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Ärger im Jugendamt: Landrätin versetzt Sachgebietsleiter

Grevesmühlen Ärger im Jugendamt: Landrätin versetzt Sachgebietsleiter

Der Fall des dreijährigen Jungen aus Grevesmühlen, der im Mai ins Krankenhaus eingeliefert wurde, schlägt weiterhin hohe Wellen / Jetzt gab es die erste Konsequenz

Grevesmühlen. Der Fall eines drei Jahre alten misshandelten und vernachlässigten Jungen aus Grevesmühlen, der Anfang Mai vom Jugendamt des Landkreises aus seiner Familie genommen und ins Krankenhaus gebracht wurde, sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Und für anhaltende Diskussionen in Nordwestmecklenburg, insbesondere in der Politik. Inzwischen gibt es personelle Konsequenzen: Der zuständige Sachgebietsleiter im Jugendamt wurde von der Landrätin abgesetzt.

 

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Das Jugendamt hat seinen Sitz in der Malzfabrik.

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Landrätin Kerstin Weiss (SPD) hat reagiert.

Quelle: Fotos: Prochnow, Oz
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Das Jugendamt hat seinen Sitz in der Malzfabrik.

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An die Öffentlichkeit war der Fall gekommen, weil sich eine Mitarbeiterin beziehungsweise ein Mitarbeiter der Kreisverwaltung anonym an die OSTSEE-ZEITUNG wandte. Im Jugendamt, so heißt es in dem Schreiben, würde den Mitarbeitern die Arbeit über den Kopf wachsen. Ein Fall wie der des dreijährigen Jungen, der nach einem Aufenthalt im Krankenhaus in eine Pflegefamilie gebracht worden war, sei symptomatisch.

Landrätin Kerstin Weiss (SPD), die selbst erst zehn Tage nach dem Vorfall im Jugendamt von der Angelegenheit in Kenntnis gesetzt worden war, stellte sich schützend vor ihre Behörde. Es seien keine Fehler gemacht worden, betonte sie damals. Im Februar hatte ein Sozialarbeiter die Familie besucht, das Kind habe sich laut Unterlagen des Jugendamtes in einem guten Zustand befunden.

Das Kind befand sich noch bis Ende 2015 in einer Einrichtung der Jugendhilfe in Schwerin. Nach der Entscheidung des Familiengerichts erhielt der Vater, der mit seiner neuen Familie in Grevesmühlen lebte, das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht. Der Vater nahm den kleinen Jungen sofort zu sich, war aber offensichtlich mit der Betreuung und Versorgung des Kindes überfordert. Die leibliche Mutter verweigerte unter anderem die Zustimmung zur Betreuung des Kindes in der Kita. Der Vater hatte sich daraufhin mehrfach an das Jugendamt gewandt und um Hilfe gebeten, die ihm – soweit der Behörde möglich – auch gewährt wurde. Auch am 13. Mai, dem Tag, als eine Mitarbeiterin des Jugendamtes einen Arzt einschaltete und das Kind schließlich gerettet wurde, war der Vater von sich aus ins Jugendamt gekommen und hatte seine Verzweiflung geschildert.

In dem anonymen Schreiben aus dem Jugendamt war von Überlastungsanzeigen die Rede, die die Kollegen geschrieben hätten. Solche Anzeigen sind ein probates Mittel, wenn Mitarbeitern die Arbeit über den Kopf wächst. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass einige Mitarbeiter tatsächlich deutlich mehr Fälle bearbeiten mussten, als gesetzlich vorgeschrieben ist. An anderen Stellen jedoch standen Minus-Stunden zu Buche. Wie passte das zusammen?

Nach Informationen der OSTSEE-ZEITUNG forderte Landrätin Kerstin Weiss Aufklärung vom zuständigen Sachgebietsleiter Tim P. Doch von dort gibt es bis heute keine Antworten. P., erst seit Kurzem in der Kreisverwaltung Nordwestmecklenburgs beschäftigt und Hoffnungsträger, was künftige Führungsaufgaben betrifft, reichte kurze Zeit später einen Krankenschein ein. Bis heute ist er nicht mehr zum Dienst erschienen.

Inzwischen hat Landrätin Kerstin Weiss reagiert, Tim P. ist nach Informationen der OZ kein Sachgebietsleiter mehr. Auf Nachfrage zu diesem Thema, sagt die Landrätin nur: „Es stimmt, er wurde von seinen Aufgaben vorübergehend entbunden. Mehr kann ich dazu nicht sagen, da es sich um eine Personalangelegenheit handelt.“

P. soll gegen die Herabstufung arbeitsrechtlich vorgehen.

Das Pikante an dieser Personalie: Tim P., Mitglied der SPD in Schwerin und seit vielen Jahren lokalpolitisch aktiv, gehörte seit Februar dieses Jahres zum Untersuchungsausschuss, der in der Landeshauptstadt die Vorfälle rund um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Verein „Power for Kids“ aufklären sollte. Nur drei Monate nachdem dieser Ausschuss mit Tim P. die Arbeit aufgenommen hat, soll der Sachgebietsleiter Rede und Antwort stehen und verschwindet von der Oberfläche. Tim P. war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Externer Gutachter soll den Fall des dreijährigen Jungen untersuchen

Der Kreistag hat vor der Sommerpause beschlossen, dass der Fall des dreijährigen Jungen untersucht werden soll. Die Linksfraktion hatte einen entsprechenden Antrag gestellt.

In diesem Zusammenhang musste sich Sozialdezernentin Karla Krüger auf dem Kreistag kritischen Fragen stellen. Sie betonte damals: „Das Jugendamt in Nordwestmecklenburg ist gut aufgestellt und nimmt die Schutzpflichten wahr.“ Doch die Behörde sei von Informationen abhängig. „Was wir nicht wissen, können wir nicht in die Beratung einbeziehen“, hieß es damals. Scharfe Kritik übte CDU-Fraktionschef Thomas Grote. „Sie müssen sich am Schutz messen lassen. Und in diesem Fall weisen Sie alle Schuld von sich. Wie üben Sie denn Ihre Schutz- und Sorgfaltspflicht aus? “, fragte er kritisch nach. Krüger habe als Dezernentin die Kontrollpflicht und müsse auch „mal die Nase reinstecken“, so Grote. Krüger wehrte sich: „Die Verwaltung hat nicht die fachliche Arbeit zu leisten, sondern die Fachkraft, die das studiert hat.“ Auch dafür erntete sie wenig Verständnis. „Die Schuld von sich zu weisen und den Sozialarbeitern zuzuschieben, ist falsch“, so Grote. Auch die Kommunikation innerhalb des Amtes wurde thematisiert. „Es muss Störungen geben, wenn Mitarbeiter an die Presse herantreten“, so Björn Griese (Die Linke).

Vier Stellen bei den Bereichssozialarbeitern sind nach Angaben der Kreisverwaltung wieder besetzt. Sie waren lange Zeit vakant, da mehrere Ausschreibungen keinen Erfolg brachten.

Michael Prochnow

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