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Bad Doberan „Rostocks Vergangenheit liegt in unseren Händen“
Mecklenburg Bad Doberan „Rostocks Vergangenheit liegt in unseren Händen“
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14:54 06.09.2018
Historiker Höffer rekonstruiert mit Studenten Stasi-Fälle und erklärt, dass die umfunktionierte Verkollerungsmaschine, ursprünglich eine Kartoffelsortiermaschine, zur Vernichtung von Stasi-Akten eingesetzt wurde. Foto: Rabea Osol
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Was die Diktaturen in Rostock getan haben, darf nicht in Vergessenheit geraten!, sagt Volker Höffer, Leiter der Außenstelle der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) und promovierter Historiker. Jene Überzeugung gehöre zur Essenz seiner Arbeit und seines Lebens. So beteiligte er sich aktiv an der friedlichen Revolution 1989/90. Nicht nur der Nationalsozialismus hinterließ seine Spuren. Auch 40 Jahre Deutsche Demokratische Republik haben das Leben von Zeitzeugen wie Höffer stark geprägt.

Interessant ist nun, was die Jugend heute über die Geschichte denkt. Der Rostocker Student Phillipp Müller (22) etwa bezeichnet den Zeitraum vor dem Hintergrund der 800-jährigen Stadtgeschichte lediglich als „Mückenstich“. Historiker Höffer meint dazu, die Schwellung dieses Mückenstichs sei für viele ehemalige DDR-Bürger noch nicht zurückgegangen. Und: Darin liege ein großes Konfliktpotenzial. Vor allem die Meinungen über den öffentlichen Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit gehen stark auseinander. Die Annäherung an die Thematik erfolge zu zögerlich, auch vonseiten städtischer Mitarbeiter, die schon damals in Rostocks Verwaltung arbeiteten, erklärt Höffer. Gleichzeitig lobt er die positiven Signale seitens des Oberbürgermeisters Roland Methling, der jüngst bekanntgab, dass sich die Stadt künftig in die Arbeit der Dokumentations- und Gedenkstätte einbringen wolle.

Xenia Pechmann (22) Studentin aus Rostock meint: „Abgesehen vom August-Bebel-Tower merke ich nichts vom Osten“. Quelle: Rabea Osol

DDR kein Bestandteil des Schulunterrichts

Solche Fortschritte würden allerdings viel zu langsam erfolgen, so Höffer. Die sozialistische Vergangenheit sei ein fester Bestandteil der Landesgeschichte von MV. Folglich herrsche eine gewisse „staatliche Verpflichtung“, dass sich die Gesellschaft auch mit den dunkleren Seiten der Historie beschäftigt. Höffer schätzt den Stand unseres Bundeslandes im Vergleich zu anderen Ländern dennoch als fortschrittlicher ein, wenngleich er die Geschichtsvermittlung in den Bildungseinrichtungen als problematisch betrachtet. In nicht wenigen Schulen sei das Thema DDR nur geringfügig Gegenstand des Unterrichts.

„Ich kann mich kaum daran erinnern, dass wir in der Schule überhaupt einmal ausführlich über Ost und West gesprochen haben“, erzählt der Student Philipp Walter (22) aus Rostock. Er machte vor drei Jahren sein Abitur in der Nähe von Hannover. Auch seine Kommilitonen aus den neuen Bundesländern teilen ähnliche Erfahrungen. Xenia Pechmann (22), die in Bad Doberan zur Schule ging, erinnert sich nur an wenige Auseinandersetzungen im Unterricht mit dem Thema. Doch ist sie der Meinung, dass diese Basis ausreicht. „Wir haben ja bereits einen guten Background durch die Übermittlung unserer Eltern“, begründet sie.

Laut Höffer resultiert die geringe schulische Zuwendung auch aus der Scheu oder dem fehlenden Interesse mancher Lehrkräfte. Überdies sei es die Aufgabe der Unis, die Geschichte gezielter in die Ausbildung zukünftiger Lehrer einfließen zu lassen. Von einer solchen Motivation der Uni Rostock spüren die Studenten indes nichts. Marleen Goedecke (21) hat vielmehr den Eindruck, dass der Aufbereitung der städtischen Vergangenheit kein ausreichender Stellenwert zugeschrieben wird. „Es wird mehr Wert auf andere Perioden der Stadtgeschichte gelegt. Vielleicht liegt das daran, dass die DDR-Geschichte nicht so berauschend war. Andere Abschnitte lassen die Stadt eventuell besser dastehen“, mutmaßt sie.

