Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kühlungsborn „Die Region hat total profitiert“
Mecklenburg Bad Doberan Kühlungsborn „Die Region hat total profitiert“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:05 07.06.2017
Sitzblockade: Hunderte Demonstranten belagern am 7. Juni 2007 die Dammchaussee und die Molli-Gleise zwischen Bad Doberan und Heiligendamm. Quelle: Foto: Oz–archiv
Bad Doberan

Polit-Prominenz, Demonstrationen, Dutzende Fernseh-Teams – für die Region rund um Heiligendamm bedeutete der G8-Gipfel vor zehn Jahren den absoluten Ausnahmezustand. Hartmut Polzin (SPD), damals Doberaner Bürgermeister, zieht im OZ-Interview rückblickend ein überaus positives Fazit.

Für Hartmut Polzin, 2007 Bürgermeister in Bad Doberan, hat die Gipfel-Zeit (fast) nur positive Aspekte

Herr Polzin, werden in diesen Tagen wieder Erinnerungen an die Zeit des G8-Gipfels in Heiligendamm wach?

Hartmut Polzin: Eigentlich nicht. Natürlich – wenn ich darauf angesprochen werde, denke ich schon noch mal über die eine oder andere Begebenheit nach. Insgesamt war es eine spannende, aufregende und schöne Zeit.

Im Ernst? Hat Sie das ewige Hin und Her um Absperrungen, Demos oder Camps nicht belastet?

Klar – die eigentlichen Gipfel-Tage waren schon fulminant. Da wurden große Demonstrationen angemeldet und wieder abgesagt, die Zeltlager der Protestler in Reddelich und in der Kühlung haben die Polizei in Atem gehalten – aber direkt in der Doberaner Innenstadt hat man von dem ganzen Brimborium eigentlich gar nicht so viel mitbekommen. Dabei kam uns aber auch das Verhalten der Demonstranten zugute.

Wie meinen Sie das?

Das ganze Geschehen hat sich ja vor allem auf den zwölf Kilometer langen Zaun konzentriert. An der Dammchaussee haben sich die Leute dann auf die Straße und die Schienen gesetzt und sind dort auch geblieben. In Bad Doberan selbst ist nichts passiert, es gab nicht den kleinsten Farbklecks.

War also alles wie immer?

Es war ein brütend heißer Tag, die Luft glühte – und in der Stadt selbst herrschte fast Totenstille. Ich erinnere mich, dass ich mit ein paar Geschäftsleuten vor dem Kamp-Theater an der Severinstraße gesessen und Kaffee getrunken habe. Dabei haben wir uns immer wieder gefragt: Was ist hier eigentlich los? Absolut surreal.

Wie liefen die Vorbereitungen auf dieses Großereignis ab?

Außergewöhnlich war, dass der damalige Kanzler Gerhard Schröder schon zwei Jahre vor dem eigentlichen Gipfel den Tagungsort bekannt gegeben hatte. Bund, Land, Kreis und Stadt hatten also genügend Zeit, sich auf die Veranstaltung vorzubereiten.

Was bedeutete das für Sie persönlich?

Rund vier Monate vor dem Gipfel bin ich kaum noch zur Ruhe gekommen. Ob Interviews, Reportagen oder Hintergründe – Dutzende Fernseh- und Rundfunk-Teams wollten etwas von mir. Da hätte ich eigentlich einen Pressesprecher gebraucht – den habe ich aber leider nicht bekommen.

Wie haben Sie sich in den Gesprächen geschlagen?

Ein bisschen knifflig wurde es, als Journalisten des englischen Fernsehens mit mir ein Interview in ihrer Landessprache machen wollten. Das war mir aber zu heikel – schließlich gab es ja die eine oder andere brisante Frage. Und außerdem ist die Amtssprache in unserem Rathaus Deutsch. Okay – maximal noch Platt. Immerhin haben sich die Journalisten schließlich darauf eingelassen und meine Antworten von einem Dolmetscher übersetzen lassen. Das Gespräch muss inhaltsstark gewesen sein – denn meine Tochter, die damals in London gelebt hat, hat ihren Vater dann tatsächlich abends im englischen TV gesehen.

War der G8-Gipfel aus Ihrer Sicht für die Region eher Fluch oder Segen?

Ich sehe das total positiv: Bad Doberan und die Umgebung haben ungemein profitiert. Es gab bedeutende Investitionen in die Straßen-Infrastruktur – vor allem in Heiligendamm. Dabei wurden kombinierte Rad- und Gehwege erneuert und komplett neu gebaut. Das hätten wir uns als Stadt allein überhaupt nicht leisten können. Dazu gab es einen großen Werbe-Effekt und Image- Gewinn für Heiligendamm.

Gab es tatsächlich keine negativen Auswirkungen?

Ich kann mich an keine gravierenden Schäden erinnern. Die Demonstranten haben zum Teil die Felder niedergetrampelt – das wurde den Landwirten aber durch das Land ersetzt. Und auch das vorhergesagte Chaos ist ausgeblieben.

Also ein durchweg positives Fazit?

Kann man so sagen: In schöner Erinnerung bleiben auch einige Plakate – etwa „Lasst Angela frei!“ oder „Wir haben Spaß – Ihr habt Dienst“. Aber es war schon komisch, als plötzlich alles vorbei war. Ein paar Tage nach dem Gipfel habe ich mir gedacht: Keine Hubschrauber, keine Polizei-Kontrollen, keine Demonstranten – das ist ja total langweilig hier. . .

G8-Gipfel vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm

100 Millionen Euro – so viel soll der Gipfel den Steuerzahler gekostet haben. Dieser fand vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm statt.

Teilnehmer waren Angela Merkel (Deutschland), Nicolas Sarkozy (Frankreich), Tony Blair (Vereinigtes Königreich), Romano Prodi (Italien), Wladimir Putin (Russland), Georg W. Busch (USA), Stephen Harper (Kanada) und Shinzo Abe (Japan) – die G8.

Hinzu kamen Delegationen beispielsweise aus Kanada und Afrika sowie EU-Kommissar Jose Manuel Barroso.

17 000 Polizisten, rund 5000 Journalisten aus 73 Ländern und Zehntausende Demonstranten waren an diesen drei Tagen in der Region rund um Bad Doberan.

12 Kilometer lang und 2,50 Meter hoch war der Sicherheitszaun, der um das erste deutsche Seeheilbad gezogen wurde. Ein 3,5 Kilometer langes und 20 Meter breites Netz sperrte den Ort unter Wasser von der Seeseite aus ab.Ab dem 30. Mai 2007 war Heiligendamm eine Festung. Ohne Nachweis kam niemand rein.

Interview: Lennart Plottke

Mehr zum Thema

Der 35 Jahre alte Robur fällt mit Totalschaden aus / Ein Spendenaufruf soll gestartet werden

02.06.2017

KSB-Geschäftsführerin Kerstin Groth über die Pläne in Klütz

02.06.2017

Bürgermeister aus dem Süden über Entwicklung der Ostseeküste begeistert

03.06.2017
Anzeige