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Angriff nach Facebook-Streit: Sieben Jahre Haft gefordert

Schwerin Angriff nach Facebook-Streit: Sieben Jahre Haft gefordert

Vor dem Landgericht Schwerin neigt sich der Prozess um eine Messerattacke eines 29-Jährigen aus Wismar auf einen 19-Jährigen dem Ende entgegen

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Der 29-jährige Wismarer Alexander L. ist wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht Schwerin angeklagt. Am Freitag, 2. Dezember, erwartet er nun das Urteil. FOTO: CORNELIUS KETTLER

Schwerin. Ein fast tödlicher Streit um ein Matherätsel im Internet stellt das Landgericht Schwerin vor eine schwierige Entscheidung. Die Staatsanwaltschaft wertete die Tat am Dienstag als versuchten Totschlag und forderte sieben Jahre Haft. Die Verteidigung verlangte für den geständigen 29-Jährigen aus Wismar, der sozial integriert und nicht vorbestraft sei, ein Strafmaß, das zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Das wären maximal zwei Jahre. Es handele sich um gefährliche Körperverletzung. An diesem Freitag will der Vorsitzende Richter Otmar Fandel das Urteil verkünden.

„Es tut mir wirklich leid, was da passiert ist. Das wollte ich nicht“, sagte der blasse, an den Füßen gefesselte Angeklagte gestern in seinem letzten Wort nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Auch bei der Mutter des 19-jährigen Opfers entschuldigte er sich. Sie saß im Publikum und kämpfte mit den Tränen. Sie könne die Entschuldigung nicht annehmen – nach dem, was ihr Sohn im Krankenhaus durchgemacht habe, sagte die Frau nach der Verhandlung. Der junge Mann aus Wismar, der als Nebenkläger auftritt, war nicht im Gericht. Am 12. April hatte ein Freund des Angeklagten das Matherätsel „Die Hälfte meiner Zahl ist die Hälfte von 400“ auf der Facebook-Seite des späteren Opfers entdeckt. Er kenne den 19-Jährigen noch aus dem Kindergarten, berichtete er als Zeuge. Der 29-Jährige schlug eine Lösung vor, der andere kam auf ein anderes Ergebnis. Man stritt und beschimpfte sich im virtuellen Raum – und dann war die Sache eigentlich erledigt, wie während des Prozesses deutlich wurde.

Am nächsten Vormittag lud der 19-Jährige ein Bild hoch und versah es mit einem Spruch, den der Angeklagte negativ interpretierte und auf sich bezog. Der Streit kam wieder in Gang. Freunde des späteren Opfers beteiligten sich – alle standen gegen einen, so schilderten Zeugen die Auseinandersetzung im Netz, die in wüsten Beschimpfungen und Drohungen gipfelte.

Am frühen Nachmittag trafen dann Täter und Opfer in der Stadt aufeinander – zufällig, wie beide betonten. Der 29-Jährige erklärte, er habe spontan beschlossen, dem anderen „einen Denkzettel“ zu verpassen, ihn „ritzen“ zu wollen. Zweimal stach er mit seinem Apfelsinen-Schälmesser auf sein überraschtes Gegenüber ein – wobei er den zweiten Stich, der das Opfer in Lebensgefahr brachte, nicht erklären konnte. In der anderen Hand hielt er die Apfelsine.

Sein Mandant habe kein Blut wahrgenommen und nicht bemerkt, wie schwer er sein Opfer verletzt habe, sagte sein Verteidiger. Deshalb habe er zunächst noch mit dem am Boden Liegenden gestritten und sei anschließend ruhig weggegangen, habe mit einem Freund dessen Kinder aus der Schule abgeholt und sei mit ihnen auf einem Spielplatz gewesen. Der 19-Jährige konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Er verlor eine Niere. Aufgrund von Komplikationen musste er ein zweites Mal operiert werden.

Dass das Zusammentreffen der beiden wirklich zufällig war, daran zweifelte der Nebenklage-Anwalt. Er räumte aber ein, dass der Nachweis dafür, dass der Angeklagte dem Opfer möglicherweise auflauerte, während der Hauptverhandlung nicht erbracht worden sei. Unverständlich sei ihm der nichtige Anlass, aus dem die Gewalt entstand. Auseinandersetzungen wie diese passierten täglich in den sozialen Medien. Direkt an den Angeklagten – einen passionierten Computerspieler – gewandt, mahnte er: „Im realen Leben hat jeder nur ein Leben, wir können nicht ,game over’ machen.“

Die Staatsanwältin unterstellte dem Angeklagten, dass er sehr wohl den lebensbedrohlichen Zustand seines Opfers erkannt habe. Für sie spricht sein Verhalten nach der Tat für einen kühlen Kopf: Er habe seinen Pullover und das Tatmesser weggeworfen und den Facebook-Chat gelöscht, sagte die Anklagevertreterin. Die Tat sei besonders brutal gewesen, weil der Angeklagte noch einmal zugestochen habe, nachdem er das Opfer bereits in den Bauch getroffen habe. Sie sehe sogar die Nähe zu zwei Mordmerkmalen, sagte sie: Heimtücke und niedere Beweggründe. Die Verteidigung stellte den zweiten Stich hingegen so dar, dass das Opfer beim Wegdrehen quasi in das Messer gefallen sei.

Iris Leithold

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