Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Neubukow „Nicht Atheismus ist das Problem, sondern die Gleichgültigkeit“
Mecklenburg Bad Doberan Neubukow „Nicht Atheismus ist das Problem, sondern die Gleichgültigkeit“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:05 29.12.2017
Neubukow

Zum Abschluss der Luther-Jahres 2017, das anlässlich des 500. Reformationsjubiläums begangen worden war, zog die OZ mit den Neubukower Pastoren Margret und Dr. Johannes Pörksen eine kleine regionale Bilanz und kam dabei auf den Zustand der Gesellschaft und die Bedeutung der Kirche in Neubukow und seiner Umgebung zu sprechen.

Seit rund fünf Jahren Pastoren in Neubukow und Westenbrügge: Margret Pörksen (r.) und ihr Mann Johannes. Sie sind Eltern von vier Kindern. Quelle: Foto: Th

Sie bekannten im Sommer- Gemeindebrief, das Sie einen „Lieblings-Luther“ hätten – den humorvollen und selbstkritischen Luther. Sie schrieben auch: „Mein Luther hat sich nicht selbst groß gemacht – weil Jesus Christus, der sich für uns alle klein gemacht hat, für ihn der Größte war“. Hat sich für Ihre Gemeinde durch dieses Gedenkjahr etwas verändert?

Dr. Johannes Pörksen: Es hat dem, was wir gemacht haben, schon ein bisschen die Form gegeben, das Gemeindeleben 2017 geprägt.

Wir haben zum Gemeindefest das Luther-Theater und einen Luther-Quiz organisiert, im Pfadfinder-Sommerlager war Luther das Thema und wir waren im Juli zum Kirchenschiff nach Wismar gefahren.

Aber spezielle Veränderungen hat das Luther-Jahr nicht gebracht. Es wäre zwar cool gewesen, wenn sich die Leute deshalb vielleicht neu auf den Weg gemacht hätten, aber das kann ich ehrlichen Herzens nicht sagen.

Die Kirche schrumpft also weiter – gerade haben wir über das drohende Ende Ihrer Nachbarkirchengemeinde in Kirch Mulsow berichtet. Was halten Sie dagegen – nur Ihren Glauben?

Dr. Pörksen: Wir machen uns schon mehr bewusst, worum es eigentlich geht. Wenn Leute motiviert sind, weil sie diese Beziehung zu Gott haben, trägt sie diese Motivation im Endeffekt – auch beim Zugehen auf die Menschen dieser Stadt und ihrer Umgebung – viel weiter und auch dauerhafter.

Margret Pörksen: Wir zählen in Neubukow derzeit unter 1000 Kirchenmitglieder und in Westenbrügge unter 200 (im Jahr 2015 waren es zusammen 1128 Mitglieder). Doch wir hatten in den letzten Jahren wenige Austritte. Da sind wir auch stolz drauf. Ein Problem ist die Altersstruktur. Im Vorjahr gab es einen Kircheneintritt in Neubukow.

Quasi als eine Weihnachtsüberraschung brachte Ihre Kirchengemeinde das 20-seitige Infoheftchen „Dein Neubukow“ in alle Haushalte der Schliemannstadt. Was hat Sie dazu gebracht?

Dr. Pörksen: In meiner früheren Kirchengemeinde wurde auch der Gemeindebrief immer an alle Haushalte versandt, nicht wie hier nur an die Kirchenmitglieder. Die Auflage von „Dein Neubukow“ betrug jetzt knapp 2000 Exemplare und ruft zum offenen Dialog auf.

Es hat doch was Gutes, wenn man irgendwie alle einbezieht – so wird es gemeinschaftlicher. Zudem kamen wir auch mit Hilfe von Meggy Wolter, die hier ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, mit den Neubukower Vereinen in Kontakt und konnten darstellen, was sie alles ehrenamtlich leisten.

Ihre Gemeinde gehört da ja selbst zu den Aktivposten in der Stadt, mit Posaunenchor, Kinderorchester, Pfadfindern ...

Margret Pörksen: Vieles läuft auch gut. Ich hatte jetzt im Krippenspiel mehr Mitspieler gehabt, als in den Vorjahren. Wir nutzen unsere Möglichkeiten, wollen das Beste daraus machen und nicht immer darauf starren, dass es weniger werden könnte. Das lenkt doch die Energie in die falsche Richtung.

Heiligabend kamen immerhin insgesamt 650 Leute zu allen drei Gottesdiensten in unsere Kirche.

Seit mindestens 220 Jahren (von 1797 ist ein vom Landesherren bestätigtes Regulativ dazu verbrieft) gibt es die Neubukower St. Georgenstiftung. Sie ist weiter aktiv, wen unterstützte die Stiftung in letzter Zeit?

Margret Pörksen: Die Stiftungskasse wird von den Pachteinnahmen des Stiftungslandes gefüllt und soll Einrichtungen fördern, die Menschen helfen, wie das Kinder- und Jugendfreizeitzentrum „Heizhaus“, „Der gedeckte Tisch“, die Pfadfinder, die evangelische Musikschule Wismar, die hier auch vor Ort aktiv ist, die Osteraktion im Fritz-Reuter-Ring, den Weihnachtsmarkt und eine Handvoll bedürftiger Einzelpersonen.

Ich bin die Vorsitzende des Stiftungsrates, wir sind dem Kirchengemeinderat beigeordnet.

Und was haben Sie sich in Ihrer Gemeinde für das neue Jahr vorgenommen?

Dr. Pörksen: Beim Lebendigen Adventskalender 2018 wollen wir unsere Kontakte zur katholischen Gemeinde (im Lutherjahr grillten wir gemeinsam im Malpendorfer Weg) nutzen, dass sie ein Türchen übernehmen, wie vielleicht auch die Stadt und andere Partner. Es soll erstmals einen Ostergarten in der Kirche geben, wo Neubukows Kinder an Stationen die Geschichte um Ostern herum nacherleben können. Wir stellen unsere Gemeindefreizeit – ein gemeinsames Wochenende – unter das Motto „Nachfolge“ (Jesus sagte, folgt mir nach...)

Margret Pörksen: Also wie kann ich Christ im Alltag sein, ist die Frage. Wir haben dafür schon über 50 Anmeldungen. Da hat sich was entwickelt. Die Leute sind mit der Gemeinde verbunden und wollen auch etwas für sich – da tut sich was. Die Gemeinschaft untereinander wird besser. Das ist schön.

Dr. Pörksen: Allerdings leben wohl generell in der Gesellschaft auch nicht wenige sehr passiv. Es ist schade, dass sich viele in ihr nettes Leben einlullen und so von den großen Fragen wegkommen, die doch so wichtig wären – Warum lebt man? Wir haben nicht ein Problem mit dem Atheismus, sondern mit der Gleichgültigkeit.

Interview von Thomas Hoppe

OZ

Mehr zum Thema

Die Royals waren in Mannschaftsstärke aufgelaufen, aber alle Augen waren nur auf sie gerichtet: Meghan Markle hat den Besuch des Weihnachtsgottesdienstes mit der Queen souverän gemeistert.

25.12.2017

Soziale Spaltung, Kriminalität, ungelöste Flüchtlingsfrage - alles wird schlimmer, glaubt laut einer Umfrage die Mehrheit der Deutschen. Warum so viel Pessimismus im Wohlstandsland? Der Glücksfaktor ist ausgereizt, erklärt Zukunftsforscher Horst Opaschowski.

26.12.2017

Obdachlosenhaus bietet 20 Betten / Tagesstätte betreut mehr Menschen

27.12.2017