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Neubukow Chronist: „Ich brauch‘ keinen Computer“
Mecklenburg Bad Doberan Neubukow Chronist: „Ich brauch‘ keinen Computer“
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00:00 09.03.2013
Teilnehmer des Treffens der Rakower im Juni 2003. Dritter von rechts: Walter Doll, in der Mitte die Stages.
Neubukow

„Da ist ein Bild von 1935 drin, da sind 111 Leute drauf — ich war damals sechs Jahre — und mit 81 habe ich von all denen noch 95 erkannt und mit Namen aufgeschrieben“, sagt Walter Stage stolz und zeigt einen seiner zahlreichen Beiträge für die Rakow-Chronik, deren erster Teil gerade erschienen ist: „Ich konnte das aufschreiben mit Datum, ohne alles, ich brauch‘ keinen Computer!“

Der gebürtige Drevenskirchener wohnte seit November 1931 in Rakow und ist nun der Mitherausgeber der ersten im Allgäu gedruckten 246 Hochglanzseiten über Geschichte und Geschichten aus Rakow und Teßmannsdorf.

Über fünf Generationen prägte die Familie von Restorff diese Region und die Tochter des letzten Gutsbesitzers von Rakow, Maria-Charlotte Weiß, kümmert sich gemeinsam mit Walter Stage, der

seit 1957 in Neubukow wohnt, darum, diese Zeitläufte der Nachwelt zusammengefasst zu präsentieren: mit Bildern, Dokumenten, Gedichten und Erinnerungen.

Den letzten Impuls für die jetzt auf insgesamt drei Teile angelegte „Rakow-Chronik“ gab wohl ein Treffen auf dem Friedhof von Neubukow: Im Oktober 2002 waren hier alte Rakower zur Beerdigung von Lieschen Quaas, die auf dem Hof der von Restorffs beschäftigt gewesen war, zusammengekommen. Und Walter Stage präsentierte den Nachkommen der von Restorffs damals Vervielfältigungen aus einem Album seines im März 1945 gefallenen Volksschullehrers, Werner Köpke, mit 70 Fotografien aus den Jahren 1928 bis 1936. Darauf hatte ihn eine Frau Pietsch aufmerksam gemacht, der Stage erstmals zu seiner Goldenen Konfirmation 1994 begegnet war.

Die Originale hatte die Witwe Köpke nach Kriegsende der Kirchengemeinde überlassen. Im Besitz der von Restorffs waren bereits maschinengeschriebene Chronikseiten von Werner Köpke, mit denen nun in der vorliegenden Chronik zusammengestellt wurde, was zusammengehört.

Angefeuert worden war das Chronikprojekt zudem durch ein Treffen von über 40 ehemaligen Rakower Kindern, das Walter Stage gemeinsam mit seiner Frau Margarete im Juli 2003 organisiert hatte. „Walter, wir müssen ein Buch zusammen schreiben, ich möchte das alles aufarbeiten von Rakow“, soll da Maria-Charlotte Weiß gesagt haben. Zu den Teilnehmern gehörte auch Neubukows Bürgermeister Walter Doll, dessen Opa, Basilius Doll, in Rakow von 1912 bis 1932 Inspektor gewesen war. Walter Doll soll damals besonders beeindruckt haben, dass Walter Stage auch der 20 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Rakower gedacht hatte. Das hätte noch keine Gemeinde gemacht. Zudem habe Stage bei dieser Zusammenkunft eine Stunde lang — ohne Notizen — über 35 Rakower Familien und deren Kinder gesprochen. „Es stimmte alles“, sagt der Kopf-Chronist heute. So wurden auch seine Gebäude-Zeichnungen aus dem Gedächtnis in die Chronik übernommen. Weil er als Kind so verrückt auf Pferde gewesen sei, wisse er zum Beispiel ganz genau, wo welcher Stall platziert war, begründet der Neubukower seine klaren Ortskenntnisse über Rakow und Teßmannsdorf von vor rund 75 Jahren.

Dass er sich so gut erinnern kann, schiebt der heute 83-Jährige, der vor zehn Jahren überhaupt erst damit begonnen haben will, sich gründlich mit der Rakower Geschichte zu beschäftigen, vor allem auf seine Gene. Auch seine beiden Söhne, die übrigens mit ihren Computern das Chronik-Projekt gestaltend unterstützen, seien Bestschüler gewesen, sagt der Vater.

Augenzwinkernd verweist der Mann, der 45 Jahre lang in Neubukows Molkerei arbeitete, in diesem Zusammenhang auch darauf, dass er früher täglich bis zu fünf Liter Milch getrunken hätte. Dazu komme das gute Essen mit viel Gemüse, das seine Frau, eine Ungarndeutsche, zubereite. „Und wir beide führen auch viele Gespräche“, wirft Margarete Stage ein. Sie hatte sich im Mai 1946 beim „Mondscheinwalzer“

in Pepelow in ihren späteren Mann verliebt.

„Die Rakow-Chronik“ (Teil 1) gibt es für 28 Euro auch in Neubukows Schliemann-Gedenkstätte. Der noch nicht veröffentlichte Teil 2 soll über die Zeit des 2. Weltkriegs und dessen Folgen berichten (mit einem elfseitigen Stage-Bericht über den 17. Juni 53 in Berlin), Teil 3 wird die Wiedervereinigung und die Zeit danach dokumentieren.

Thomas Hoppe

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