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Eine Art Nachhausekommen

Klütz Eine Art Nachhausekommen

Der in Grevesmühlen geborene Autor Kai Grehn las im Literaturhaus in Klütz aus seinem Buch

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Zu einer Lesung kam Kai Grehn (links) ins Klützer Literaturhaus.

Quelle: Foto: Jürgen Lenz

Klütz. Der Raum unter dem Dach des Literaturhauses in Klütz wird zu einem kleinen Zelt auf einem Berg im Himalaya, zu einer Taucherglocke in den Tiefen des Pazifik, zu einer Raumstation auf der anderen Seite des Mondes. 40 Frauen und Männer folgen dem Schriftsteller Kai Grehn auf einer fantastischen Reise durch Raum und Zeit, durch Realität und Fiktion. Der Autor liest aus seinem Buch „Funken – So glücklich wie wir ist kein Mensch unter der Sonne.“ Das im September im Greifswalder Freiraum-Verlag erschienene Werk ist das erste, das den Literaturpreis Mecklenburg-Vorpommern erhalten hat. Nach der Lesung im Literaturhaus „Uwe Johnson“ wird eine Frau ihren Mann anschauen und sagen: „Ich finde es richtig toll.“ Und ihr Mann wird antworten: „Ja, ganz toll.“

Für Kai Grehn war die Lesung am Freitagabend in Klütz eine Art Heimspiel, ein Nachhausekommen. Der in Berlin lebende Autor und Regisseur wurde 1969 in Grevesmühlen geboren. Dort und in Boltenhagen lebten seine Großeltern. „Ich bin relativ schnell nach Berlin gezogen“, erzählt er. Das Haus seiner Boltenhagener Großeltern existiert nicht mehr. Es wurde abgerissen. Die Großeltern sind in Klütz bestattet. Am Tag der Lesung besucht Kai Grehn ihr Grab. Sein Vater wollte dabei sein, auch bei der Lesung. Doch er ist im Sommer verstorben. Gevatter Tod geistert immer wieder durch Geschichten, die Kai Grehn erzählt. Über weite Strecken jedoch ist sein Buch ein heiteres. An einigen Stellen lacht das Publikum in Klütz. Es hört Erzählungen, die sich scheinbar schwerelos fortbewegen von Satz zu Satz, von Kapitel zu Kapitel bis zum letzten Satz, der kein Ende ist: „Und unbeirrt schwimmen sie weiter der Quelle zu, stromauf ...“ Vorher fragt in diesem Buch jemand: „Wohin geht das, was wir Träume nennen, wenn wir aufhören zu träumen? Und die Liebe? Wohin geht sie, wenn wir aufhören zu lieben? Wohin gehen die Worte hinter den Wörtern, wenn sie beginnen, sich selbst zum Leben zu erwecken?“ Das Kapitel „Der Fluss“ ist eines der stärksten in diesem Buch, dessen Teile eins verbindet: die Figur Hans, eine Art moderner Hans im Glück. Dazu passend stellt der Autor dem Beginn des Textes eine Frage voran, die zu den schönsten Stellen zählt : „Ist nicht ein jeder von uns, schweigend oder schwafelnd auf die ihm eigene Art, die ihm eigene Weise, ist nicht am Ende ein jeder von uns seines Glückes Hans?“

Kais Grehns Fantasie und sein Talent fürs Theater fielen schon in der Schule auf. Nun sitzt er als Autor im Literaturhaus in Klütz vor einer aufmerksamen Zuhörerschaft. Er trägt ein schwarzes Kapuzenshirt, hat graue Haare und einen grauen Bart. Zwischen den Geschichten erläutert er, wie er sie schreibt und warum. Dann gibt es Momente, in denen er innehält, sich mit Worten tastend vorwärtsbewegt, behutsam, suchend, in Sätzen, die unverhofft ihre Richtung wechseln können wie ein mäandernder Fluss, auf dem der Kapitän eines Schiffes nicht wissen kann, was hinter der nächsten Biegung auf ihn und seine Passagiere wartet. Unglück oder Glück?

Der Hans in Kai Grehns wundersamen, wundervollen Werk ist ein Suchender. Er verlässt die Stadt mit ihrem Gedränge und Gemenge. „Ein ununterbrochenes Getöse und Getöne. Mit einem Wort: Das Leben – das Leben mit seinen Blähungen, seinen Blasphemien, seinen Katatonien, seinem Kopfschmerz, seinem Kommerz“, heißt es im zweiten Kapitel. Kai Grehn hat ihm die Überschrift „Der Spaziergänger“ gegeben.

Hans erlebt einen lichten Moment, verlässt seine Behausung, flaniert durch die Stadt, ziellos, nichts wollend. Er nimmt die Umgebung wahr als sähe er sie zum ersten Mal. Das Leben umbrandet ihn. Er folgt einer Melodie, einer Erinnerung. Er geht aus der Stadt. Hans lässt zurück, was er in ihr war: „Ein Laufbursche seiner selbst, hastend durch Einbahnstraßen ohne Anwesenheit.“ Auf seinem Weg durch Raum und Zeit wird Hans einem Riesen und einer Riesin begegnen, mit einer Libelle und einer Schildkröte sprechen und, das vor allem, seinen Großvater treffen. Dann hört Hans das Flüstern der Grashalme, das Flügelschlagen der Adler und der Gänse. Er lernt auch ohne Worte zu verstehen. Das Große wird ihm klein, das Kleine groß, das Nahe fern, das Ferne nah. Er hört das Geflüster der Urgroßväter. „Ein Baum ohne Wurzeln“, denkt Hans, „hört auf ein Baum zu sein.“

„Funken“ von Kai Grehn kann ein spannendes Buch sein, das man nicht aus der Hand legen will, bevor es zu Ende gelesen ist. Die Geschichten sind fantasievoll, vergnüglich, anregend, Sprungbretter für die eigene Einbildungskraft – wenn man sich auf ihre Poesie, ihre Melodie und ihre ganz eigene Logik einlässt. Sonst passiert leider nichts.

Literaturpreis

Kai Grehn war erster Literaturpreisträger von Mecklenburg-Vorpommern. Dazu die Begründung der Jury: „Dem Text gelingt es, seine Leserinnen und Leser durch Märchenmotive, seinen eigenen Ton und eine dichte, geradezu musikalische Prosa in eine leichte, heitere, beinahe sedierte Stimmung einzulullen, in ein schönes Aus-der-Welt-gefallen-Sein, in das dann aber doch, über das Thema der Glücksuche, wie unterschwellig eine ganze Menge Welt hineingerät, von der Vergangenheit der Großeltern bis hin zu den Glücksversprechen und Glücksimperativen unserer Gegenwart.“

Jürgen Lenz

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