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Bad Doberan Polizei übt auf Halbinsel Wustrow: Minister ist alarmiert
Mecklenburg Bad Doberan Polizei übt auf Halbinsel Wustrow: Minister ist alarmiert
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18:21 15.04.2019
Aus- und Fortbildung auf der Halbinsel Wustrow: Das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern trainiert im Schnitt vier Mal im Jahr in der Gartenstadt. Sie liegt nicht im Naturschutzgebiet. Quelle: Rolf Barkhorn
Rerik

 Maschinengewehrfeuer ist zu hören, Sprengungen sind zu sehen: Auf der Halbinsel Wustrow haben im März Polizeiübungen stattgefunden. Für die Bürgerinitiative „Wir für Rerik“ sowie Tier- und Naturschützer ein Unding, denn das Kleinod bei Rerik ist Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiet. Die Bürgerinitiative hat sich jetzt mit einen Schreiben an Landrat Sebastian Constien (SPD) gewandt und ihn aufgefordert, das „unsägliche Treiben auf der Halbinsel Wustrow zu unterbinden“. Auch die Ortsgruppe Salzhaff-Rerik des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) protestiert seit Jahren gegen die immer wieder stattfindenden Übungen. Landesumweltminister Till Backhaus (SPD) ist alarmiert.

„Immer mal wieder sieht man Explosionen“, schildert Andreas Schwienhorst von der BUND-Ortsgruppe. „70 Prozent der Arten, die wir im Salzhaff haben, sind störanfällig für Lärmemission. Jegliche Art von Lärm, kombiniert mit Bewegung, stört die Vögel gewaltig.“ Im Bereich des Salzhaffs lebten Blässgänse, Säbelschnäbler und Zwergschwäne.

„Die Halbinsel wird schon jahrelang für solche Übungen genutzt. Wir haben immer wieder dagegen protestiert. Der Erfolg war dürftig, wir konnten nicht verhindern, dass die Übungen stattfinden“, so Schwienhorst. Aber Helikopter und Flugzeuge würden nicht mehr über das Salzhaff fliegen, zumindest das habe die Ortsgruppe mit Verweis auf die zu schützenden Tiere verhindern können.

Als verbotene Insel wird sie bezeichnet: Mehr als 80 Jahre war die Halbinsel Wustrow für die Öffentlichkeit gesperrt, war lange Zeit Militärgebiet. Seit 2018 lässt Eigentümer Anno August Jagdfeld wieder Bürger und Gäste auf das Kleinod bei Rerik. Auf der Kutsche oder bei geführten Wanderungen zu Fuß kann die Halbinsel besichtigt werden.

Die Blengowerin Carmen Wilke ist verärgert: „Ich habe die Schießerei gehört. Sie war kurz, aber heftig. Die Vögel waren danach lange in Aufruhr“, erzählt die 59-Jährige, die im Tierschutz aktiv ist. „So was in der Brutzeit zu machen, ist unverantwortlich. Wer erteilt dafür die Genehmigung?“, möchte sie wissen. „Dadurch werden Tatsachen geschaffen. Die Tiere kommen nicht wieder.“

Bürgerinitiative schreibt an Landrat

„Es ist uns vollkommen unverständlich, wie in einem hochsensiblen Gebiet in der Nähe von Menschen, Landschaftsschutzgebiet, Naturschutzgebiet und Vogelbrutgebieten von Tieren, die zum Teil auf der roten Liste stehen, solche Übungen erlaubt werden können“, schreibt die Bürgerinitiative „Wir für Rerik“ an den Landrat. Die Initiative setzt sich dafür ein, dass kein zusätzlicher Bau-, Individual- und Versorgungsverkehr durch Rerik für den geplanten Ausbau der Halbinsel Wustrow fährt. 5364 Unterschriften seien laut Ulrike Feine, Mitglied der Initiative, dafür bisher gesammelt worden.

Die Mitglieder erwarten einen sofortigen Stopp des „völlig inakzeptablen Einsatzes“. Doch nicht nur dieser weckt den Unmut. „Wir wissen nicht, was passiert, hören es nur und sehen, wenn der Qualm in den Ort zieht“, sagt sie. Letzteres bezieht sich auf eine Brandrodung, die im Februar auf der Halbinsel stattgefunden hat. Zuletzt waren auch Bäume gefällt worden.

