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Bad Doberan Vom Eis-Maxe ging Schlange bis zur Post
Mecklenburg Bad Doberan Vom Eis-Maxe ging Schlange bis zur Post
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00:34 15.06.2018
Kröpelin

„Mensch, wi moken Ies!“, soll der Heureka-Ruf von Hans Reißig gewesen sein, als er und seine Frau Leni für ihren Ende 1954 ganz von der staatlichen Molkerei übernommenen Kröpeliner Laden an der Wismarschen Straße schon nach ein paar Monaten keine lichte Zukunft mehr sahen. „Vom Milchverkauf allein konnten wir nicht leben. Damals gab es ja noch die Lebensmittelkarten, Kinder bekamen täglich nur einen Viertelliter Milch...“, erinnert sich Leni Reißig und ergänzt: „Wir haben uns dann 1955 einen schönen Kühlschrank besorgt, von der Kühltechnik in Rostock eine nagelneue Eismaschine. Das ging ganz gut.“

„Eis-Maxe“ wird das Schild bei Reißigs genannt. Die Tochter von Lina Reißig (r.), Margot Gräfe, zeigt, wo es bis 1985 aufgehängt wurde. Gefertigt hatte „Eis-Maxe“ der Doberaner Maurermeister Wolfgang Busch. Quelle: Foto: Hoppe
Leni Reißig und ihre Tochter 1956 an der Wismarschen Straße. Nicht nur die Fahne zeigte an, dass Reißigs Eis zum Verkauf bereit war, gelegentlich bummelte auch Margot als Erste mit einem Eis durch die Stadt. Quelle: Foto: Privat

Doch in der Stadtverwaltung soll bei der Genehmigung für diese Eisdiele gemauert worden sein. Nach dem Motto: „Wer macht denn noch privat?“ Zudem sollen manche im Rathaus gemeint haben, dass Kröpelin auch keinen zweiten Eisladen brauche, da ja an der Ecke Hauptstraße/Bützower Straße „Fräulein Schulz, die Tante vom Friseur Klaus Schulz“ bereits die Leckerei anbot.

„Dann haben wir uns das erkämpft!“, erzählt Leni Reißig mit harter Stimme weiter. Bürgermeister Siedler hätte dem jungen Existenzgründer-Paar zudem den Rücken gestärkt, nachdem vom Amt bereits die Einrichtung einer Eisdiele an der Wismarschen Straße abgelehnt worden war. „Lasst euch das nicht gefallen, beschwert euch“, soll der Rathauschef den Reißigs geraten haben, was sie dann auch mit Unterstützung des Bürgermeisters taten. Erfolgreich – denn prompt genehmigte der Rat des Kreises die neue Eisdiele, allerdings mit Auflagen: „Wir mussten unseren bisherigen kleinen Milchladen zur Eisdiele umbauen und den großen Raum daneben als Milchgeschäft. Das leuchtete uns auch ein, denn um Eiskugeln zu verkaufen brauchte man ja kaum Platz“, blickt Leni Reißig auf ihre „kleinkapitalistische Wirtschaft“ zurück, wie das zuständige Finanzamt ihren Laden in den Akten führte. Im Milchgeschäft gab es außer der Milch auch Quark, Käse, Eier und Butter.

Über Letztere weiß die Ladenbesitzerin noch zu berichten, dass in den Zuteilungszeiten der 1960er Jahre zum Beispiel montags ein gefrorener 25-Kilo-Block „Russenbutter“ geliefert wurde. „Aber dienstags war im Geschäft Buttertag und deshalb musste am Vorabend die ganze Familie ran und packte die vom Vater mit einem Stahldraht zerteilten Butterstücke in Pergamentpapier ein“, erinnert sich auch die Tochter, Dr. Margot Gräfe. Sie weiß auch noch ganz genau, wie sie später in den 1970er Jahren oft den „Eis-Maxe“ über dem Eisdielenfenster anbrachte. „Davor hatten wir eine Eisfahne, bis mein Onkel den Maxe als Geburtstagsgeschenk fertigte“, erzählt die heutige Wahlkühlungsbornerin. Ihr Onkel war Wolfgang Busch, ein Maurermeister in Bad Doberan, der mehrmals den einstigen Holzschwan am dortigen Münster restaurierte. Leni Reißig denkt noch lächelnd daran, wie ihr jüngster Sohn eines Tages aus der Schule kam und rief: „Muuttiii, die stehen bis zur Post’. Ich antwortete nur, mach mich nicht krank. Aber das hat noch Spaß gemacht. Wenn heute in fünf Minuten einer kommt, ist das doch schlimm – wie es mein Mann mal an einem Eisstand erfahren hat“.

Wenn der Eis-Maxe draußen hing, eilte die Kundschaft herbei. „Von 1956 bis 1968 haben wir keinen Urlaub gemacht“, erzählt die Ladeninhaberin und erinnert daran, wie sie in den 1970er Jahren in einem Urlaub in Thüringen und Berlin gar auf die Suche nach Eiswaffeln gegangen waren, wegen eines Lieferengpasses. „In Barth wurde dann eine russische Waffelmaschine aufgestellt. Da klebten aber immer zehn Dinger zusammen. Die mussten wir einzeln auseinanderziehen.“ 1975 schafften sich die Reißigs einen Softeis-Freezer an.„Das war gut für uns, denn im Herbst hatte ich sonst Schwielen an den Händen, von der Kelle. Die Kinder hatten schon viel Geld und kauften sich für 50 Pfennig fünf Kugeln...“, sagt Leni Reißig.

Heutzutage soll es immer noch hin und wieder passieren, dass sie in Kröpelin auf der Straße mit den Worten begrüßt wird: „Guten Tag Frau Reißig, bitte eine Kugel Eis für 10“. „Ganz ist man noch nicht vergessen und das finde ich gut“, freut sich die 89-Jährige darüber. Sie fände es auch wunderschön, wenn es in Kröpelin wieder eine Eisdiele gebe und verweist darauf: „Herr Schütt gegenüber am Pferdemarkt hat doch Räume zur Verfügung“.

Wie Bürgermeister Thomas Gutteck dazu sagt, kann der Wunsch nach einem Eisladen noch nicht erfüllt werden: „Wir haben aber in dieser Sache Gespräche geführt, dachten dabei auch an Flächen für einen entsprechenden Außenbereich“.

Speiseeis-Angebot in Kröpelin

1930er Jahre: Da fuhr ein Herr Möhring aus der Bützower Straße mit seinem Eiswagen (Lina Reißig: „Da waren so zwei hübsche Deckel drauf“) durch Kröpelin. Auch im Stadtholz soll in dieser Zeit bereits Speiseeis verkauft worden sein.

1950er Jahre: Den ersten so richtig „stationären Eisverkauf“ startete laut Leni Reißig „Fräulein Schulz mit ihrer Eisdiele an der Ecke Hauptstraße/Bützower Straße“.

1956 bis 1985: produzierte und verkaufte Leni Reißig vor allem Vanille- und Schoko-Eis-Kugeln und ab 1975 auch Softeis in der Wismarschen Straße.

1985: produzierte und verkaufte Rainer Arndt im heutigen Marktstübchen (ehemaliges Hotel Haase) für ein paar Jahre Speiseeis. Quelle: Leni Reißig

Thomas Hoppe

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