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Politik Reibungsverluste in der Natur der Sache
Mecklenburg Bad Doberan Politik Reibungsverluste in der Natur der Sache
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04:03 06.09.2013
Einfach überklebt: Vor zwei Jahren haben die Ortstafeln im ehemaligen Landkreis Bad Doberan den neue Zusatznamen „Landkreis Rostock" erhalten. Quelle: Hartmut Klonowski

Annette Fink, Bürgermeisterin in Wittenbeck: „Die Kreisumlage ist gestiegen; Geld, das in unserer Gemeinde fehlt. Wenn Abgaben über die Leistungsfähigkeit einer Gemeinde hinaus gehen, ist das nicht mehr lustig. Für den Zuschnitt der neuen Landkreise hat die Landesregierung eine glatte „6“ verdient, der Landkreis für die Entscheidung zum Verwaltungssitz.“

Albrecht Kurbjuhn, Hotelier in Kühlungsborn: „Bisher sind nicht allzu viele Kosten eingespart worden, angesichts der Widerstände und Verunsicherungen in der Verwaltung selbst werden Ergebnisse wohl etliche Jahre auf sich warten lassen. Reibungsverluste waren zu erwarten. Ich glaube, wir sind noch nicht damit durch, und es könnte durchaus zwei weitere Jahre dauern.“

Beatrice Ehrler, Schauspielerin, Bad Doberan: „Die Reform wurde ohne die Menschen gemacht. Den Bad Doberanern wurde die Identität genommen. So empfinde ich das.“

Sebastian Constien, Bürgermeister in Bützow, Landratskandidat: „Keiner bestreitet, dass wir uns in einer Umbruchphase befinden und zunächst Mehraufwand betreiben müssen. Die Einspareffekte werden erst mittelfristig zum Tragen kommen.“

Björn Kinner, Feuerwehrmann in Bad Doberan: „Die Ämter, mit denen ich Kontakt hatte, waren zum Glück in Bad Doberan und somit entfiel die Fahrt nach Güstrow. Durch die Reform sind neue Feuerwehrstrukturen entstanden, eine neue Software für die Feuerwehren wurde eingeführt, mit der die Verwaltung einfacher, der Papierkram weniger wurde.“

Cornelia Kanthak, Mitarbeiterin beim DRK: „Dank meines Jobs kann ich Hort- und Kitaplatz für meine Kinder und die Wohnung selbst bezahlen. Aus Gesprächen weiß ich, dass mancher Probleme bei der Beantragung von Sozialleistungen hat. Früher war der Dienstweg zwischen DRK und Jugendamt einmal über die Straße, heute läuft viel per E-Mail und Telefon.“

Roland Dethloff, Bürgermeister in Neubukow: „Bislang hat die Reform außer Unruhe und Missstimmung nichts gebracht. Sofortige Einsparungen hatte ich auch nicht erwartet. Eine Beziehung zu Güstrow muss erst wachsen, bislang gilt es, das Gute aus dem Altkreis Doberan zu verteidigen.“

Helmut Precht, Bauer in Laage, Landratskandidat: „Die Ausmaße des Kreises sind enorm, manche Ortsnamen sind bis heute fremd. Die Erreichbarkeit und Dienstleistung für die Bevölkerung lässt zu wünschen übrig, zum Beispiel warten die Träger von Kitas sehr lange auf Zuwendungen des Kreises. Ergebnis der Reform: mangelhaft.“

Adriane van Loh, Regionalvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt: „Bürgerunfreundlich, da die Ämter bis auf wenige Ausnahmen nur an einem Standort erreichbar sind. Damit wurden auch noch ohne Not Personalprobleme inszeniert, die schädlich für Einwohner und Verwaltung sind. Persönlich habe ich viele neue Menschen kennengelernt, andere Eindrücke und Lösungsansätze erfahren und empfinde dies als große Bereicherung.“

Harry Klink, Lehrer in Rostock, Stadtvertreter in Doberan: „Dieser über die Köpfe der Menschen von Landesregierung und Landtag durchgepeitschten, aber — wegen des Bevölkerungsrückgangs — notwendigen Gebietsreform hätte eine Funktionalreform voran gehen müssen. Hier hat die Politik den Bürger wiederholt ignoriert.“

Arno Gutzmer, Chef der Doberaner Wohnungsgesellschaft: „In Sachen Kosten der Unterkunft gibt es eine zuverlässige Zusammenarbeit, Anträge im Bauamt werden jetzt in Güstrow ohne Qualitätsverlust bearbeitet, die Zusammenarbeit mit dem Katasteramt ist positiv, dies ist ja weiterhin in Bad Doberan. Die Wohnraumnachfrage hat sich durch die Ausdünnung der Kreisverwaltung nicht verschlechtert.“

Detlef Lindemann, Geschäftsführer beim Bauernverband Bad Doberan: „Im Moment habe ich noch nicht den Eindruck einer erfolgreichen Gebietsreform. Wie vermutet, wurde durch die Reform viel Unruhe in die Altkreise reingebracht, die immer noch zu spüren ist. Mitarbeiter müssen sich neu finden, es ist kein ausgeglichener Haushalt in Sicht, es gibt noch viel zu tun. Berufliche und persönliche Kontakte nach Güstrow hatte ich schon vor der Reform, das ist so geblieben.“

Detlef Galda, Lehrer in Satow: „Beide Altkreise bewegen sich aufeinander zu, spürbar ist der zunehmende Verkehr zwischen Güstrow und Doberan. Probleme gibt es beim Schülerverkehr.

Eltern, die ihre Kinder aus dem alten Nachbarkreis zu uns schicken wollen, haben Probleme. Als Hobbyfußballer betrachte ich die Reform so: Was politisch erst träge ins Laufen kommt, wird im Kreisfußballverband seit Jahren praktiziert. Aber auch hier ist der immens gestiegene Aufwand für den Spielbetrieb für viele kleine Vereine ein hoher Satz, der zu stemmen ist.“

Birgit Mersjann, Stadtvertreterin in Doberan: „Ich meine, dass der Kreis und die Kreisverwaltung noch dabei sind, sich zu finden. Daher ist es noch etwas zu früh, ein Resumee zu ziehen.

An mein neues Autokennzeichen habe ich mich gewöhnt.“

Landkreis in Zahlen
3421 Quadratkilometer groß in der Landkreis Rostock, etwa so groß wie die spanische Mittelmeerinsel Mallorca.

86 Kilometer ist die größte Ost-West-, 79 Kilometer die größte Nord-Süd-Ausdehnung, 62 km lang ist die Küste.

120 Städte und Gemeinden mit 214 889 Einwohnern gibt es.

Klaus Walter