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Neubukow Küster Kastell setzt sich zur Ruhe
Mecklenburg Bad Doberan Neubukow Küster Kastell setzt sich zur Ruhe
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00:00 13.09.2013
Alt Karin

Noch hat er ihn, den großen eisernen Schlüssel zur alten Kirchentür. Doch bald schon gibt ihn Werner Kastell an seinen Nachfolger Hartmut Schenke ab. 20 Jahre lang sorgte der Alt Kariner als Küster für Ordnung und Sauberkeit in der Dorfkirche. Stellte auch frische Blumen auf den Altar, schaute auf dem Friedhof nach dem Rechten.

Doch nun und mit seinen 80 Jahren wird einiges recht beschwerlich. Das Ersteigen des Glockenturms der fast 800 Jahre alten frühgotischen Backsteinkirche, auch die Pflege im Allgemeinen geht nicht mehr so mühelos von der Hand wie noch vor zwei Jahrzehnten.

Das Rasenmähen auf dem Friedhof gab er schon vor einigen Jahren ab. Dabei fällt es Werner Kastell insgesamt trotzdem ein wenig schwer loszulassen: „Diese Kirche ist mir doch sehr ans Herz gewachsen“, sagt er. Sein Wohnhaus befindet sich nur wenige Gehminuten von der Kirche entfernt. Aufgebaut hatte er es damals mit der ganzen Familie, die 1947 aus Ostpreußen nach Alt Karin kam. Kastells Vater übernahm eine Neubauernstelle, und auch der Sohn ging in die Landwirtschaft. Zuerst als Selbstständiger, dann als Genossenschaftsbauer. Ab 1965 bis zur Wende arbeitete Kastell in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. In den 1970er Jahren heiratete er. Auch seine Frau stammte aus Ostpreußen. Mit ihr hat er zwei Kinder, die ihnen vier Enkel schenkten. Es war wohl für Werner Kastell einer der schwersten Gänge auf den Friedhof, als er seine Frau zu Grabe tragen musste — das ist ihm heute noch anzumerken.

Auch sie war der Kirche verbunden und sorgte nach der Wende mit dafür, dass unter anderem neue Leuchten für den Sakralbau angeschafft wurden. Mit dem Rentenalter begann Werner Kastell der damaligen Küsterin unter die Arme zu greifen. Als diese die Küsterstelle abgab, machte er weiter. Das daraus zwei Jahrzehnte würden, hätte er damals nicht gedacht — und doch: „Erst wollte ich das nur für ein paar wenige Jahre machen. Aber es ist eine schöne Arbeit. Auf dem Friedhofsgelände habe ich auch Menschen getroffen, die ich lange nicht gesehen habe. Viele schöne Gespräche entstanden und alte Erinnerungen lebten auf.“

Bei Kirchenführungen trug der Küster stets einen kleinen Zettel bei sich. Darauf vermerkt waren in winziger Schrift Jahreszahlen zur Orgel, zum Altar und den Emporen. Doch eigentlich weiß Werner Kastell das auch so, denn geistig fit ist er immer noch. Er erinnert sich gerne an Begebenheiten und kennt viele Anekdoten: „Hier war wegen einer Hochzeit einmal die ganze Kirche voller Amerikaner“, weiß er. Die Braut stammte aus Mecklenburg. Die Hochzeit musste dann aber um ein Jahr verschoben werden. Sie sollte eigentlich 2001 stattfinden, jedoch der Anschlag auf das World Trade Center machte die Einreise für alle kompliziert. „Auch Japaner haben sich hier trauen lassen und ein Pastor aus Mecklenburg“, erinnert sich Werner Kastell. „Und ich weiß noch, dass wir während der Sanierung 1986 lange auf einen Termin mit den Malern gewartet haben. Sie kamen dann spontan im tiefsten Winter durch den Schnee. Weil die Farbe steif gefroren war, konnten sie nicht arbeiten, zogen wieder ab und kamen zu einer wärmeren Jahreszeit wieder“, berichtet Kastell, der damals auch Kirchenältester war, mit einem leichten Schmunzeln.

Für Werner Kastell wird sie immer eine Kirche bleiben, mit der ihn emotional viel verbindet. Auch, wenn er jetzt nur noch zum Schauen und zur Grabpflege kommen wird. Sein Name aber ist sogar hinter dem Altar verewigt. Mit weiteren Personen, die für die Sanierung der Dorfkirche Ende der 1980er Jahre zuständig waren.

Sabine Hügelland

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