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„Im Verdrängen sind alle Menschen gut“

Kröpelin „Im Verdrängen sind alle Menschen gut“

Nach 25 Jahren in Kröpelin: Zahlreiche Erstanträge zur Einsicht in Geheimdienst-Akten.

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Cecile Dörk und Uta Maria Budny (v.l.) loben die Gastfreundschaft im Kröpeliner Rathaus: „Hier war für unseren Beratungstag alles super vorbereitet“.

Quelle: Thomas Hoppe

Kröpelin. „Wir sind total überrascht von dem Ansturm, der heute Morgen gleich war“, sagt Uta Maria Budny am Dienstag vor Kröpelins Rathaus. Die Rostockerin arbeitet seit 1992 beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR (BStU) und hatte gemeinsam mit ihren beiden anderen angereisten Kollegen gar nicht erwartet, dass schon vorm angekündigten Start des Beratungstages zur Stasi-Akteneinsicht hier Bürger vor der Tür standen. „Den ersten haben wir bereits viertel zehn bedient“, wirft Cecile Dörk ein, die seit Januar zum Team der Rostocker BStU-Außenstelle gehört. Sie ist nicht nur beeindruckt, von den „super spannenden“ Geschichten, die die Leute erzählen, sondern setzt vor allem auf diese Informationen, „um letztlich auch mehr Materialien zu finden“, die in den 100 laufenden Kilometern papiernes Schriftgut lagern könnten, die insgesamt in den BStU-Archiven aufbewahrt werden. Es gehe dabei um viel Leid, beispielsweise um DDR-Kinderheime, um Fluchtversuche über die Ostsee von Kühlungsborn aus, um Ereignisse rund um den 17. Juni 1953, heißt es.

„Alles Dinge, die jetzt erst hochgeschwemmt werden“, sagt Uta Maria Budny und bringt darüber ihr Erstaunen zum Ausdruck: „ Wir denken eigentlich, es müsste schon alles abgegrast sein. Aber es kommen auch Bürger aus Rostock und sogar aus Papenhagen hierher — im Wesentlichen jedoch aus Kröpelin. Von hier haben wir ganz viele und alle nett! Alle sehr offen und gesprächsbereit.“ Auf die Frage, wie viele etwa insgesamt diesen Kröpeliner Beratungstag nutzen, antwortet die Aktenexpertin am Nachmittag: „Es könnten jetzt 30, 40 sein und 50 werden, doch die Zahlen sind nicht das Entscheidende. Das Gespräch ist den Leuten wichtiger, als der Antrag, hat man manchmal das Gefühl. Jemandem sein Schicksal offenbaren können — der Nachbar will es nicht mehr hören, oder dem vertraut man nicht. Hier sitzt dafür jemand, dem darf ich‘s sagen, der hört auch zu. Fast bei jedem sitzen wir 15, 20, 30 Minuten zusammen.“

Für die 32-jährige Cecile Dörk, die aus der Nähe von Wismar stammt, haben diese Geschichten Hand und Fuß. Manche Schicksale kann sie, die einst Jungpionier gewesen war, auch mit dem Leben der Eltern, Großeltern und Bekannten abgleichen: „In der Familie hat zwar noch niemand Berührungspunkte mit der Behörde gehabt, aber wenn mir hier ältere Leute Geschichten erzählen, über die LPG, über die Jägerschaft oder über die Seefahrt, dann gibt es für mich immer Punkte, wo ich denke, dass ich das schon mal von dem und dem gehört habe — ich kann mir die Geschichten ganz gut vorstellen. Sie sind für mich nicht weit weg.“

Das viele Antragsteller erst jetzt, 25 Jahre nach der Öffnung der Mauer, ihre Stasi-Akten sehen wollen, begründet Uta Maria Budny mit Angst: „Einmal hat man Angst, dass aus dem nächsten Umkreis jemand der Stasi zutrug. Andererseits wollte man bisher vielleicht auch selber nicht so genau wissen, was da in den Akten über einen steht. Im Verdrängen sind alle Menschen gut: die, die Leid hatten und die, die Schuld auf sich geladen hatten.“ Zudem nehme so ein Beratungstag auch die Schwellenangst zur Behörde, meint die 57-Jährige, die ihre eigene Akte bereits eingesehen hat. „Das wollte ich alles wissen und rate den Bürgern, die mich danach fragen, diese Papiere lieber zu lesen. Es ist besser, eine traurige oder schwere Sache so lange anzugucken, bis man sie bewältigt hat, als sie im Nacken zu tragen — und vielleicht verzerrt im Nacken zu tragen.“ Ein Kröpeliner, der das Rathaus gerade verlässt, will es jetzt auch wissen: „Ich wollte es nicht eher, es hätten alte Freundschaften kaputtgehen können — aber von der Stasi wurde ich beobachtet. Ich habe bestimmt eine gute Akte“, sagt er. Bis zu drei Jahren kann es aber nun noch dauern.

Bei der Akteneinsicht lerne man auch, dass man zwischen den Zeilen lesen müsse und das nicht alles Wahrheit ist, was in den Akten steht, sagt Uta Maria Budny noch. Ihr Fazit: „Man sollte sich nicht zu schnell ein Urteil erlauben.“ In den Akten sei das Leben nicht 1:1 wiedergegeben worden, es hinge oft vom Blickwinkel der Stasi ab: „Geschönt oder geschwärzt, je nachdem, wen sie vor sich hatten.

Sie sind ja dem Realismus doch nicht so verbunden gewesen, dem sozialistischen.“ e

 



T. Hopp

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