewöhnliche Fotos und – als ich mich einmal zu weit vorwagte – eine Dusche vom Wasserwerfer ein. War aber nicht so schlimm, denn es war heiß in den G8-Tagen vor zehn Jahren. Bis heute erinnere ich mich an ein Interview mit Clown Amphit Ami vor dem verschlossenen Tor in Hinter Bollhagen. Er gehörte zur Clown Rebel Army – einer Aktivistengruppe von G8-Gegner, die als Clowns verkleidet daherkamen, um das Vermummungsverbot auszuhebeln. Clownerie, von der die Polizisten wenig amüsiert waren.

Der Traum vom großen Umsatz platzte für die meisten Kühlungsborner Geschäftsleute und Restaurantbetreiber sehr schnell. Die Gewinner waren die Hotels, in denen der größte Teil der Sicherheitskräfte, Journalisten und auch Personal der Botschaften untergebracht war. Sie alle kauften aber nur wenig im Ort ein und gingen auch kaum in Restaurants. Denn alle hatten viel zu tun und dafür gar keine Zeit. Und die Polizisten wurden von ihren Hotels – bis zum Lunch-Paket – rundum versorgt, die Journalisten hatten ganztägig die prall gefüllten Buffets im Pressezentrum. Die Tourismus-Branche schwärmt bis heute, dass die schönen Image-Bilder im Fernsehen in Ländern aller Welt vom Hafen, von Strand, Ostsee, Promenade und Hotels dem Bekanntheitsgrad von Kühlungsborn einen kräftigen Schub gegeben haben.

Mag sein. Ich sehe das so, wie fast alle meine Nachbarn. Dort heißt es immer wieder: „War eine ganz interessante Geschichte, aber die hätten wir eigentlich auch nicht haben müssen. Und wollen wir auch nie wieder haben.“ Und dann kommen regelmäßig die Empfehlungen, diese Gipfel am besten auf einem Flugzeugträger mitten im Ozean oder auf einer einsamen Insel stattfinden zu lassen. Oder gar nicht, denn viel käme dabei sowieso nicht raus. Siehe Sizilien vor ein paar Tagen.

Was bleibt, sind ein paar Geschichten, die fast schon Legenden wurden. Wie die eines Nachbarn, der Tage vor dem Gipfel vor der Steilküste zwischen Kühlungsborn und Wittenbeck weit in die Ostsee hinausschwamm und plötzlich dicht neben sich das Sehrohr eines U-Boots vor sich hatte. Da er offensichtlich – nur mit Badehose bekleidet – keinen Sprengstoff und Waffen mit sich führte, durfte er weiter schwimmen.

OZ

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