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Nach 31 Jahren haben sie „Ja“ gesagt

Bad Doberan Nach 31 Jahren haben sie „Ja“ gesagt

Nottrauung zu Hause in Bad Doberan. Der schwerkranke Günther Rachow (83) heiratet seine Lilli (84).

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Lilli (84) und Günther Rachow (83) haben am Freitag zu Hause in Bad Doberan geheiratet.

Quelle: Fotos: Ove Arscholl

Bad Doberan. Beide haben auf der Couch Platz genommen. Stolz hält Lilli Reichelt ihren kleinen Brautstrauß in der Hand. Günther Rachow verlangt nach seiner Brille. Denn gleich geht’s los: Nach 31 wilden Ehejahren will sich das Paar nun offiziell das Ja-Wort geben. Am 2. Februar um 11 Uhr zu Hause in der Wohnung in Bad Doberan.

OZ-Bild

Nottrauung zu Hause in Bad Doberan. Der schwerkranke Günther Rachow (83) heiratet seine Lilli (84).

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Es bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit für diesen Schritt. Günther Rachow ist todkrank, Lungenkrebs im Endstadium. Der ehemalige Berufskraftfahrer von „Ostseetrans“ hat seine Lilli nach dem frühen Tod seiner ersten Frau kennengelernt. Sie war Servicekraft bei der Molli-Bahn. „Sie hat ihn aufgefangen, sie haben sich beide gutgetan“, sagen die Kinder, Birgit Scharping und Peter Rachow. Wie oft hätten sie in der Vergangenheit das Thema Hochzeit angeschnitten. „Er wollte nicht“, erinnert sich Sohn Peter. „Erst der Doktor hat ihn vor einigen Tagen überzeugt“, berichtet Tochter Birgit.

Palliativmediziner Dr. Sven Hellwig begleitet den schwerstkranken Tumorpatienten. Vor seinem Urlaub hat er bei seinem letzten Besuch vor einer Woche das Paar angestachelt: „Wenn ich zurück bin, heißen Sie Frau Rachow.“ Sie habe das als Spaß verstanden, erklärt die Braut. Doch ihr Günther lässt sich Fresien mitbringen und macht seiner Lilli einen Antrag: „Willst du mich heiraten?“ „Da haben wir erst mal beide geheult“, verrät die Angebetete. Die Familie ist zunächst ratlos. „Meinst du das ernst?“ Der 83-Jährige ist wild entschlossen, aus seiner Freundin, wie er sie immer gern vorgestellt hat, endlich seine Frau zu machen. Tochter Birgit übernimmt die Formalitäten in Standesamt und Kirche. Einige Gäste werden eingeladen, der Brautstrauß besorgt. Und dann ist es so weit.

Das kleine Wohnzimmer füllt sich. „Bist du glücklich, Opa?“, fragt Lilli Reichelt und drückt die Hand ihres Mannes. „Ich bin zufrieden. Danke für deine Treue“, antwortet er und lächelt sie an.

Standesbeamtin Eva-Maria Schmidt beginnt mit der Nottrauung. „Die gibt es selten, es muss eine lebensgefährliche Erkrankung vorliegen, die den Weg ins Trauzimmer nicht mehr zulässt“, erklärt sie. Und beide Heiratswilligen müssen noch geschäftsfähig sein. Wovon sie sich beim Brautpaar überzeugen konnte.

„Im Rückblick wird alles Traurige unwichtig“, sagt die Standesbeamtin und erinnert an gute Zeiten, an die Liebe, die sie seit nunmehr 31 Jahren verbindet. Günther Rachow hat seine Frau im Arm, streichelt ihr liebevoll den Rücken. Ganz laut und deutlich sagt er „Ja“ und gibt ihr das Eheversprechen. Ja, sagt auch Lilli. „Damit sind sie nun rechtlich verbundene Eheleute“, verkündet die Standesbeamtin. Noch eine Unterschrift unter die Urkunde: Oh je, Lilli unterschreibt mit Reichelt. „Macht der Gewohnheit“, sagt die 84-Jährige und korrigiert sogleich den Schriftzug: Rachow. Ein Küsschen, Tränen fließen nicht nur bei Günther Rachow.

Dann tritt Pastor Albrecht Jax zum Ehepaar und zitiert das Gedicht von Erich Fried „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“. Auch für ihn ist es die erste Trauung in der Häuslichkeit. Jax erinnert an die guten Jahre: „Ihr habt miteinander gelebt, geteilt, geliebt, geweint, gelacht und miteinander gelitten.“ Nun sei das gemeinsame Leben so überschaubar geworden, die Endlichkeit so klar. Er gibt dem Paar den kirchlichen Segen, übergibt die Urkunde zur kirchlichen Trauung und entzündet „eine schützenswerte Kerze“, als gute Erinnerung an diesen Tag. Die Zeremonie berührt. „Na, Vater, wir haben uns trauen lassen, heute“, himmelt Lilli Rachow ihren Mann an. „Ja, die Zeit vergeht so schnell“, antwortet er. Dann erhebt er sein mit Wasser gefülltes Sektglas: „Stoßen wir an auf ein paar glückliche Stunden, die uns noch beschert sind.“

Der Kreis schließt sich, Günther Rachow kann beruhigt seine letzte Reise antreten. Seine „Beste“ ist jetzt seine Ehefrau. Auch wenn Lilli Rachow keine Witwenrente erhalten wird, dafür muss man mindestens ein Jahr verheiratet sein, so ist sie doch eine rechtmäßige Erbin. Doch das ist unwichtig in diesem Moment: Das Ehepaar auf der Couch, es küsst sich immer wieder, kann nicht voneinander lassen. Es ist, wie es ist...

Doch das gemeinsame Eheglück hält keine zwei Tage. Am frühen Sonntagmorgen ist Günther Rachow friedlich eingeschlafen.

Doris Deutsch

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