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Neubukow „Er hat eine schöne direkte Art“
Mecklenburg Bad Doberan Neubukow „Er hat eine schöne direkte Art“
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03:46 10.09.2013
Jürgen Weymann dankt beim „Wort zum Sonntag“ auch seiner Frau Elzbieta (r.). Quelle: Thomas Hoppe
Klein Strömkendorf

„Bitte mal ein Ohr aufmachen, jetzt kommt das Wort zum Sonntag“ — so kennen alle Jürgen Weymann, die ihn kennen. Und so wandte sich der 70-Jährige vorgestern an seine zahlreichen Geburtstagsgäste unterm Partyzelt. Sie hatten zuvor auf dem Campingplatz am Haff fast Schlange gestanden, um ihm unter anderem die Schokocreme-Geburtstagstorte der Landbäckerei Harms aus Reddelich und insgesamt 48 Rosenstöcke zum Geburtstag zu überreichen.

„32 Pflanzen brauchte ich für das Beet, das ich mir gewünscht habe, nun kann ich schon an ein zweites Beet denken“, freute sich gestern das Geburtstagskind, als es mit seien Kindern den Sonntag quasi Revue passieren ließ. Dabei saß Enkelin Sophie Rau, die die Feier prima fand, einschließlich der Musik. Sie erinnerte sich auch an viele Wochenenden, die sie hier bei Opa in den letzten Jahren schon vorbeigeschaut hatte: „Es ist schön hier und man hilft auch ein bisschen mit“ — Opa mache ja „ganz, ganz viel“, sagte die 23-Jährige achtungsvoll und trifft damit wohl den Kern des Jürgen Weymann.

Der gebürtige Chemnitzer war mit seinen Eltern in der Aktion „Industriearbeiter aufs Land“ 1957 in den Norden gekommen. Mit 24 Jahren wurde der Agraringenieur Weymann der jüngste LPG-Vorsitzende des Bezirkes Rostock in Völkshagen bei Marlow. Nach seinem Diplom, das er an der Rostocker Uni im Fernstudium ablegte, arbeitete er in Lischow und schließlich in der LPG Rakow/Pepelow als Leiter der Tierproduktion. 1978 bis 1982 war der Mann das erste Mal Bürgermeister — hauptamtlich in der Gemeinde Pepelow. Nach seiner Amtszeit leitete er hier von 1984 bis zu ihrem Ende in der Wende eine „Körperbehinderten-Einrichtung“. Das war das einzige Zeltlager für Behinderte in der DDR — wo im Jahr bis zu 600 Leute hierher kamen, in sechs bis sieben Durchgängen. Dann kamen bis zu 70 ABM-Kräfte auf das Terrain am Salzhaff, die sich vor allem um die Umwelt kümmerten und hier auch geschult wurden. 1996 startete am Ort der Campingplatz Weymann mit zehn Dauercampern. Davon sind immer noch welche in Klein Strömkendorf und waren auch zur sonntäglichen Geburtstagfeier dabei. Mittlerweile hat Jürgen Weymann zudem eine lange Karriere als ehrenamtlicher, parteiloser Bürgermeister hinter sich. 1994 bis 1998 und seit 2004 ohne Unterlass. „Das macht immer noch Spaß — Kritiken erhöhen die Einsatzbereitschaft und erhalten jung und frisch“ sagte Jürgen Weymann gestern zur OZ. „Aber im nächsten Jahr ist mit dem Bürgermeisteramt Schluss, dann kümmere ich mich um die Rosen, meine 41 Kaninchen und den Garten mit den Tomaten hier, dass alles schick wird“, erklärte der Mann und lächelte dabei seiner Frau Elzbieta zu, die in Sachen Amtsende schon eingeworfen hatte: „Ein Glück!“. Sie hatte Jürgen Weymann vor 15 Jahren auf einer Silvesterfeier bei einem Kumpel in den Masuren kennengelernt: „Sie kein Wort Deutsch und ich kein Wort Polnisch. Aber tanzen konnten wir beide gut!“ Von der ganzen Arbeit mit dem Campingplatz wollte Elzbieta Weymann gar nicht reden. Sie sagte dazu lächelnd nur: „Das bisschen Stress — wenn mein Mann glücklich ist, ist alles gut.“ „Uns geht es ganz gut — auch in der Großfamilie“, ergänzte Jürgen Weymann und spielte damit auf die insgesamt acht Kinder der beiden, davon fünf „Weymanns“ und die Enkel Vanessa, Sophie, Heinrich, Hannes und Andreas an. Jürgen Weymanns mittlerer Sohn Axel aus Questin verriet noch einen Wesenszug, den er von Opa und seinem Vater geerbt haben will: „Wir haben die Zeit und die anderen haben die Uhr“, meinte der 41-jährige Speditionskaufmann und erklärte damit, dass die genannten Weymanns immer beruflich stark eingebunden waren oder sind, ihre Termine alle erfüllten, aber dabei nicht immer auf die Minute pünktlich sein könnten — eins komme nach dem anderen. Just in diesem Moment musste Vater Jürgen seine großen Tochter verabschieden, damit sie nicht zu spät nach Rostock kommt.

Zeit für die OZ, kurz mit „Leidensgefährten“, wie Jürgen Weymann sie nennt, über den Jubilar zu reden. Gemeindevertreter Reneé Kluczenski, der zugleich Amtswehrführer ist — er gehört zur Wählergemeinschaft, für die auch Jürgen Weymann kandidierte — er bringt es auf den Punkt: „Die Art und Weise, wie der Bürgermeister manchmal diskutiert, kommt nicht bei jedem an, doch er hat im Grunde Recht und nutzt damit der Gemeinde.“

„Eine schöne direkte Art“, bescheinigt der Vorsteher des Amtes Neubukow-Salzhaff Jürgen Weymann. Mit ihm sei „konstruktive Zusammenarbeit jederzeit möglich“, auch wenn er Dinge „manchmal kompliziert machen“ könne, sagt Thomas Jenjahn. Dafür diskutiere Jürgen Weymann, der ein richtiger Pragmatiker sei, „immer lösungsorientiert“. Da manches allerdings nicht so pragmatisch gehe, wie es sich der Klein Strömkendorfer vorstelle, müsste die Verwaltung ihn hin und wieder „zurechtrücken“, meint Thomas Jenjahn noch und ergänzt: „Aber das Problem haben sie ja mit uns allen Bürgermeistern.“

Wir haben die Zeit und die anderen die Uhr.“Axel Weymann über Opa, Vater und sich

Thomas Hoppe

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