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Neubukow 72-jährige Rakowerin wegen „Fahrerflucht“ vorm Kadi
Mecklenburg Bad Doberan Neubukow 72-jährige Rakowerin wegen „Fahrerflucht“ vorm Kadi
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00:00 03.04.2014

Die Angeklagte, Gisela H. aus Rakow, ist 72 Jahre alt, stark gehbehindert und eine versierte Autofahrerin. Auf einen Stock gestützt betritt sie mit ihrem Anwalt den Gerichtssaal. Die Berufungskammer des Landgerichtes Rostock soll klären, was bislang nicht möglich war.

Das Amtsgericht Rostock hatte sie im Vorjahr wegen Fahrerflucht zu einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt und eine Fahrerlaubnissperre für sechs Monate ab Urteilsverkündung veranlasst. Gegen diesen Beschluss legte Gisela H. Berufung ein. Die den Tatvorwurf bestritt und einen Freispruch forderte. Die Staatsanwaltschaft Rostock beschuldigt die Angeklagte, am 17. November 2012 auf der Strecke nach Questin mit ihrem Pkw das Fahrzeug des Ehepaares Günter und Erika B. überholt und dabei touchiert zu haben. Obwohl die Angeklagte den Anstoß bemerkt habe, sei sie weitergefahren, habe sogar ihren Wagen erheblich beschleunigt, so dass das beschädigte Fahrzeug die Verfolgung aufgab. Aber nicht, ohne dass sich die B.s das Kennzeichen merkten.

„Es sei möglicherweise eine Frau gewesen, die das Fahrzeug lenkte und die Fahrt fluchtartig fortsetzte, hätte Günter B. gemeint, als er die Anzeige erstattete. Das sagte nun ein Polizeibeamter als Zeuge aus.

Die Angeklagte bestritt weiter die Tat. Sie sei morgens gegen 9 Uhr zum Einkaufen gefahren, anschließend zum Friedhof nach Alt Bukow und von dort gegen Mittag zu Bekannten nach Questin, wo sie bis zum Abend blieb.

„Was macht Sie so sicher, dass es der 17. November war, nicht einen Tag vorher oder einen danach?“, fragte die Anklagevertreterin: „Immerhin fand ihre polizeiliche Vernehmung erst am 5. Dezember statt, also drei Wochen später“. Das konnte die Angeklagte nicht erklären. „Wollen sie mit ihrer Mandantin nicht ein klärendes Gespräch führen?“ wandte sich die Staatsanwältin an den Verteidiger und schlug die Einstellung des Verfahrens bei einer Geldauflage von 500 Euro vor.

Doch die Angeklagte blieb stur. „Das kann ich nicht bezahlen. Ich erhalte nur eine Rente von 730 Euro“, erklärte Gisela H. „Dann setzen wir den Prozess fort, mit allen Folgen“, erklärte der Vorsitzende Richter. Und er zählte auf: Gerichtskosten einschließlich der Zeugenkosten, zusätzlich Strafe, wenn es zu einem Urteil kommt, Kosten für den Anwalt und sie würde dann noch — in ihrem Alter — als vorbestraft gelten. Nach erneuten mahnenden Worten der Staatsanwältin und einem nochmaligen Senken der Geldauflage um 100 Euro konnte der Vorsitzende Richter endlich verkünden: Das Verfahren wird mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und der Angeklagten vorläufig eingestellt, wenn die Angeklagte bis zum 15. April 2014 einen Betrag von 400 Euro an die Staatskasse zahlt. Die Gerichtskosten wurden der Angeklagten erlassen. Mit einem Zivilprozess zur Begleichung des angerichteten Schadens am Auto des Ehepaares B. muss sie allerdings rechnen.



Mlh

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