Baumfällungen nicht genehmigt

Die Brandrodung sei genehmigt gewesen, teilt Landkreissprecher Michael Fengler mit: „Der Zeitpunkt hätte dem Umweltamt jedoch längerfristig angekündigt werden müssen, was unterblieben ist. Das Umweltamt hat die weitere Durchführung der Brandrodung untersagt.“

Ein Nachspiel werden die Baumfällungen haben. „Die Fällungen in der Gartenstadt in einem Baumbestand, der nicht als Wald gilt, waren nicht genehmigt. Es wird dazu eine Anhörung geben. Weitere Fällungen sind beim Umweltamt genehmigungspflichtig.“

Über die Polizeiübungen auf der Halbinsel war der Landkreis Rostock laut Fengler nicht informiert: „Die Kreisverwaltung ist Hinweisen jedoch unmittelbar nachgegangen.“ Für weitere Auskünfte verweist der Landkreis an die Entwicklungs-Compagnie Wustrow (ECW) und das Innenministerium.

Eigentümer verweist an Landeskriminalamt

Die ECW gehört zu Anno August Jagdfeld, der die Halbinsel 1998 von der Treuhand kaufte und laut Aussagen im Dezember eine kleinteilige und nachhaltige Entwicklung der Insel plant. Ein Statement zu den Übungen gibt es nicht. ECW-Sprecher Christian Plöger verweist auf das Landeskriminalamt.

Die Brandrodung sei notwendig, um den Lebensraum für die Bodenbrüter zu erhalten. Es sei ein erprobtes Verfahren im Sinne des Naturschutzes. Weiterhin sei Gestrüpp beseitigt worden, damit Wege befahrbar blieben.

Das Landeskriminalamt MV (LKA) bestätigt die Übungen auf der Halbinsel Wustrow. Seit mehreren Jahren werde diese für die taktische Aus- und Fortbildung genutzt, durchschnittlich einmal im Quartal, informiert LKA-Sprecher Matthias Rascher. Grundlage dafür bilde ein Nutzungsvertrag zwischen LKA und ECW.

Landeskriminalamt: Gute Bedingungen für Aus- und Fortbildung

„Die auf der Halbinsel vorhandenen Liegenschaften bieten in Kombination mit der umgebenden Vegetation und der Umfriedung des Geländes gute Bedingungen für bestimmte Maßnahmen der Aus- und Fortbildung. Die Nutzung des Geländes erfolgt mit Blick auf Landschafts- und Naturschutzbelange in einem verantwortungsbewussten und schonenden Maß“, so Rascher.

Blick auf Rerik von der Halbinsel Wustrow. 900 Hektar der Halbinsel sind Schutzgebiet. Quelle: Anja Levien

„Alle Aus- und Fortbildungsmaßnahmen, auch der polizeiliche Umgang mit Waffen, finden jeweils nur mit vorheriger Zustimmung der Betreibergesellschaft statt und werden ausschließlich in dem Teil der Halbinsel Wustrow durchgeführt, der nicht als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Ein Betreten oder eine Schussabgabe in Richtung des Naturschutzgebietes finden nicht statt.“

Geschosse würden nicht in das Erdreich eindringen und genauso wie Geschossreste und Patronenhülsen sachgerecht entsorgt: „Unvermeidbare Lärmbelästigungen für die Öffentlichkeit werden aufgrund der Lage auf ein möglichst geringes Maß reduziert.“

Innenminister hat keine Bedenken

Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hat die Sorgen der Reriker zu den Polizeiübungen erreicht. „Verträge sind vorhanden. Wenn die Belange des Naturschutzes eingehalten werden, habe ich damit kein Problem“, sagt er. Die Truppen müssten Möglichkeiten haben zu üben. Die Übungen fänden seit Jahren statt. „Ich bin erstaunt, dass das jetzt zu mir kommt“, sagt Caffier in Bezug auf die aktuellen Reaktionen.

Umweltminister überrascht von Übungen

Till Backhaus, Minister für Landwirtschaft und Umwelt, äußerte sich verwundert über die Vorkommnisse auf der Halbinsel Wustrow: „Mich persönlich haben die Hinweise auf die Übungen der Sicherheitsorgane in der alten Garnisonsstadt auf der Halbinsel Wustrow sehr überrascht“, sagt er. „Ich lehne diese Übungen in diesem sensiblen Gebiet ab. Deshalb habe ich mich unverzüglich an das Innenministerium gewandt, das mir die Hinweise aus der Bevölkerung bestätigt hat und bin ebenfalls im Gespräch mit dem Landrat.“

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Anja Levien

Die rund 1000 Hektar große Halbinsel Wustrow hat eine wechselvolle Geschichte. Sie ist vor allem durch die Wehrmacht und vom Sowjet-Militär in den Jahren zwischen 1933 bis 1993 geprägt. Seit 1998 ist die Insel in Privatbesitz von Anno August Jagdfeld.

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