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Grevesmühlen Über 500 Euro mehr pro Monat: AWO-Heim in Grevesmühlen zieht Preise an
Mecklenburg Grevesmühlen Über 500 Euro mehr pro Monat: AWO-Heim in Grevesmühlen zieht Preise an
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10:15 24.03.2019
AWO-Seniorenheim in Grevesmühlen am Wasserturm. Seit dem 1. Februar haben sich die Eigenanteile der Bewohner kräftig erhöht, um die 500 Euro ab Pflegegrad 2. Quelle: Annett Meinke
Grevesmühlen

Seit Februar müssen die Bewohner des AWO-Seniorenzentrums am Wasserturm in Grevesmühlen deutlich mehr für einen Heimplatz bezahlen. Der Eigenanteil stieg um 533,69 Euro auf 1832,12 Euro pro Monat. Ein heftiger Schlag in die Heimbewohner-Kontore. Es trifft in gleicher Weise alle. Seit der letzten Pflegereform zahlen von Pflegegrad 2 bis 5 alle dasselbe in einem Heim – Solidarprinzip 1 sozusagen.

Da Renten von um die 2000 Euro in Nordwestmecklenburg, – wie fast überall in Mecklenburg-Vorpommern –, nicht die Regel sind (siehe Infokasten), kommt nun für fast die Hälfte der Grevesmühlener AWO-Heimbewohner Solidarprinzip 2 zum Tragen – sie müssen einen Antrag auf Sozialhilfe stellen. „Das wird leider für 40 bis 50 Prozent unserer Bewohner Realität“, sagt Marlis Rackow, Leiterin der Grevesmühlener AWO-Einrichtung. Insgesamt hat das AWO-Heim in Grevesmühlen 72 Heimplätze. Vorher waren es um die 25 Prozent, erklärt sie, die bereits Sozialhilfe beantragen mussten, um den Eigenanteil von zuvor insgesamt 1289,43 Euro pro Monat aufbringen zu können.

Zu den selbst zu zahlenden Kosten gehören laut Arbeiterwohlfahrt: der Pflegeaufwand, ein Ausbildungsvergütungszuschlag, Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten. Letztere sind die einzigen, die im Fall des AWO-Heims in Grevesmühlen gleich geblieben sind – 454,47 Euro. Am deutlichsten sind die Kosten für den Pflegeaufwand gestiegen – von vorher 219,25 Euro auf jetzt 677,08 Euro. Gleich blieb die Ausbildungsvergütung (eine Pauschale für Auszubildende, die auf Heimbewohner umgelegt werden darf) mit 112,25 Euro. Die Kosten für Unterkunft sind gestiegen von 267,82 Euro auf 323,67 Euro, die Kosten für Verpflegung leicht, von 226,63 Euro auf 264,65 Euro.

Sozialhilfe im Alter

Im Alter plötzlich Sozialhilfe beantragen müssen – das ist für die Menschen, die in dem Grevesmühlener AWO-Heim leben, eine Demütigung. Sie haben in der ehemaligen DDR zumeist ein Leben lang gearbeitet und sind nun auf Pflege angewiesen.

Sozialhilfe bedeutet, dass alles offengelegt werden muss. Alles, was vielleicht an Sparguthaben noch übrig ist, muss aufgebraucht werden. Den Kindern etwas vererben – Fehlanzeige. Der Selbstbehalt liegt bei 5000 Euro. Existiert kein Erspartes mehr, werden vom Amt auch die Kinder und ihre Vermögensverhältnisse überprüft – ein weiterer Fakt, der vielen AWO-Heimbewohnern in Grevesmühlen oft mehr als unangenehm ist. Insgesamt ist das Thema so schambesetzt, dass sie sich zwar an die Ostsee-Zeitung wenden, weil sie unbedingt über ihren Ärger und Kummer reden möchten, ihre Namen und Gesichter wollen sie der Öffentlichkeit auf keinen Fall preisgeben.

Was viele Heimbewohner und ihre Angehörigen in Grevesmühlen nicht verstehen ist, warum der Anteil der Pflegekassen nach Neuverhandlungen mit der AWO, die im vergangenen Jahr stattfanden, nach wie vor derselbe ist. Und warum sich die Kosten für den Pflegeaufwand vor allem so eklatant erhöht haben. Eine weitere Frage ist, ob denn wirklich alles „rechtens“ zugehe – „in diesen Verhandlungen zwischen Sozialträgern und Kassen“?

Pflegekassen zahlen dasselbe

Tatsächlich ist nach OZ-Recherchen das, was die Pflegekassen an das Grevesmühlener AWO-Heim zahlen, nach wie vor dasselbe: Im Fall des Pflegegrads 2 sind es 770 Euro, Pflegegrads 3 nach wie vor 1262 Euro – und auch bei Pflegegrad 4 und 5 hat sich der Pflegekassenanteil nicht erhöht, blieb es bei 1775 Euro und 2005 Euro. Dass das so ist, kann man als Betroffener noch irgendwie nachvollziehen, seit im vergangenen Jahr öffentlich wurde, dass die Pflegeversicherung im vergangenen Jahr ein Minus von 3,55 Milliarden Euro verbucht hat.

Doch ebenso bekannt ist, dass die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr erneut Einnahmeüberschüsse verzeichnet haben. Rücklagen und Betriebsmittel lagen Ende September 2018 bei 21 Milliarden Euro. Dass es nicht möglich ist, diese von der Solidargemeinschaft der gesetzlich Versicherten bereits zuviel gezahlten Beiträge in die Pflegekassen zu geben, ist nicht wirklich zu vermitteln.

