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Bad Doberan Wenn Menschen einfach verschwinden
Mecklenburg Bad Doberan Wenn Menschen einfach verschwinden
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00:06 15.05.2018
Fast täglich verschwinden Menschen in der Hansestadt Rostock. Vor allem Jugendliche aus Betreuungseinrichtungen werden vermisst gemeldet.
Rostock

Es ist ein beunruhigender Trend: Die Zahl der Vermissten hat erheblich zugenommen. „Ganz besonders verschärft hat sich die Situation im vergangenen Jahr“, sagt Peter Range, Leiter des zuständigen Sachgebiets „Leben und Gesundheit“ im Kriminalkommissariat. 1007 Vermisste wurden 2017 der Polizei gemeldet. Damit sind in nur einem Jahr erstmals mehr als Tausend Menschen in Rostock verschwunden. Ein trauriger Rekord.

Mehr als 1000 Menschen wurden im Jahr 2017 in Rostock vermisst. Die Zahl steigt, aber eine Lösung ist nicht in Sicht.

„Wir haben jeden Tag mit Vermissten zu tun“, sagt Peter Range. Elf Mitarbeiter arbeiten in dem zuständigen Sachgebiet. Die Suche nach Vermissten ist nur ein Teil ihrer Aufgaben. Und mit dem Frühjahr und Sommer werden wieder mehr Menschen vermisst. Range meint, dass der Aufwand weiter zunimmt. Die Zahlen geben ihm recht: Schon 351 Personen (Stand 30. April) wurden 2018 vermisst gemeldet. Zum Vergleich: 2017 waren es im gleichen Zeitraum 289.

Der Löwenanteil – rund 70 Prozent – sind Jugendliche aus Betreuungseinrichtungen. Jeden Morgen liege den Polizisten eine Liste mit Jugendlichen vor, die ihre Einrichtung verlassen haben. „Die meisten kommen heil und selbstständig zurück – oft nach einer Nacht, andere sind länger weg“, sagt Range. An den Temperaturen könne man die Schwankungen ablesen. „Das schöne Wetter animiert dazu, draußen zu bleiben. Wir haben jetzt Vermisstensaison.“ Viele Jugendliche seien in Gruppen unterwegs, das treibe die Zahlen in die Höhe. Und auch die Technik spiele eine große Rolle. „Sie haben die Möglichkeiten, sich per Handy zu vernetzen und sich zu verabreden.“ Eine Ursache für den Anstieg.

Viele Jugendliche verschwinden gleich mehrmals. 2017 wurde ein damals 13-Jähriger sogar rund 100 Mal vermisst. „Der Fall hat uns lang beschäftigt“, sagt Range. Die Polizei macht deutlich, dass sie jeden Fall ernst nehmen. „Wir suchen auch noch das 101. Mal. Denn wir wollen nicht, dass etwas passiert“, betont Sebastian Schütt, Leiter des Kriminalkommissariats Rostock. Man tue immer alles, was technisch möglich sei. Doch wie sind die Vermissten zu finden? Die Hauptarbeit bestehe darin, den Kontakt zum Vermissten und dem Umfeld zu suchen. „Wir sind im ständigen Austausch mit dem Jugendamt und den Betreuungseinrichtungen“, sagt Schütt. Gesucht werde auch über die Öffentlichkeit. „Es hilft, wenn viele Augen suchen. Die Vermissten sind alle irgendwo da draußen.“ In Einzelfällen werde auch über Telefonüberwachung und mithilfe der Daten von Facebook Deutschland ermittelt. Doch dieser Schritt sei nur selten notwendig. „Das zeigt, wie komplex diese Arbeit ist. Wir verfolgen die Fälle mit Sensibilität und großem Aufwand“, erklärt Range. Die Experten betonen jedoch, dass die Hauptlast bei der Suche auf den Schultern des Kriminaldauerdienstes und der Schutzpolizei liege.

Doch die Wurzel des Problems zu packen, sei schwer. Regelmäßig würden sich Vertreter der Stadt, der Polizei und der Einrichtungen zusammensetzen, um eine Lösung zu suchen, die Zahl der Vermissten zu senken. Doch die ist nicht in Sicht. „Diese Masse ist nicht mehr normal. Aus meiner Sicht sind Jugendamt und Politik gefordert“, sagt Range. Den Betreuern seien die Hände gebunden. „Vielleicht sollte so ein Verhalten der Jugendlichen sanktioniert werden oder sie sollten festgehalten werden.“ Das sieht Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) anders. „Es wird keine Lösung geben, bei der sich Polizei und Jugendhilfe einig werden.“

Er betont, dass ein Festhalten überhaupt nicht möglich sei. „Wenn ein Erzieher in einer Wohngruppe einen Jugendlichen festhält oder fixiert, ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt und Zwang ausübt, gibt es sofort eine Meldung beim Landesjugendamt“, erklärt Bockhahn. „Dann ist das schlicht und ergreifend Rechtsbruch. Es ist eine Nötigung, wenn nicht sogar mehr.“ Wenn ein Jugendlicher gehen will, könne man ihn nicht aufhalten. „Jugendhilfe ist eine Sache, die im Normalfall lange dauert“, betont Bockhahn. Schnelle Lösungen, das Verhalten eines Menschen zu ändern, gebe es nicht.

„Wer schon einmal versucht hat, mit dem Rauchen oder Fingernägel-Knabbern aufzuhören, weiß das.“

Ein großer Anstieg

Seit dem Jahr 2009 hat sich die Zahl der Vermissten mehr als vervierfacht. Damals wurden 242 Menschen vermisst. Heute sind es 1007.

9 Langzeitvermisste sucht die Polizei derzeit in der Hansestadt Rostock. Davon sechs ausländische Mitbürger, die vermutlich weitergereist sind.

Zudem wird ein Segler vermisst und eine Bulgarin, die bereits im Jahr 2014 von einem Schiff verschwunden ist. Außerdem wird ebenfalls seit dem Jahr 2014 nach Barbara Ploetz gesucht.

Johanna Hegermann

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