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Rostocker Modell setzt auf ambulante Hilfe

Rostock Rostocker Modell setzt auf ambulante Hilfe

400 psychisch kranke Menschen können so ein eigenständiges Leben führen.

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Thomas (l.) baut in der Holzwerkstatt unter Anleitung von Ergotherapeut Lars Stähr (r.) Auslaufboxen für Kaninchen.

Quelle: Doris Kesselring

Rostock. Die Krankheit ist Thomas nicht anzusehen und doch belastet sie ihn. Der Rostocker leidet an Schizophrenie, seit 23 Jahren schon. Als Schiffsmotorenschlosser ist er mal zur See gefahren, hat später eine Umschulung zum Schweißer begonnen und ist doch immer wieder der Krankheit wegen an seine Grenzen gestoßen. Thomas ist nicht sehr belastbar, in Krisen antriebslos, in seinen Wahrnehmungen, seinem Denken teilweise gestört.

Lange Zeit wohnte der 45-Jährige bei seinen Eltern, doch seit elf Jahren kann er ein eigenständiges Leben führen. Er hat eine eigene kleine Wohnung, arbeitet an mehreren Tagen in einer Holzwerkstatt in der Tagesstätte „Tagewerk“ der Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik (GGP) in Dierkow. Hier nimmt er Sportangebote wahr, beteiligt sich an Gesprächsrunden und Spielenachmittagen.

Thomas ist Nutznießer des sogenannten Rostocker Modells. Es ist ein modernes Hilfesystem mit einer bestimmten Versorgungsstruktur, das die Hansestadt Rostock gemeinsam mit den Trägern Awo-Sozialdienst Rostock und GGP entwickelt hat. Mehr ambulante Hilfen und Behandlungsstrukturen, weniger stationäre Plätze, das ist der Sinn des 2005 gestarteten Projektes. Inzwischen profitieren rund 400 Menschen mit psychischen Erkrankungen von diesem Modell, mit dem Rostock bundesweit eine Vorreiterolle einnimmt. „Während vielerorts behinderte Menschen überwiegend in Heimen leben müssen, vollzieht sich die Versorgung in Rostock zumindest für seelisch Behinderte zu über 90 Prozent in der Gemeinde“, berichtet Thomas Utermark von der GGP.

Stationäre Behandlung sei wichtig, auch Thomas benötige sie immer wieder mal in psychischen Krisen. Doch sich mit ambulanten Hilfen an der Lebenswelt des Betroffenen zu orientieren, das zeichne das Modell aus, so Utermark. „Jeder Bürger, der bei der Sozialbehörde einen Antrag auf Eingliederungshilfe aufgrund einer psychischen Erkrankung stellt, wird in der Hilfeplankommission angehört“, beschreibt Utermark das Procedere. Sozialamt, Awo, GGP, Gutachter beraten hier gemeinsam mit dem Klienten seinen Weg.

„In Rostock gibt es keine platzbezogene Finanzierung mehr, sondern individuelle Hilfe nach Minuten“, erklärt Utermark. Je nachdem, wie viel Unterstützung ein Betroffener braucht, wird von allen Beteiligten ein Komplexpaket geschnürt, das je nach Zustand auch wieder verändert werden kann. „Das bringt mehr Flexibilität, wir begleiten ambulant, fangen in Krisen auf, können Angebote hoch-, aber auch zurückfahren“, so Utermark. Das Modell funktioniere ohne größeren Kostenanstieg. „Das Geld in der Eingliederungshilfe wird nur anders verteilt“, sagt der Fachmann.

Das überregionale Interesse am Rostocker Modell ist groß. Es wird neben anderen individuellen Projekten heute und morgen auf der Bundestagung des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie in Rostock vor 200 Therapeuten, Sozialarbeitern und Fachärzten erläutert. Der Kostendruck auf Kommunen ist immens. Erhielten im Jahr 2000 bundesweit noch 414 000 behinderte Menschen Leistungen der Eingliederungshilfe von insgesamt über 8,3 Milliarden Euro, waren es 2010 bereits 630 000 Menschen und fast 12,5 Milliarden Euro.

Weniger stationäre Plätze
2005 wurde in Rostock ein Kooperationsmodell initiiert, mit dem sich die Stadt und das Land MV sowie Einrichtungen und Träger der Versorgung psychisch kranker Menschen (Awo und GGP) für einen tiefgreifenden Strukturwandel des Hilfesystems und seiner Refinanzierung entschieden haben. Im

Ergebnis dieses Rostocker Modells wurden massiv stationäre Heimplätze ab- und ambulante Hilfen ausgebaut. Heute und morgen findet die Bundestagung des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie in Rostock statt.

 

Doris Kesselring

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