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Neubukow Leben im Dorf: „Nur Nichtstun ist falsch“
Mecklenburg Bad Doberan Neubukow Leben im Dorf: „Nur Nichtstun ist falsch“
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00:01 02.12.2017
Die Wahl-Mulsowerin Ines Pillat-May reicht ihre Ideen- und Angebotszettel für das Dorfleben rüber. FOTOS (5): HOPPE
Kirch Mulsow

„Wenn es einen Wettstreit der Gemeinden untereinander gebe, dann hätten Sie mit dieser Beteiligung Passee um Längen abgehängt.“ Das sagte Prof. Dr.

„Schulstunde“ zur Land-Entwicklung bringt in Kirch Mulsow Silvesterparty auf den Weg

Henning Bombeck am Donnerstagabend im einstigen „Pendler-Eck“ von Kirch Mulsow zur Begrüßung von 40 Teilnehmern eines Workshops der Schule der Land-Entwicklung in Kooperation mit dem Schweriner Landwirtschaftsministerium.

In Passee waren Prof. Bombeck von der Uni Rostock und die Regionalplanerin und Landschaftsarchitektin Ute Fischer-Gäde kürzlich nämlich mit demselben Thema des Mulsower Abends gewesen: „Eine Dorfgemeinschaft im demografischen Wandel?!“

Dort hatte Bürgermeister Thomas Jenjahn die beiden erlebt und sie in seine Gemeinde eingeladen, wo man sich oft Gedanken darüber gemacht habe, warum der Zusammenhalt nicht mehr so sei, wie früher, wie Jenjahn erklärte. Und er hatte gehofft, dass dieser Abend helfe, sich besser zusammenzufinden.

„Dieser Wandel, von denen ich Ihnen erzähle, trifft Mecklenburg-Vorpommern wohl mit als erstes Bundesland richtig hart – wir sind gerade das Reallabor für ganz Deutschland“, sagte Prof. Bombeck einführend und ergänzte: „Wir als Wissenschaftler wissen ziemlich genau, dass wir keine Patentlösungen haben, wir wissen ganz genau, dass sich der ländliche Raum verändern wird. Wohin er sich entwickelt, dass gestalten stückweit die Menschen, die hier wohnen. So ist es eine der wenigen gesicherten Erkenntnisse, die wir haben, dass nur Nichtstun falsch ist.“ Man könne zum Beispiel das selbstbestimmte Altwerden in der Gemeinde „ganz, ganz stark miteinander gestalten“.

Zunächst zeigten die Experten die Rahmenbedingungen für das Leben auf dem Lande auf und untersetzten diese mit Statistiken und Prognosen: „Um die Wende herum, 1990, waren wir mit knapp zwei Millionen Einwohnern das jüngste Bundesland der Republik. Dann wandern die jungen Leute unter 20 Jahren in Strömen ab – von knapp 30 Prozent Anteil bis 2010 auf 16 Prozent.“ In zehn bis fünfzehn Jahren würden in MV mehr als ein Drittel von den immer weiter sinkenden Bevölkerungszahlen Pensionäre einnehmen, etwa die Hälfte Erwerbsfähige und immer noch um die 15 Prozent Jugendliche.

„Wir müssen darüber reden, dass jetzt auch noch die Alten die Dörfer verlassen, weil es nicht mehr geht, weil sie sich nicht mehr versorgen können . . . Fakt ist, wenn die Bevölkerung in der Fläche zurückgeht, geht Kaufkraft zurück und dann wird es möglicherweise ökonomisch hochgradig uninteressant.“ Dieses „Jammertal“, wie es Prof. Bombeck nannte, mit geschlossenen Freizeiteinrichtungen und mitunter schlechten Anbindungen des öffentlichen Nahverkehrs verließen die Moderatoren dann gemeinsam mit ihren Zuhörern und blickten auf die Realität in der Gemeinde Kirch Mulsow. „Gute Nachbarschaft muss man pflegen, wenn man sich trifft, um miteinander zu reden – das ist Dorfgemeinschaft. Wenn man sich nicht mehr trifft, weil es keinen Grund mehr gibt, auf die Straße zu gehen, weil jeder nur noch Auto fährt, sich durch die Frontscheibe zuwinkt, dann wird es schwierig“, schickte Prof. Bombeck voraus und postulierte: „Menschen im Dorf aller Generationen können sich gegenseitig helfen!“

Generell meinte Henning Bombeck noch zum Dorfleben in MV: „Alle haben sie Ideen, aber kaum einer will machen, auch nicht mehr den Vereinsvorstand. Wir haben ein Umsetzungsdefizit – aber wer nichts gibt, der kann sich nichts wünschen, da bin ich ganz hart.“ Doch in der Gemeinde Kirch Mulsow gibt es noch Macher. So kam zur Sprache – für manche im Raum eine Überraschung –, dass im Garvensdorfer Gutshaus seit Jahren Kinoveranstaltungen laufen oder dass man hier auch Tango tanzen kann (www.guteshaus.de). Am Sonntag um 14 Uhr wird im Dorf das Gemeindebackhaus eröffnet. Es gibt den Mulsower Sportverein (mit Fußball und Frauensport), zehn aktive Feuerwehrmitglieder, eine regelmäßige Skatrunde (im SV-Haus), das „Kulturhaus“ von Clausdorf mit monatlichem Billardabend, das Infoblatt „Bürgerbote“ vom Bürgermeister. „Von solchen Projekten bis zu Ihren Begegnungsorten träumen andere“, schätzte Ute Fischer-Gäde ein und bat die Runde um Hinweise, was in der Gemeinde verändert werden müsste: „Habt Ihr gar keine Probleme?“ „Doch, doch, doch!“, kam als Echo (die OZ berichtet noch darüber).

Und es gab eine Reihe von Ideen mit Macher-Zusagen. Dazu zählte das Angebot von Ines Pillat-May, die seit Juni in Kirch Mulsow wohnt, hier eine Frauentanzgruppe zu gründen: „Ich habe 27 Jahre lang getanzt und vermisse es!“„Wir brauchen nur einen Vortänzer, dann geht’s los“, antwortete Bianca Sack aus Garvensdorf. Auch der Vorschlag von Ines Pillat-May noch fix eine Silvesterparty im „Pendler-Eck“ zu organisieren fand Zuspruch: eine Handvoll Zusagen gab es sofort, auch vom Bürgermeister.

Thomas Hoppe

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