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Politik Respekt vor Angela Merkel und Hochzeitstag auf dem Dorf
Mecklenburg Bad Doberan Politik Respekt vor Angela Merkel und Hochzeitstag auf dem Dorf
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00:00 03.09.2013
Sehlsdorf

Gerade einmal 41 Häuser gibt es in Sehlsdorf in der Nähe von Goldberg. Die Dorfstraße ist so schmal, dass die Fahrzeuge sich nur langsam aneinander vorbeischieben können. „Aber das passiert nicht so oft“, sagt Karin Strenz (45) und lacht. „So viele Leute leben hier nämlich nicht.“ Etwa 100 sind es im Dorf. Vielleicht auch ein paar mehr. Da sind sich Karin Strenz und ihr Mann nicht ganz einig. Es dauert einige Zeit, bis die Diskussion zwischen beiden beendet ist. Kurt Strenz lehnt sich im Gartenstuhl zurück und lächelt über den Tisch seiner Frau zu, die immer noch redet, und um ihre Argumente kämpft.

Er ist um einiges älter als seine Frau, ein Geschäftsmann aus Frankfurt am Main, der mit der CDU-Politikerin seine zweite Ehe führt und ihr zuliebe aufs Land nach Mecklenburg gezogen ist. „Er hat die Gelassenheit, um mich auszuhalten“, sagt seine Frau. „Ich weiß, dass ich kompliziert bin, und manchmal anstrengend.“ Vor allem ist sie direkt. „Ich habe gelernt, komplizierte Sachverhalte einfach dazustellen, das ist schließlich mein Beruf.“

Die Sonderschulpädagogin, die nach dem Mauerfall von Magdeburg nach Frankfurt am Main ging, hat 2009 das Direktmandat für die CDU in ihrem Wahlkreis gewonnen. Jetzt tritt sie wieder an.

In der Garage ihres weiß geklinkerten Hauses, das auf dem Grundstück steht, auf dem schon ihre Großeltern lebten, ist vollgepackt mit Plakaten. 1300 Stück hat sie zusammen mit ihren Helfern im Wahlkreis aufgehängt. Das ist wenig im Vergleich mit dem, was ihre Konkurrenten investiert haben. „Es zählt, was wir in den vergangenen Jahren geleistet haben“, sagt sie.

Ein halbes Dutzend Podiumsdiskussion stehen bis zum 22. September an. Bei jener Ende August in Wismar blieb ihr Platz leer. „Ich hatte in der Kirchgemeinde in Goldberg schon lange vorher zugesagt.“

Wahlkampf hin oder her.

Man braucht ihr kaum Fragen zu stellen, ein Stichwort genügt, und Karin Strenz redet. Es sind keine komplizierten Sätze, sie formuliert ihre Gedanken schnell und ohne Schnörkel.

Angela Merkel? „Mein Vorbild, ich bin stolz darauf, mit ihr in einer Landesgruppe zu sein, zu ihrer Fraktion zu gehören.“ Das klingt ein wenig nach Wahlkampf. „Nein, diese Frau ist wirklich eine Ausnahme. Sie überzeugt durch Fakten und ihre Leistungsfähigkeit lässt einen vor Ehrfurcht zusammenzucken.“ Was Außenstehende als Angst vor der Bundeskanzlerin bezeichnen, nennt Karin Strenz Respekt.

Vor ihrem Haus in Sehlsdorf steht eine Straßenlaterne, zwei Plakate hängen dort. Angela Merkel oben und Karin Strenz darunter. „Das war ein Test“, sagt die 45-jährige und lacht laut. Mit dem Fall, dass sie die Direktwahl in ihrem Wahlkreis verlieren könnte, beschäftigt sie sich nicht. „Wir haben noch viel zu tun, auch nach dem 22. September.“ Damit ist das Thema beendet.

Jeweils 14 Tage am Stück ist sie in Berlin, dann wieder 14 Tage in ihrem Wahlkreis. Zwei Wochen Urlaub hatte sie in diesem Jahr. Der Aufwand, den Politiker betreiben, wird oft unterschätzt. Im September zeigt ihr Kalender einen einzigen freien Tag, ein Montag. „Dann bin ich Zuhause, und mein Mann hört mir zu und macht Musik an.“ Richard Wagner. Das Klavier in dem gemütlich eingerichteten Haus ist nur Dekoration. Ein Instrument, so sagt sie, könne sie leider nicht spielen. Dazu fehlt einfach die Zeit. Aber ihr Russisch will sie wieder auffrischen. „Das habe ich dem kasachischen Botschafter versprochen.“

In den vergangenen vier Jahren hat sie zahlreiche Kontakte geknüpft. Sie sitzt im Untersuchungsausschuss des Verteidigungsministeriums, sie war etliche Male bei der Truppe in Afghanistan, im Sudan und auf den Marineschiffen, die am Horn von Afrika Patrouille fahren. „Unser Einsatz in den Krisengebieten ist wichtig, leider wird er viel zu wenig gewürdigt.“ Sie kämpft für ihre Ideen, und für das Hintergrundwissen verbringt sie Weihnachten auch schon im gepanzerten Wagen in Kabul. „Mein Mann kann damit umgehen.“ Kurt Strenz nickt und blickt zu seiner Frau. Er unterstützt sie seit 20 Jahren.

Als sie sich kennenlernten stand sie in einem Verkaufswagen auf dem Wochenmarkt in Frankfurt am Main, um sich das Geld für ihr Zusatzstudium zu verdienen. Der Wagen, beziehungsweise das Geschäft, zu dem der Wagen gehört, war das Geschäft von Kurt Strenz. Die Studentin aus dem Osten und der Geschäftsmann aus dem Westen. Ein kleines Märchen, das in der Mecklenburger Provinz seine Fortsetzung findet.

Am Sonntag wurde im Fernsehen das Duell zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück übertragen. Pflichtprogramm für Karin Strenz. Aber: „Nicht in Berlin, sondern hier zu Hause, mit einer guten Flasche Rotwein“, sagt Kurt Strenz. Es war ihr 18. Hochzeitstag.

Michael Prochno