Marlis Rackow, Leiterin des Seniorenzentrums der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Grevesmühlen. Quelle: Annett Meinke

Marlis Rackow weiß, wie Heimbewohner und ihre Angehörigen empfinden, und betont, dass sie Verständnis habe. „Ich kann versichern“, führt sie aus, „dass wir als gemeinnützige AWO Westmecklenburg gGmbH keinen Gewinn erwirtschaften dürfen und das auch nicht tun. Ich habe in der letzten Zeit viele Einzelgespräche geführt, um die Wogen zu glätten.“

Die Erhöhungen würden auf den gestiegenen Kosten für Strom, Wasser, Gas und den dringend notwendigen höheren Löhnen für Pfleger und Service-Personal basieren. Auch Obst und Gemüse sind teurer geworden.“ Auf konkrete Nachfrage erklärt sie, dass sich zudem die Löhne der AWO-Mitarbeiter in Grevesmühlen zum Februar erhöht hätten.

Wenn die Rente nicht mehr reicht

Der Eigenanteil, den Bewohner von Pflege- und Seniorenheimen zahlen müssen, steigt stetig. Der Ersatzkassenverband spricht von 29 Prozent seit 2017, der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste von um die 40 Prozent.

Dem Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung MV zufolge zahlen Heimbewohner mit Pflegegrad 2 bis 5 im Land derzeit durchschnittlich einen Eigenanteil um die 330 Euro – nur für Pflege –, noch 2017 waren es in MV um die 250 Euro für Pflege durchschnittlich. Als Grund für die höheren Kosten im Pflegebereich werden immer höhere Vergütungen für Pflegekräfte benannt.

Durchschnittlich sollen Heimbewohner in MV derzeit um die 1200 Euro pro Monat für ihren Heimplatz zahlen. Bundesweit liegt der Durchschnitt bei 1800 Euro.

Die Durchschnittsrente bei Männern in MV beträgt um die 1100 Euro, bei Frauen sogar nur um die 900 Euro. Um die 90 000 Männer und Frauen in MV erhalten sogar weniger als 900 Euro pro Monat.

Dem Sozialministerium müssen zurzeit um die 40 Prozent der Pflegebedürftigen in MV bereits Sozialhilfe beantragen, um ihren Heimplatz zahlen zu können.

Einblick in die Unterlagen

„Wer genau wissen will, wie sich die Kosten unserer Einrichtung im vergangenen Jahr gestaltet haben, kann sich bei mir melden und erhält selbstverständlich Einsicht in alle Unterlagen“, sagt Rackow. Doch die Buchhaltung ist für Laien kompliziert, so dass auch die Interessenvertretung nicht immer helfen kann. Diese wurde zuerst über die Eigenanteilerhöhung informiert. Marlis Rackow sagt, sie sei froh, Interessenvertreter gewinnen zu können, weil bei den vielen Demenzerkrankten viele das Amt gar nicht ausüben können. Doch stellt sie klar: „Es ging auch nicht darum, dass die Interessenvertretung der Heimbewohner der Erhöhung zustimmen muss. Wir müssen sie lediglich informieren.“

Wer mit der Eigenanteil-Erhöhung im AWO-Heim nicht einverstanden ist, hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Die Zustimmung verweigern – in der Regel wird dann der Rechtsweg beschritten. Oder den Vertrag mit dem Heim kündigen. „Beide Seiten haben das Recht, mit einer Frist zu kündigen“, sagt Marlis Rackow. Natürlich weiß sie, dass es mit Heimplätzen in Nordwestmecklenburg nicht gut aussieht. Die meisten der Heimbewohner und ihre Angehörigen haben der Erhöhung bereits zugestimmt. Sie zahlen den neuen Satz, auch wenn sie wenig Verständnis haben.

Hilflose Petition

Dass Pflege zu Hause ebenso teuer werden kann, darauf weist Marlis Rackow auch hin. „Wenn man bedenkt, dass ein Mensch, der Zuhause gepflegt wird, meist auch noch Miete zahlt und sich mit Essen und Trinken versorgen muss, und oft dann eben doch mehr als die Pflichtleistungen der Pflegekasse braucht, dann wird es meist auch in diesem Fall nicht wirklich günstiger.“

Demgegenüber zählt die Heimleiterin noch einmal die Vorzüge der Versorgung im AWO-Heim in Grevesmühlen auf: Ausschließlich Einzelzimmer, Rundum-Verpflegung, die Zimmer werden gemacht, die Wäsche wird gewaschen, Transporte zu Ärzten werden organisiert, Friseur –und Fußpflege kommt ins Haus, es gibt Gottesdienste, Veranstaltungen. „Es geht den Senioren gut bei uns“, sagt sie.

Das zumindest bestätigen auch die Heimbewohner und ihre Angehörigen, die sich an die Zeitung gewandt haben. Weg aus dem Heim will keiner von ihnen. Um die 50 der Grevesmühlener AWO-Heimbewohner haben bereits eine Petition an den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterschrieben, in der sie auf ihr Problem aufmerksam machen und umgehend neue gesetzliche Regelungen fordern.

Der neue Eigenanteil im Grevesmühlener AWO-Seniorenheim gilt, wie bei allen Vereinbarungen von Heimbetreibern mit den Pflegekassen, jeweils nur für ein Jahr – in diesem Fall bis zum 31. Januar 2020. Theoretisch also könnte die AWO gGmbH für das Seniorenzentrum in Grevesmühlen in diesem Jahr erneut mit den Pflegekassen verhandeln – und im kommenden Jahr eine erneute Erhöhung vorlegen.

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