Dem schließen sich auch Philipp Walter, Phillipp Müller und Xenia Pechmann an. Jeder von ihnen bestätigt, dass auch in der jungen Generation noch immer Differenzen zwischen Menschen mit ost- und westdeutschen Wurzeln vorhanden sind, diese aber nur eine untergeordnete Rolle spielten. Phillipp Müller: „Ich denke nicht über Ost und West nach, sondern darüber, was auf mich zukommt.“

„Ich sehe mich als Wessi, fühle mich hier aber nicht fremd“, sagt Philipp Walter (22) Student aus Rostock.

„Junge Leute können Situation nicht nachempfinden“

Übereinstimmung finden die Studenten in der Hinsicht, dass Rostock nicht als DDR-Stadt definiert werden sollte, sondern als Hanse- und Universitätsstadt. Für diese Neutralität der jungen Bevölkerung gegenüber der sozialistischen Vergangenheit hat Höffer, der den gesellschaftlichen Wandel Ende der 1980er Jahre selbst als Student miterlebte, eine Erklärung: „Ich hatte damals das Gefühl, dass etwas ganz Besonderes passiert. Die jungen Leute heute können die damalige Situation nicht so nachempfinden wie wir Dabeigewesenen. Sie blicken auf diese Zeit als rein historische Zeit zurück und betrachten sie deshalb meist so undifferenziert wie viele andere weit zurückliegende Ereignisse.“ Dabei zeigen Menschen wie Höffer schon durch ihren Beruf, wie bedeutsam es ist, dass das Thema DDR-Vergangenheit im Bewusstsein der Stadt erhalten werden muss. „Wir müssen uns bewusst machen, welche Wunden die Vergangenheit aufgerissen hat“, so Höffer.

Die Historie lehrt uns darin, das eigene Leben zu gestalten. Diese Einschätzung vertritt auch der Geschichtsdidaktiker Prof. Oliver Plessow von der Uni Rostock. „Wir beschäftigen uns nicht mit der Vergangenheit der Vergangenheit wegen, sondern weil wir in der Gegenwart etwas für die Zukunft beitragen möchten. Wir versuchen uns selbst aus der Geschichte zu erklären.“. Dies ist vor dem Hintergrund moderner Geschehnisse eine bedeutende Komponente der öffentlichen Bildung. „Geschichte muss bewahrt werden, egal ob sie gut oder schlecht war“, sagt Xenia Pechmann.

„Rostock sollte man nicht nur als Oststadt definieren“, meint der Student Phillipp Müller (22) aus Rostock.

Experten bleiben kritisch

Für die Zukunft sind die Studenten optimistisch. Sie alle fühlen sich verbunden mit dem Teil von Deutschland, in dem sie ihre Wurzeln haben. Xenia Pechmann bezeichnet den Osten mit Stolz als einen Teil von sich. Philipp Walter behauptet gern, ein „Wessi“ zu sein. Trotzdem sind sie überzeugt, dass ihre Kinder keine Unterschiede zwischen den einst getrennten Kulturen mehr wahrnehmen werden. Die Experten schauen dagegen kritischer in die Zukunft. Es sei noch lange kein gemeinschaftlicher Konsens gefunden, so Plessow. Er spricht von dem Aufeinandertreffen verschiedener Milieus, die spezifische Erinnerungen mit sich tragen. Da wären etwa die Antikommunisten und die alternative Szene, aber auch die seit 1989 Zugewanderten, zu denen er selbst gehört. Diese Mischung werde noch lange vor allem in öffentlichen Diskussionen für emotionale Zerrissenheit sorgen.

Bildungseinrichtungen, wie die BStU und die Uni Rostock, werden weiterhin dazu beitragen, die Erinnerungen an jene Epoche zu erhalten und mit Vernunft und Sachkenntnis zu füttern, damit der Mantel des Schweigens keine Chance erlangt, sich auszubreiten.

Rabea Osol

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