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Bad Doberan Tief berührt und dankbar: William Wolff ist Ehrenbürger
Mecklenburg Bad Doberan Tief berührt und dankbar: William Wolff ist Ehrenbürger
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00:05 13.06.2017
William Wolff trägt sich unter den Augen von Joachim Gauck und Roland Methling ins Ehrenbuch der Stadt ein. Quelle: Foto: Dietmar Lilienthal
Rostock

„Ich bin tief berührt, das bedeutet mir sehr viel“, sagt William Wolff, als er nach dem Festakt beim Empfang in der Rathaushalle viele Hände schütteln musste. Die Hansestadt Rostock ließ dem Landesrabbiner von Mecklenburg- Vorpommern die größtmögliche Ehre zuteil werden, die sie vergeben kann. Der 90-Jährige erhielt als vierte Persönlichkeit seit 1990 das Ehrenbürgerrecht. Die Laudatio hielt der Mann, der 2012 geehrt wurde: der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck.

Festakt im Rathaus / Joachim Gauck sprach die Laudatio

„Die Auszeichnung erfüllt meine Seele mit unendlicher Dankbarkeit“, bedankt sich der Rabbiner in seiner bescheidenen Art. „Es ist eine Freude zu sehen, wie sich jüdisches Leben in meiner Heimatstadt entwickelt hat“, stellt Joachim Gauck fest, und das sei vor allem ein Verdienst von Rabbi Wolff. „Er war die richtige Person zur rechten Zeit.“ Es habe ihn berührt wie Wolff, der 1933 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten floh, nach 1990 wieder auf Deutschland zugekommen ist. Weder Fremdenfeindlichkeit noch Antisemitismus noch Holocaust hätten aus Wolff einen verbitterten Menschen gemacht. „Wir alle sind dankbar dafür, dass Sie heute einer von uns, ein Rostocker, geworden sind.“ Wolff habe sich noch im hohen Alter eine Neugier erhalten, die andere Menschen im Leben nie hatten.

In Richtung Rabbiner, der noch heute zwischen seiner englischen Heimat und Mecklenburg hin und her reist, unterstreicht Gauck: „Mit Ihrer Offenheit zeigen Sie, dass uns das Unbekannte nicht erschrecken muss.“

Die Verleihung der Ehrenbürgerschaft wurde im März von der Bürgerschaft beschlossen. „Mit seinem steten Bemühen um den interreligiösen Dialog hat William Wolff das politische und kulturelle Leben in der Hansestadt Rostock wesentlich geprägt“, heißt es in der Begründung. Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) nennt den Rabbiner einen Brückenbauer, zwischen den Kulturen, den Religionen und den Generationen. „Es waren immer sehr persönliche Brücken.“ William Wolff sei kein Staatsmann, „aber ein Mensch mit einer unverwechselbaren Stimme, die jederzeit bereit ist, sich einzumischen in religiöse Angelegenheiten, und eine Stimme, die sich nachdenklich, kritisch, aber optimistisch zu gesellschaftlichen Prozessen zu Wort meldet“, hebt Bürgerschaftspräsident Wolfgang Nitzsche (Linke) hervor.

„Das Ehrenbürgerrecht soll heute, durchaus anders als noch vor Jahrzehnten und vor Jahrhunderten, außergewöhnliches Engagement für den Zusammenhalt in unserer Stadtgesellschaft auf der Basis von Demokratie und Vielfalt in den Fokus rücken“, erklärt OB Roland Methling. Viermal hat die Stadt seit 1990 das Ehrenbürgerrecht verleihen. „Alle diese vier Rostocker Ehrenbürger stehen für zutiefst demokratisches Engagement.“

150 Gäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen hatten sich im Rathaus versammelt. Unter ihnen auch Hildegard Kempowski, Witwe des Schriftsteller und Ehrenbürgers Walter Kempowski. „Ich war zu Lesungen in der Stadt, aber für so eine tolle Veranstaltung wäre ich auch extra angereist.“ Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Juri Rosov ist dankbar für diesen Tag. „Wir ehren eine herausragende Persönlichkeit.“ Besonders gefreut hat Rosov, dass Alt-Bundespräsident Joachim Gauck sich so positiv über die Entwicklung jüdischen Lebens in der Hansestadt äußerte. 75 jüdische Mecklenburger hätten den Holocaust überlebt und heute zähle allein die Gemeinde in Rostock 620 Mitglieder. „Das ist Grund zum großen Staunen und zu tiefer Dankbarkeit“, sagt Gauck. Mit dem Gebäude der heutigen Synagoge in der Augustenstraße verbinde er übrigens eine sehr persönliche Erinnerung. Dort hatte er als Kind die Schulbank gedrückt.

1933 aus Berlin geflohen

William Wolff wird als deutscher Jude 1927 in Berlin geboren, flieht 1933 mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam und 1939 nach England. Dort arbeitete er später lange als Journalist. Im Alter von 50 Jahren studiert Wolff Jüdische Theologie und nimmt die Herausforderung an, in Deutschland, dem Land, von dem der Holocaust ausging, als Rabbiner zu wirken. Sein Streben nach Versöhnung und Integration trug dazu bei, dass er 2002 Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern wurde und somit für die Jüdischen Gemeinden Rostock und Schwerin verantwortlich ist.

27 Männern wurde seit 1816 das Ehrenbürgerrecht verliehen die höchste Auszeichnung, die Hansestadt Rostock vergeben kann. Der erste Geehrte war Gebhard Leberecht Fürst von Blücher. Fünf Personen wurde die Auszeichnung von der Stadt wieder aberkannt. Seit 1990 ist William Wolff der vierte Rostocker Ehrenbürger. Vor ihm wurden der Historiker Yaakov Zur (1993), Schriftsteller Walter Kempowski (1994) und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck (2012) geehrt.

Thomas Niebuhr

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