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Grevesmühlen Ausweichverkehr durch Maut?
Mecklenburg Grevesmühlen Ausweichverkehr durch Maut?
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00:28 15.03.2018
In Klein Siemz steht ein Chausseewärterhaus. Bis 1918 kassierte hier ein Chausseegeldeinnehmer Maut. Typisch: der erkerartige Vorbau. Quelle: Foto: Jürgen Lenz
Selmsdorf

Einen Effekt hat die am vorigen Freitag zwischen Selmsdorf und Schönberg aufgestellte Kontrollsäule für die Lkw-Maut bereits: Viele Autofahrer bremsen vor ihr ab, weil sie annehmen, mit der Säule werde die Geschwindigkeit gemessen. Ungewiss ist dagegen noch, ob das Gerät einen Einfluss auf den Durchgangsverkehr in Selmsdorf haben wird. Wie berichtet, klagen im Ort vor allem Anwohner der B 104 und der Kreisstraße über Lärm – insbesondere durch Lastwagen zu allen Tages- und Nachtzeiten.

Seit dem Bau einer Kontrollsäule für Lkw-Maut an der B 104 bei Selmsdorf bremsen viele Autofahrer. Auswirkungen auf Verkehrsströme sind noch unklar.

„Wir werden die Entwicklung des Lkw-Verkehrs sehr genau beobachten“, kündigt der Selmsdorfer Bürgermeister Marcus Kreft (SPD) an. Er hat sich bereits an das Unternehmen Toll Collect gewandt. Der Hintergrund: Toll Collect bereitet sich technisch auf die Ausweitung der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen am 1. Juli 2018 vor. Nach Auskunft des Unternehmens werden künftig 621 Kontrollsäulen die mobilen Kontrollen des Bundesamtes für Güterverkehr unterstützen. Die Geräte funktionieren ähnlich wie die bekannten Maut- Kontrollbrücken an Autobahnen. Autofahrer können die Kontrollsäulen von „Blitzersäulen“ für die Geschwindigkeitsüberwachung dadurch unterscheiden, dass sie nicht nur blau lackiert sind, sondern mit fast vier Metern auch deutlich höher.

Doch wird die Säule bei Selmsdorf dazu führen, dass Lkw-Fahrer auf die Kreisstraße ausweichen, weil dort auch nach dem 1. Juli keine Maut zu zahlen ist? Oder wird der Verkehr durch Selmsdorf im Gegenteil abnehmen, weil es dann keinen „Ausweichverkehr“ von Lastwagen mehr geben wird, die bisher auf der mautfreien Bundesstraße unterwegs sind statt auf der Autobahn? Dass die Säule umfahren wird, ist nach Einschätzung von Toll Collect nicht zu erwarten. Der Grund: An der Säule wird keine Maut erhoben. Sie ist keine Kassierstelle, sondern ein Kontrollpunkt, an dem stichprobenartig überprüft wird, ob die Maut korrekt entrichtet wurde. Dazu erstellen die im Gerät eingebauten Kameras Bilder vom vorbeifahrenden Lkw. Entrichtet wird die Maut in 96 Prozent aller Fälle mittels eines Gerätes, das im Lkw eingebaut ist. Ansonsten muss sich der Fahrer vor dem Start einbuchen. Möglich ist das an einem Mautstellenterminal sowie online am PC und Smartphone.

Ein weiteres Argument, das gegen das Umfahren spricht: Transportfirmen stehen unter einem enormen Zeit- und Kostendruck. Möglichst viele Aufträge in kurzer Zeit können sie meist nur dann erledigen, wenn sie kurze Wege auf gut ausgebauten Straßen wählen. Das Ausweichen auf weniger gut ausgebaute Straßen kostet meist mehr Zeit und Geld als die Maut.

Trotzdem haben Anwohner der B 104 in Selmsdorf den Eindruck, der Verkehr habe nach der Einführung der Lkw-Maut auf den Autobahnen zugenommen – und damit der Lärm. Mit Zahlen belegen lässt sich das allerdings nicht. Zwischen 2004 und 2005 nahm sowohl der gesamte Fahrzeugverkehr als auch der Lkw-Verkehr auf der B 104 zwischen Lübeck und Selmsdorf und auf der B 104 zwischen Schönberg und Selmsdorf um mehr als die Hälfte ab. Dazwischen lagen die Eröffnung der A 20 zwischen Schönberg und Lübeck am 14. Dezember 2004 und die Einführung der Lkw-Maut auf Autobahnen am 1. Januar 2005. Seitdem sind die von der Bundesanstalt für Straßenwesen mittels automatischer Zählstellen gemessenen Verkehrsströme bis heute im Wesentlichen gleich geblieben.

Chausseewärter kassierten Wegegeld

Was heute die Lkw-Maut ist, dass war in früherer Zeit das Chausseegeld, mit dem der Staat und Privatbetriebe versuchten, ihre Investionen in den Bau und die Unterhaltung von Chausseen zu refinanzieren. Damit schufen sie einen Beruf, der im 19. Jahrhundert verbreitet war, mittlerweile aber ausgestorben ist: den des Chausseegeldeinnehmers.

Sichtbare Zeichen dafür gibt es noch heute. An einigen Bundes- und Landesstraßen stehen Chausseewärterhäuser. Viele sind an ihrem erkerartigen Vorbau zu erkennen.

Durch dessen Fenster konnte der Geldeinnehmer die Chaussee in beide Richtungen einsehen. Er kontrollierte seinen Straßenabschnitt, erledigte kleine Ausbesserungen und sperrte die Straße mit Hilfe eines „Chausseebaums“, vor dem die Lenker von Fuhrwerken anhalten mussten.

Ein Chausseewärterhaus steht in Klein Siemz an der Landesstraße. „Dort wurde bis 1918 Chausseegeld von den Fuhrwerken erhoben“, informiert der Heimatbund für das Fürstentum Ratzeburg in der am vergangenen Sonnabend erschienenen Neuausgabe des Familiengeschichtsbuches „Dreißig Dörfer“. Andere Chausseewärterhäuser sind in Mallentin, Waldeck und – dort mittlerweile ohne erkerartigen Vorbau – unweit von Zarnewenz erhalten.

jl Jürgen Lenz

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